The World in Words
Der Prophet und die Volkskommissare
Nina L. Khrushcheva
MOSKAU – Propheten, so heißt es, gelten nichts im eigenen Land. Dennoch hat Moskau erst kürzlich einen außergewöhnlichen Anblick miterlebt: Alexander Solschenizyn, der Dissident und ehemals ins Exil verbannte Autor von Der Archipel Gulag und Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, erhielt eine Beisetzung, die einem Staatsbegräbnis gleichkam, bei der Premierminister Wladimir Putin als Haupttrauergast auftrat.
Es scheint also so, als stelle Alexander Solschenizyn selbst im Tode noch eine nicht zu vernachlässigende Macht dar. Doch steht er im Einklang mit den befreienden Perspektiven seiner größten Werke?
Traurigerweise wird Kunst in Russland immer dazu benutzt, den Narzissmus der Macht zu untermauern. Solschenizyn wurde zweimal zu diesem Zweck benutzt. Das Paradoxe ist, dass seine Werke in der Sowjetzeit kurz als Kraft zur Befreiung eingesetzt wurden, denn Nikita Chruschtschow genehmigte die Veröffentlichung von Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, um seine antistalinistische Tauwetterperiode zu stützen. Im heutigen angeblich freien und demokratischen Russland wird Solschenizyn jedoch für seinen Nationalismus, orthodoxen Messianismus und seine Verachtung für die angebliche Dekadenz des Westens idealisiert – alles Botschaften, die Putins Regierung täglich lauthals verkündet.
Die alte sowjetische Ikonographie ist vollkommen zerrüttet. Nicht einmal Putin gelang es, trotz heldenhafter Bemühungen, Lenin, Stalin und das alte Sowjetpantheon wieder zu rehabilitieren. Dennoch weiß der Kreml, dass er in dieser Zeit, in der Russland sich auf seine neue vom Öl angetriebene Autokratie einstellt, einen Ersatz für sie braucht. Es scheint sicher, dass Solschenizyn, einer der berühmtesten und heldenhaftesten Regimekritiker der Sowjetära, zu einer überragenden Figur in der Ikonographie des Putinismus erhoben wird.
Während seiner Präsidentschaft beschwor Putin Russland wiederholt als alten, mächtigen und durch göttliche Fügung entstandenen Staat, der eintausend Jahre zurückreicht, eine vom Westen getrennte Zivilisation, weder kommunistisch noch eine westliche liberale Demokratie. Diese Botschaft lässt Solschenizyns berühmte Festansprache in Harvard 1978 widerhallen: „Jede alte, tief verwurzelte autonome Kultur, insbesondere wenn sie sich über einen großen Teil der Erdoberfläche erstreckt, stellt eine autonome Welt dar, die für die westliche Denkweise voller Rätsel und Überraschungen steckt. Russland zählt seit 1000 Jahren zu einer solchen Kategorie.“
Durch seinen Wunsch, Russland als große Nation zu sehen, deren ewiger Geist dem vulgären Materialismus des Westens überlegen ist, unterstützte Solschenizyn, ein Überlebender des vom KGB durchgesetzten Gulagsystems, im Alter den Ex-KGB-Mann Putin, der einmal sagte, dass es so etwas wie einen Ex-KGB-Mann nicht gibt und den Zusammenbruch der Sowjetunion als größte geopolitische Katastrophe der Moderne ansieht. Trotzdem schien Solschenizyn Putin als „guten Diktator“ hinzunehmen, der Russlands Seele verbesserte, indem er seine Kritiker zum Schweigen brachte.
Es ist ein Armutszeugnis für Russlands gegenwärtige geistige Haltung, dass man die Erinnerung an Solschenizyn, den antimodernistischen Spinner, pflegt, nicht die an Solschenizyn, den großen Feind der sowjetischen Barbarei und Verlogenheit. Heutzutage werden seine Schriften als etwas angesehen, das den Staat unterstützt und nicht die individuelle Freiheit. Werke wie der Romanzyklus Das rote Rad, eine weitschweifige Erzählung über das Ende des russischen Kaiserreichs und die Entstehung der UdSSR, oder sein letztes 2001 geschriebenes Buch mit dem Titel Zweihundert Jahre zusammen: Die Juden in der Sowjetunion über das russisch-jüdische Zusammenleben scheinen rückständig, moralisierend, konservativ, unverständig, manchmal sogar antisemitisch, und haben den Beigeschmack von Solschenizyns eigenen erbitterten autoritären Vorstellungen.
Sowohl Putin als auch Chruschtschow wollten Solschenizyn für ihre Zwecke ausnutzen. Putin gelobte, das moralische Rückgrat der Russen wiederherzustellen und ihren Ruhm und internationalen Respekt wiederzubeleben. Um dieses Ziel zu erreichen, war er bestrebt, der Hochkultur Priorität im russischen Leben einzuräumen und die Massenmedien auf ihren (politisch) untergeordneten Platz zu verweisen. Putin stellte Solschenizyn als Beispiel für diejenigen hin, die das Ideal Großrusslands symbolisieren – „ein Modell der aufrichtigen Hingabe und des selbstlosen Dienstes an Volk, Vaterland und den Idealen der Freiheit, Gerechtigkeit und des Humanismus.“
Unter Chruschtschow wurde Solschenizyns Werk dagegen dazu benutzt, das Land aus den Klauen des Stalinismus zu befreien. Als Chruschtschow die Veröffentlichung von Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch gestattete, war ihm klar, dass er die gesamte Sowjetära bis zu diesem Punkt untergrub. Mit dem Sturz Chruschtschows 1964 kehrte Leonid Breschnjew jedoch, ohne Zeit zu verlieren, wieder zur orthodoxen Linie zurück und ächtete Bücher, die den Ruf der Partei gefährdeten. Solschenizyn wurde verboten und somit zunächst in den Untergrund und dann ins Exil gedrängt.
Dennoch sah Chruschtschow, isoliert und in Ungnade gefallen, weiterhin eine Verbindung zwischen sich selbst und dem großen Autor. Solschenizyn selbst schrieb in seinen Memoiren Die Eiche und das Kalb: „ … noch 1966 schickte er [Chruschtschow] mir Neujahrsgrüße, was mich überraschte, weil ich kurz davor stand, verhaftet zu werden. Vielleicht wusste er (in Ungnade gefallen) nicht davon.“
Eine Lektion der Revolution in Osteuropa von 1989 ist die Bedeutung der Tatsache, dass aufrichtig demokratisch gesinnte Persönlichkeiten die Flucht aus dem Kommunismus anführten. Polen hatte Lech Welesa, die Tschechoslowakei Václav Havel. Beide hielten ihre Länder während der gewaltigen Umwälzungen ruhig.
Russland hatte leider niemanden mit der moralischen Autorität, um die heftigen Gemütsregungen des Volkes zu glätten. Nur Solschenizyn und Andrei Sacharow konnten Walesa und Havel, was moralische Autorität angeht, das Wasser reichen, doch war Sacharow bis zum Zusammenbruch des Kommunismus tot und Solschenizyns Ideen waren zu konservativ und zu sehr dem russischen Nationalismus verhaftet, als dass er in einer multinationalen Sowjetunion zum Symbol für Demokratie hätte werden können.
Das Tragische an Solschenizyn ist, dass er, obwohl er bei der Befreiung Russlands vom Totalitarismus eine gewichtige Rolle spielte, den einfachen Russen nach ihrer Befreiung nichts zu sagen hatte, außer sie zu tadeln. Doch vielleicht entfliehen wir Russen eines Tages unseren falschen Träumen; und wenn dieser Tag kommt, wird uns der heldenhafte Solschenizyn wiedergegeben, der Solschenizyn, der niemals aufgab und nie bestechlich war. Doch brauchen wir diesen Solschenizyn gerade jetzt am meisten. Denn frei nach der Beschreibung der Hölle in Miltons Das verlorene Paradies kann man über Solschenizyn sagen: „Er ist kein Licht, nur sichtbar finstre Nacht.“
Copyright: Project Syndicate, 2008.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Anke Püttmann
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