WEEKLY SERIES

THOUGHT LEADERS

GLOBAL PERSPECTIVES

INTERNATIONAL INSIGHT

MIND AND MATTER

SPECIAL SERIES

PROJECT SYNDICATE

The World in Words

Ahmadinedschads Abstieg

Mehdi Khalaji

English Spanish Russian French German Czech Chinese Arabic
2007-10-18

Seine scharfe Kritik an den Vereinigten Staaten mag dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad vielleicht Zuspruch in der muslimischen Welt einbringen, aber innerhalb des Iran verliert er an Zugkraft. Seine politischen Rivalen gelangen in Machtpositionen und die Bevölkerung ist zunehmend unzufrieden mit der ständigen Verschlechterung der Wirtschaftslage.

Seit ihrer Gründung hatte die Islamische Republik eine schwache Präsidentschaft. Die höchste Autorität liegt in den Händen des Obersten Führers - zunächst Ayatollah Khomeini, gegenwärtig Ayatollah Chamenei. Der erste Präsident der Islamischen Republik Iran, Abolhassan Bani Sadr, wurde ein Jahr nach seiner Wahl aus dem Amt entlassen. Seit damals duldet das Regime keinen starken Präsidenten und hat wiederholt demonstriert, dass dieses Amt dem des Obersten Führers untergeordnet ist.

Ahmadinedschads Wahl vor zwei Jahren war von hohen Erwartungen begleitet, nachdem der neue Präsident damals versprach, gegen die Korruption vorzugehen und dass sich „die Öleinnahmen auch an den Esstischen iranischer Haushalte bemerkbar machen werden“. Doch viele seiner ersten Personalentscheidungen erwiesen sich als Belohnung für Anhänger oder Spießgesellen aus der Islamischen Revolutionsgarde und der Basij-Miliz, bewaffnete Gruppen, die während seines Wahlkampfs für ihn Wähler mobilisierten. So vergab beispielsweise das Ölministerium ohne Ausschreibung einen Vertrag über 1,3 Milliarden Dollar an eine mit den Revolutionsgarden in Zusammenhang stehende Ölgesellschaft und Ahmadinedschad ernannte seinen Schwager zum Kabinettssekretär.

Über derartiges hätte man in wirtschaftlich besseren Zeiten vielleicht hinweggesehen, aber heute weist der iranische Staatshaushalt ein Defizit im Ausmaß von 15 % des BIP auf und die Devisenreserven schmelzen trotz des Ölbooms. Statt die Einnahmen aus dem Ölgeschäft über günstige Darlehen unter die Leute zu bringen, sieht sich die Regierung gezwungen, Benzin zu rationieren, nachdem wirtschaftliche Versprechungen der Krise gewichen sind.

Zu einem Anstieg der Spannungen kommt es auch seit Ahmadinedschad sein Wahlkampfversprechen einlöste, islamisch motivierten Einschränkungen in der Gesellschaft zum Durchbruch zu verhelfen. Zwei Jahre lang führte die Polizei eine massive Kampagne gegen Frauen und junge Menschen. Im letzten Sommer wurden in Teheran über 150.000 Frauen wegen „schlechter Verschleierung“ verhaftet, und Friseure bekamen spezielle Anweisungen über akzeptable Frisuren für junge Männer.

Demonstrationen von Busfahrern, Lehrern, Frauenrechtsaktivistinnen und Studenten wurden brutal niedergeschlagen und es gab Dutzende Festnahmen. Fotos und Videos, auf denen Polizisten zu sehen sind, wie sie auf Zivilsten einschlagen, wurden im Internet verbreitet.

Jetzt allerdings gehen Ahmadinedschads Gegner daran, lange bestehende Beschränkungen des Präsidentenamtes erneut stark zu Tage treten zu lassen. Sein schärfster Rivale, Akbar Hashemi Rafsandschani, ehemaliger Präsident und Ahmadinedschad bei der letzten Präsidentenwahl unterlegen, wurde aufgrund einer bemerkenswerten Wende des Schicksals zum Vorsitzenden des Expertenrates gewählt, jenes mächtigen Gremiums, das den Obersten Führer des Iran wählt und ihn sogar aus dem Amt entfernen kann.

Außerdem wird Ahmadinedschad von ehemaligen Getreuen nun offen kritisiert. Sogar Ayatollah Chamenei, als Oberster Führer auch Oberbefehlshaber der Streitkräfte, hat Schritte unternommen, um seine Vorherrschaft unter Beweis zu stellen. So feuerte er vor Kurzem die Kommandanten der Revolutionsgarden und der Basij-Miliz.

Politische Beobachter im Iran sind der Ansicht, dass diese Schritte, vor allem angesichts eines möglichen Konfliktes mit den USA einer Erneuerung des Militärs dienen. Allerdings weisen die Experten auch darauf hin, dass die ehemaligen Kommandanten ein Naheverhältnis zu Ahmadinedschad hatten und ihm in den letzten zwei Jahren bei der Umsetzung seiner Agenda hilfreich zur Seite standen.

Obwohl Ahmadinedschad seine Verbalattacken auf die USA fortführt, hat er keine Kontrolle über den politischen Apparat, der über das iranische Atomprogramm und die Beziehungen des Landes zur internationalen Gemeinschaft entscheiden wird. Die Gefahr von Sanktionen bleibt aufrecht und die iranische Wirtschaft – von der Öffentlichkeit ganz zu schweigen – hat ihre Erfahrungen mit der Isolation gemacht.

Angesichts der starken Verbindungen der iranischen Führung mit der Wirtschaft, sollten die Auswirkungen von Sanktionen nicht unterschätzt werden. Die Wirtschaft bleibt ein Bereich des iranischen Lebens, wo Ahmadinedschad noch über beträchtliche Macht verfügt. Aber seine bisherigen Leistungen sind schwach und seine Äußerungen verschlimmern das Problem, da sie zu einer weiteren Isolation des Iran von der Weltwirtschaft führen.

Nachdem die Kontroverse mit dem Westen einem Höhepunkt zusteuert, ist es wichtig, die gegenwärtigen Machtverschiebungen im undurchsichtigen politischen System des Iran zu erkennen. Ahmadinedschad mag mit immer abenteuerlicheren Kommentaren auffallen, aber er besitzt keine Autorität, sie in die Praxis umzusetzen. In Wahrheit kann ihn nur eine militärische Konfrontation mit den Vereinigten Staaten wieder in das Zentrum der Entscheidungsfindung rücken. Das sollte die amerikanische Politik berücksichtigen.

Der Nachdruck von auf dieser Website veröffentlichen Materialien ohne schriftliche Einwilligung durch Project Syndicate stellt eine Verletzung internationalen Urheberrechts dar. Um eine entsprechende Nutzungsbewilligung einzuholen, wenden Sie sich bitte an distribution@project-syndicate.org.
English Spanish Russian French German Czech Chinese Arabic

You must be logged in to post or reply to a comment.
Please log in or sign up for a free account.



AUTHOR INFO

Mehdi Khalaji, who studied for 14 years in seminaries in Qom, Iran, is a visiting fellow at the Washington Institute for Near East policy. Khalaji’s father, a cleric in Qom, was recently arrested by the regime, and his family have had their passports confiscated.