18

Das Verlorene Paradies der Arbeit

LONDON – Die Menschen in den Industrieländern fragen sich, wie ihre Länder nach der „großen Rezession“ zur Vollbeschäftigung zurückkehren sollen, und vielleicht täten wir gut daran, uns mit einem visionären Essay zu beschäftigen, den John Maynard Keynes im Jahr 1930 verfasst hat und der den Titel trägt: „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“.

1936 hatte Keynes seine Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes veröffentlicht und den Regierungen intellektuelles Rüstzeug zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit an die Hand gegeben, die durch Konjunkturrückgänge verursacht wird. Im oben erwähnten, früheren Essay hatte Keynes zwischen Arbeitslosigkeit unterschieden, die durch temporäre wirtschaftliche Einbrüche entsteht, und dem, was er „technologische Arbeitslosigkeit“ nannte – gemeint ist „eine Arbeitslosigkeit, die entsteht, weil unsere Entdeckung von Mitteln zur Einsparung von Arbeit schneller voranschreitet als unsere Fähigkeit, neue Verwendungen für Arbeit zu finden“.

Keynes ging davon aus, dass wir von dieser Art der Arbeitslosigkeit in Zukunft noch viel hören würden. Er glaubte aber dennoch, dass ihre Entstehung Grund zur Hoffnung und nicht etwa zur Verzweiflung bot. Denn ihr Aufkommen zeigte, dass zumindest die fortschrittlichen Länder dabei waren das „wirtschaftliche Problem“ zu lösen – das Problem der Knappheit, das die Menschheit zwang, ein mühevolles, von Arbeit geprägtes Leben zu führen.

Die menschliche Arbeitskraft wurde zusehends durch Maschinen ersetzt, die eine enorme Produktivitätssteigerung in Aussicht stellten, die sich mit einem Bruchteil der vorher notwendigen menschlichen Anstrengungen erzielen ließe. Tatsächlich dachte Keynes, dass die meisten Menschen in der heutigen Zeit (Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts) lediglich 15 Stunden pro Woche arbeiten müssten, um all das zu produzieren, was sie für einen komfortablen Lebensunterhalt benötigen.

Obwohl die Industrieländer heute in etwa so reich sind wie Keynes damals angenommen hatte, arbeiten die meisten von uns wesentlich mehr als 15 Stunden pro Woche, auch wenn wir tatsächlich länger Urlaub nehmen und die Arbeit körperlich weniger belastend ist als früher und wir länger leben. Im Wesentlichen hat sich die Prophezeiung nicht erfüllt, dass alle über bedeutend mehr Freizeit verfügen würden. Die Automatisierung ist rasch vorangeschritten, aber die meisten Beschäftigten leisten trotzdem durchschnittlich 40 Arbeitsstunden pro Woche. Tatsächlich sind die Arbeitszeiten seit Anfang der 1980er-Jahre nicht gesunken.

Die „technologische Arbeitslosigkeit“ ist unterdessen gestiegen. Seit den 1980er-Jahren ist es uns nicht mehr gelungen, zur Vollbeschäftigung der 1950er- und 1960er-Jahre zurückzukehren. Auch wenn die meisten Menschen immer noch eine 40-Stunden-Arbeitswoche haben, ist eine erhebliche und wachsende Minderheit mit ungewollter Freizeit in Form von Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und unfreiwilligem Rückzug vom Arbeitsmarkt konfrontiert. Und während wir uns von der gegenwärtigen Krise erholen, gehen die meisten Experten davon aus, dass diese Gruppe noch größer werden wird.

Das bedeutet, dass es uns größtenteils nicht gelungen ist, wachsende technologische Arbeitslosigkeit in mehr freiwillige Freizeit umzuwandeln. Der Hauptgrund dafür ist, dass sich die Wohlhabenden den Löwenanteil der in den vergangenen 30 Jahren erzielten Produktivitätsgewinne einverleibt haben.

Vor allem in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien haben wir seit den 1980er-Jahren eine Rückkehr zum Kapitalismus erlebt, der „blutig rot an Zähnen und Klauen“ ist, wie Karl Marx ihn gesehen hat. Die Reichen und sehr Reichen sind noch sehr viel reicher geworden, während die Einkommen aller anderen stagniert sind. Die meisten Menschen sind also nicht vier- oder fünfmal besser gestellt, als sie es im Jahr 1930 waren und es ist nicht verwunderlich, dass sie länger arbeiten als Keynes erwartet hatte.

Da ist jedoch noch etwas anderes. Der moderne Kapitalismus facht durch alle Sinne und jede Pore den Konsumhunger an. Seine Befriedigung ist zum großen Linderungsmittel der modernen Gesellschaft geworden, unsere trügerische Belohnung für absurd viele Arbeitsstunden. Die Werbung verkündet eine einzige Botschaft: Entdecken Sie Ihre Seele beim Einkaufen.

Aristoteles kannte Unersättlichkeit nur als Charaktermangel eines Einzelnen; er hatte keine Vorstellung von der kollektiven, politisch orchestrierten Unersättlichkeit, die wir Wirtschaftswachstum nennen. Die Kultur des „immer mehr“ wäre ihm wie moralischer und politischer Irrsinn vorgekommen.

Ab einem gewissen Punkt ist es auch wirtschaftlich betrachtet Wahnsinn. Und zwar nicht allein oder hauptsächlich, weil wir ohnehin früh genug an die natürlichen Grenzen des Wachstums geraten werden, sondern weil wir nicht mehr viel länger Arbeit einsparen als wir neue Verwendungen für sie finden können. Dieser Weg führt zu einer Spaltung der Gesellschaft in eine Minderheit von Produzenten, Berufstätigen, Aufsichtspersonen und Spekulanten auf der einen Seite und eine Mehrheit an Untätigen und nicht beschäftigungsfähigen Individuen auf der anderen Seite.

Abgesehen von den moralischen Implikationen würde eine solche Gesellschaft vor einem klassischen Dilemma stehen: Wie ließe sich der unaufhörliche Druck zu konsumieren mit stagnierenden Einkünften vereinbaren? Bislang hat die Antwort im Aufnehmen von Krediten bestanden, was in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften zu den massiven Schuldenüberhängen von heute geführt hat. Das ist offenkundig nicht tragbar und somit auch keine Lösung, weil ein regelmäßig wiederkehrender Zusammenbruch der Wohlstandserzeugungsmaschinerie vorprogrammiert ist.

Tatsache ist, dass wir unsere Produktion nicht weiter erfolgreich automatisieren können, ohne unsere Einstellung zum Konsum, zur Arbeit, zur Freizeit und zur Einkommensverteilung zu überdenken. Wenn wir unsere soziale Vorstellungskraft nicht auf diese Weise bemühen, wird die Erholung von der aktuellen Krise lediglich den Auftakt zu weiteren erschütternden Katastrophen bilden.