Monday, September 1, 2014
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Lady Macbeth von Pjöngjang

TOKIO – Das kommunistische Regime in Nordkorea steht Berichten zufolge kurz vor der Vollendung seines zweiten dynastischen Machtwechsels, dieses Mal von Kim Jong Il, der seit 1994 an der Macht ist, auf seinen jüngsten Sohn Kim Jong Un. Der laufende Parteitag der nordkoreanischen Arbeiterpartei ist der erste seit 44 Jahren und das bisher deutlichste Zeichen, dass der schwer kranke „Geliebte Führer“ Kim die Krone des von seinem Vater Kim Il Sung errichteten Einsiedler-Königreiches weitergeben wird.

Ein Grund für die dynastische Nachfolge ist die von Kim Il Sung entwickelte  nationale Juche-Ideologie, eine Mischung aus Kommunismus und Autarkie mit einer gehörigen Portion konfuzianischer Werte. Konfuzianismus erhebt die idealisierte Bindung zwischen Vater und Sohn zum Vorbild für alle menschlichen Beziehungen, so auch zwischen Herrscher und Beherrschten. So wie es die höchste Pflicht eines konfuzianischen Sohnes ist, seinen Vater zu verehren, ist es die höchste Pflicht des  konfuzianischen staatlichen Subjekts den Herrscher zu verehren.

Wie sein Vater hat Kim Jong Il Machtpositionen konsequent mit Familienangehörigen besetzt. Kim Jong Un, der dritte Sohn von Kim Jong Il und seiner verstorbenen Gemahlin Ko Young Hee, ist bereits vor knapp einem Jahr als Nachfolger seines Vaters ins Gespräch gebracht worden.

Nordkoreanische Propagandisten nennen Kim Jong Un den „Jungen General“, offen bleibt jedoch, ob er die gleiche absolutistische Autorität verströmen wird wie sein Vater. Zum einen ist er jung und unerfahren, zum anderen könnte sich seine Tante Kim Kyong Hui, Schwester von Kim Jong Il und Ehefrau von Chang Song Taek, der in der Hierarchie Nordkoreas Platz zwei in der Rangfolge einnimmt, dagegen wehren sich Macht entgleiten zu lassen.

Obwohl man nur selten etwas von ihr hört und sieht, hat Kim Kyong Hui, die am 30. Mai 1946 als Tochter von Kim Il Sung und seiner ersten Frau Kim Jong Suk zur Welt kam, in einer Reihe von Schlüsselfunktionen in der Arbeiterpartei gedient, so auch als stellvertretende Vorsitzende für internationale Kontakte und Leiterin der Abteilung für Leichtindustrie. Im Jahr 1988 wurde sie Mitglied des allmächtigen Zentralkomitees – ein Posten, den sie bis heute inne hat.

Kim Kyong Hui war vier Jahre alt als ihre leibliche Mutter starb. Nach der erneuten Heirat ihres Vaters Kim Il Sung wurde sie von verschiedenen Ersatzeltern fernab der Familie aufgezogen. Diese Rolle als außenstehende Beobachterin der Beziehung zwischen ihrem Vater und ihrer Stiefmutter und deren Zuneigung zu ihren Halbbrüdern soll sie verbittert und zur Ausprägung einer erbarmungslosen Persönlichkeit geführt haben. Sogar Kim Jong Il soll gesagt haben: „Wenn meine Schwester gewalttätig wird, kann sie niemand stoppen. Nicht einmal ich.“

Als Kim Jong Il sein Leben mit seiner zweiten Ehefrau begann, versuchte Kim Kyong Hui, von Rivalität getrieben, Ärger zu stiften. Nach ihrer Heirat mit Chang Song Taek begann sie selbst eine Art hedonistisches Leben zu führen, was sie allerdings nicht davon abhielt das Betragen ihres Mannes genauestens zu überprüfen und bei den leisesten Anzeichen von Untreue Eifersuchtsanfälle zu bekommen.

Kim Jong Il zufolge war seine Schwester „meine einzige Blutsverwandte, um die ich mich kümmern sollte, darum hat mich meine Mutter bis zum Augenblick ihres Todes  gebeten“. Ihre Mutter, Kim Jong Suk, soll an schweren Blutungen im Zuge einer durch Kummer über die Liebesaffäre von Kim Il Sung mit Kim Song Ae ausgelösten Frühgeburt gestorben sein. Kim Il Sung war angeblich ins Krankenhaus geeilt, hatte die Tür zu ihrem Zimmer jedoch verschlossen vorgefunden. Als sie starb waren lediglich ihr Arzt und Kim Jong Il anwesend.

Chan Giryok, der damals Kim Jong Suks Hausarzt war und inzwischen als Arzt an der Nagoya Universität in Japan arbeitet, erzählt jedoch eine andere Version der Geschichte. Chan zufolge war Kim Jong Suk in Kim Il Sungs Haus in Pjöngjang in der Nähe der sowjetischen Botschaft und hatte Streit mit ihm. Von weitem konnte der Arzt sehen, dass Kim Il Sung eine Pistole in der Hand hielt. Der Arzt, der Chirurg und kein Geburtshelfer war, hatte infrage gestellt, ob es klug gewesen war ihn holen zu lassen, um schwere Blutungen infolge einer Frühgeburt zu behandeln. Er glaubt, dass er gerufen worden war, um Blutungen zu behandeln, die durch etwas anderes verursacht worden waren.

Kim Jong Il, von dem bekannt ist, dass er eine starke Bindung zu seiner leiblichen Mutter hatte, muss psychisch davon beeinträchtigt worden sein die Ermordung seiner Mutter mit angesehen zu haben. Von dem Augenblick an, in dem seine Mutter gestorben ist, behielt er seine jüngere Schwester stets in seiner Nähe.

In einem Land, in dem Vertrauen eine Seltenheit ist, ist Kim Kyong Hui die einzige Blutsverwandte, der Kim Jong Il jemals volles Vertrauen geschenkt hat. Zudem ist beiden die Abstammung vom Großen Führer, oder Suryong, und auf mütterlicher Seite von Kim Jong Suk gemeinsam. Beide sind treue Anhänger der absoluten Herrschaft des Suryong und der Erbfolgeregelung.

In einer Ansprache vor dem Zentralkomitee nach dem Tod von Kim Il Sung sagte Kim Jong Il: „Kim Kyong Hui ist ich selbst, Kim Kyong Huis Worte sind meine Worte und von Kim Kyong Hui erteilte Weisungen sind meine Weisungen.“

Kim Kyong Huis Absicht, nach dem Ableben ihres Bruders Macht auszuüben wird von Gerüchten genährt, dass sie im Juni daran beteiligt war einen Verkehrsunfall zu arrangieren, bei dem Ri Je Gang ums Leben kam, der hochrangiger Parteifunktionär war und als hinter Kim Jong Un stehend galt. Ri Je Gang soll versucht haben Kim Kyong Hui und ihre engen Verbündeten von der Macht zu verdrängen. Unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt lassen solche Gerüchte auf das Ausmaß ihres Einflusses schließen.

Tatsächlich wächst die Überzeugung, dass Kim Jong Il seine Schwester Kim Jong Hui jeden Augenblick zur Hüterin seines Nachfolgers in der dritten Generation abstellen könnte. Kim Kyong Hui könnte allerdings andere Pläne haben und selbst Kim Jong Ils Nachfolge antreten wollen.

Seit jeher geht von Nordkorea die Bedrohung aus, dass es einen weiteren Krieg anzetteln könnte, ob durch Fehleinschätzung oder absichtlich. Selbst wenn der „Junge General“ oder seine Tante sich nicht als verstörte Größenwahnsinnige erweisen sollten, eröffnet sich durch den bevorstehenden Machtwechsel eine neue Ära der Unsicherheit, insbesondere in Anbetracht der wirtschaftlichen Probleme Nordkoreas.

Ob Kim Jong Un oder Kim Kyong Hui beabsichtigen unbeirrt in auswegloser Isolation zu verharren oder wirtschaftlichen Wandel einzuführen, es mangelt ihnen hierfür an den notwendigen Voraussetzungen: Sie können keine aktiven Beiträge zur Revolution für sich verbuchen und ihre Machtposition ist nicht ausreichend gesichert. Wenn Kim Jong Il die Bühne verlässt und politische Instabilität auf wirtschaftlichen Verfall trifft, könnte das Regime auseinanderfallen.

Der südkoreanische Präsident Lee Myung Bak hat klugerweise begonnen sich auf diese Eventualität vorzubereiten und eine spezielle „Vereinigungssteuer“ vorgeschlagen, die dazu beitragen soll die Kosten des möglichen Zerfalls der Dynastie Kim zu finanzieren. Japan und das restliche Asien sollten ebenfalls Vorbereitungen für diesen Tag treffen.

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