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Die zwei Gesichter des Wladimir Putin

Nina L. Khrushcheva

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2005-06-30

Vor kurzem trat Russlands gespaltene Persönlichkeit – die auch durch sein zaristisches Wappentier, den zweiköpfigen Adler, symbolisiert wird – wieder offen zutage. Auf der einen Seite geht das Regime von Präsident Wladimir Putin in die Charmeoffensive. Man strebt eine Lösung für den seit sechzig Jahren währenden Territorialkonflikt mit Japan um die Kurileninseln an und beschwichtigt Investoren nach der Verurteilung des Ölmilliardärs Michail Chodorkowski. Auf der anderen Seite allerdings weigert sich Putin, die russische Militärgarnison aus der abtrünnigen moldawischen Region Transdniester abzuziehen, und Staatsanwälte sprechen in bedrohlicher Weise davon, noch mehr Oligarchen auf die Anklagebank zu bringen.

Am offensten zur Schau getragen wurde diese politische Schizophrenie vielleicht letzten Monat am Roten Platz in Moskau, wo man anlässlich des 60. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs eine groteske Ansammlung roter Siegflaggen, dreifärbiger zaristischer Flaggen, neben Stalin-Porträts und orthodoxen Ikonen sah. Putin ergriff diese Gelegenheit, um sein politisches Mantra zu wiederholen – „Russland entwickelt seine eigene Art der Demokratie“ – während andererseits Anliegen der baltischen Staaten abgewiesen wurden, wonach Russland seine Abmachungen mit Hitler offen legen sollte, die zur Besetzung dieser Staaten am Vorabend des Zweiten Weltkrieges führten.

Diese bizarre Zweigleisigkeit scheint aus dem Bemühen entstanden zu sein, das Unversöhnliche zu versöhnen, nämlich die Sehnsucht nach Demokratie in der Gegenwart mit der despotischen Vergangenheit Russlands. Wie immer führt auch dieses Durcheinander nur zur Verwirrung der Russen über ihr Land und sich selbst. Seltsamerweise scheint auch Putin in diesem Wirrwarr gefangen.

Zeitweise sieht sich Putin tatsächlich als „Modernisierer“, der versucht, Russland im Westen zu verankern. Manchmal allerdings glaubt er, wie Stalin, dass die Macht Russlands eine starke Hand benötigt – und bezeichnet das als „Diktatur des Gesetzes“. Wie die Verurteilung Chodorkowskis allerdings gezeigt hat, liegt das Problem darin, dass die Diktatur die Oberhand über das Gesetz zu behalten scheint.

Historisch betrachtet führten sämtliche Modernisierungsversuche in Russland, selbst wenn sie real erscheinen wie Stalins Industrialisierung oder Jelzins Marktreformen, zu Situationen, die einem Potemkinschen Dorf glichen, denn die russische Gesellschaft kann sich nicht schnell genug verändern oder die nötige Geduld aufbringen, um diese Veränderungen auch durchzuhalten.

Da Jelzins Demokratisierung im amerikanischen Stil in den 1990er Jahren nicht augenblicklich den „ordentlichen“ Kapitalismus mit sich brachte, verordnete Putin dem Land bei seinem Amtsantritt die Wiederherstellung der staatlichen „Ordnung“, so als ob für ein stabiles politisches oder wirtschaftliches System eine Verschmelzung der sowjetischen Vergangenheit mit der orthodoxen Kirche oder der Mütterchen-Russland-Symbolik nötig gewesen wäre.

Tatsächlich ist es Putins typisches Charaktermerkmal, dass er für alle Russen alles sein möchte. Putin scheint zu glauben, dass er durch die Vermischung der sowjetischen mit der zaristischen Vergangenheit und ein paar Versatzstücken aus der Demokratie der Jelzin-Ära die Extreme der russischen Geschichte neutralisieren kann. Allerdings scheinen diese Extreme vielmehr die Sehnsucht nach Modernisierung herauszustellen.

Die hohen Ölpreise scheinen momentan der einzige Faktor zu sein, der es Putin erlaubt, die Reformfarce in Gang zu halten. Der im 19. Jahrhundert herrschende Zar Alexander III. formulierte es so: „Russland hat nur zwei wahre Verbündete – seine Armee und seine Flotte.“ Das Öl ist Putins Armee und Flotte, die es ihm ermöglichen, das Image eines starken, aber auch internationalistischen Staates aufzubauen und aufrecht zu erhalten.

Die Formel Alexanders III. ist unter Putins Nationalisten in Moskau und St. Petersburg noch immer populär. In seinem proimperialen Film „Der Barbier von Sibirien“ benützte der mit einem Oscar ausgezeichnete russische Filmregisseur Nikita Michalkow – dessen Vater die Nationalhymne der Stalin-Ära komponierte, die Putin kürzlich wieder aus der Versenkung holte – die Krönung Alexanders III. als symbolisches Schaustück für die Größe Russlands. Das war eine Einladung an russische Staatschefs es diesem Zaren gleichzutun.

Diesem mit einem starken Willen ausgestatteten Monarchen, der das russische Zarenreich autokratisch regierte, gelang es, Stabilität und Wohlstand in das Land zu bringen, wodurch der Kapitalismus Fuß fassen konnte. Er forcierte die Stärkung und Modernisierung der russischen Streitkräfte und vermied gleichzeitig, in bewaffnete Konflikte verwickelt zu werden. Bekannt wurde er als der „Bauernzar“, obwohl er keinerlei Opposition gegen seine Vorstellungen duldete.

Putin glaubt sein Kreuzzug zur Rettung Russlands vor dem Zerfall und dem Separatismus sei dem Alexanders III. ähnlich. Wie zukunftsweisend ist allerdings ein Modell für ein Land des 21. Jahrhunderts, das auf einem absolutistischen Beispiel aus der Vergangenheit aufbaut?

Stalin ist ein weiteres hoch gehaltenes Vorbild. Auch hier versucht Putin, es jedem Recht zu machen. Einmal nennt er Koba einen Tyrannen, um die verletzten Gefühle der baltischen Staats- und Regierungschefs zu beruhigen, relativiert allerdings seine Aussagen umgehend und meint dann Stalin war kein Hitler. Kann der Grad der Bösartigkeit dieser beiden Männer wirklich verglichen werden?

Obwohl er sich ständig auf Tuchfühlung mit den Staats- und Regierungschefs dieser Welt geht und sich selbst als Modernisierer präsentiert, ist Putin, wie seine Vorgänger, eigentlich ein Machthaber, der glaubt, dass nur die autoritäre Herrschaft sein Land vor Anarchie und Zerfall schützen kann. Allerdings entsprechen die alten Vorstellungen, Adaptionen und Symbole, die Putin zur Erreichung seiner Ziele einsetzt nicht mehr der Realität und den Fähigkeiten Russlands von heute.

Früher war die westliche Mission Russlands ein reines Potemkinsches Dorf. Heute scheint das Russische selbst keine sichere Grundlage mehr zu haben und nichts anderes zu sein als ein leerer Rahmen für ausrangierte Staatssymbole. Wie bei einem schlechten Autofahrer kracht es zwangsläufig auch bei einer Nation, die nach links und rechts sieht, aber niemals geradeaus.

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AUTHOR INFO

Nina Khrushcheva, author of Imagining Nabokov: Russia Between Art and Politics, teaches international affairs at The New School and is senior fellow at the World Policy Institute in New York.