Nach der Lektüre der jüngsten Zeitungsberichte könnte man zu dem Schluss kommen, dass eine verstärkte Präsenz friedenserhaltender Truppen und eine schnellere Abwicklung der internationalen Hilfsleistungen alles wäre, was der afghanische Staatschef Hamid Karzai zur Befriedung seines Landes braucht. Das Zuckerbrot internationale Hilfe und die Peitsche der friedenserhaltenden Truppen werden schon verhindern, dass Karzais Regierung vor der Zeit dahinscheidet, so der allgemeine Tenor.
Dieser Logik folgend, haben die USA darauf gedrängt, die Hilfslieferungen noch weiter zu forcieren - eine Aufgabe mit der man wohl vertraut ist, nachdem schon während der Herrschaft der Taliban neun Zehntel der Hilfsgelder für Afghanistan aus den USA gekommen waren. Präsident Bushs Ankündigung, wonach die USA, Japan und Saudi Arabien einen 180 Millionen-Dollar-Fond zum Wiederaufbau des rudimentären Straßensystems in Afghanistan schaffen, ist die jüngste Maßnahme, um den Fluss internationaler Hilfsgelder zu beschleunigen.
Die hauptsächlich von Türken gestellte internationale Sicherheitstruppe soll aufgestockt und ihr Mandat auf das gesamte Land ausgeweitet werden. Dieser Vorschlag des amerikanischen Verteidigungsministers Paul Wolfowitz bedeutet eine Abkehr von der früheren amerikanischen Position, wonach die friedenserhaltenden Truppen nur in Kabul eingesetzt werden sollten, damit sie den amerikanischen Operationen gegen Al-Qaida und die letzten unverdrossenen Taliban-Kämpfer nicht in die Quere kommen.
Diese Politik von Zuckerbrot und Peitsche ist nicht falsch, sondern unzureichend. Man nimmt nicht zur Kenntnis, dass weder erweiterte Friedenserhaltung noch effizientere Hilfslieferungen zum gewünschten Ergebnis führen, solange die afghanische Öffentlichkeit nicht das Gefühl hat, von der Regierung Karzai gebührend vertreten zu werden. Momentan hat sie es nicht.
Die Amerikanische Revolution war das Ergebnis des wachsenden Unmuts der Kolonisten und ihres Gefühls, dass die Herrschaft des britischen Parlaments in Nordamerika unrechtmäßig war. Die Geschwindigkeit mit der die Debatten in den französischen Generalständen in eine Revolution mündeten, spiegelte die wachsende Überzeugung vieler Franzosen wider, dass die Herrschaft Ludwigs XVI nicht legitim war.
Weder eine bis zu den Zähnen bewaffnete, noch eine finanziell wohlbestallte Regierung kann überleben, ohne dass weite Teile der Bevölkerung ihre Herrschaft als legitim ansehen. Großbritannien versagte in Amerika und die französische Krone in Frankreich, weil die Beherrschten die Autorität der Herrscher nicht mehr anerkannten. Als rechtmäßig empfand man die Widersacher des herrschenden Regimes, die auch bald an die Macht kamen.
Etwas Ähnliches passiert momentan in Afghanistan. Wenn man den Hintergründen dieser Entwicklung keine Aufmerksamkeit widmet, wird Karzais Regierung unweigerlich zusammenbrechen und mit ihr der gesamte vor einem Jahr in Gang gesetzte internationale Friedensprozess.
Warum empfinden Afghanen eine Regierung als unrechtmäßig, die durch ein Abkommen, dem alle Fraktionen zugestimmt haben, zustande kam und die durch eine ordnungsgemäße, unter internationaler Schirmherrschaft stehende Nationalversammlung (Loya Jirga) bestätigt wurde? Der Grund dafür ist, dass sowohl Karzais Regierung als auch Karzai selbst unter der Kontrolle einer kleinen Gruppe mächtiger Männer stehen, die mit der früheren Nordallianz in Verbindung stehen und von Verteidigungsminister Marschall Fahim angeführt werden.
Ausländische Kommentatoren bestätigen, dass eine Clique von Tadschiken übermäßigen Einfluss auf die Regierung ausübt, was die Vormachtstellung der Regierung untergräbt. Etliche Schlüsselfiguren stammen aus ein paar Dörfern in ein und derselben Region - dem Pandschirtal. Die Paschtunen aus dem strategisch bedeutsamen Regionen im Süden und Osten sowie die schiitischen Moslems der Hazara bilden zusammen zwei Drittel der Bevölkerung Afghanistans. Keine der beiden Gruppen fühlt sich in Karzais Gremien adäquat vertreten.
Viele Usbeken, Turkmenen und sogar manche Tadschiken fühlen sich ausgeschlossen. Jeder politisch engagierte Mensch im Land erkennt die Realität dieses Machtanspruchs. Sie wissen, dass Fahim die Loya Jirga benutzte, um den Paschtunen Karzai zu fördern, weil er formbar war und über keine Hausmacht verfügte. Ihnen wird bange angesichts der Tatsache, dass Marschall Fahims Armee, die größte des Landes, in Garnisonen rings um Kabul stationiert ist. Sie sind enttäuscht, dass die internationale Gemeinschaft ihre Augen vor dem Schicksal der Unzufriedenen verschließt.
Diese Enttäuschung und Fahims Bestrebungen, nichts davon an die Oberfläche gelangen zu lassen, waren der Grund für viele der blutigen Zusammenstöße der letzten Zeit, für die man unverbesserliche Taliban, eigensinnige lokale Warlords und die Al-Qaida verantwortlich machte. Viele abtrünnige Paschtunen unterstützten die Taliban, vor allem weil sie sich davon die Rückkehr von Frieden und Ordnung erwarteten. Etliche Warlords führen ihren Kampf tatsächlich oft mit ausländischer (und sogar amerikanischer) Unterstützung weiter. Auch Al-Qaida ist an der Lähmung der Regierung Karzai interessiert und nutzt diese Schwäche genüsslich aus.
Die einzige Möglichkeit, mit diesen Bedrohungen fertig zu werden, ist das Übel an der Wurzel zu packen: das Ungleichgewicht der Machtverteilung in höchsten Regierungskreisen und in den Ministerien, das der Regierung Karzai ihre Legitimation nimmt, muss bekämpft werden. Karzai ist anständig und wohlmeinend, aber das verringert sein Problem, mit dem er allein nicht fertig werden kann, keineswegs.
Das Problem ist mit Entschlossenheit und, wenn nötig, mit militärischer Stärke zu lösen, die es Karzai ermöglicht, Marschall Fahim Paroli zu bieten. Nachdem die internationale Friedenstruppe nun landesweit agieren soll, muss Marschall Fahim dazu gebracht werden, Kabul aus seinem Würgegriff zu nehmen. Nachdem die Hilfsgelder nun fließen muss Karzai klargemacht werden, dass diese Hilfe davon abhängt, ob er prominente Vertreter der Paschtunen und Hazara in die inneren Kreise der Regierung aufnimmt.
Sowohl die USA als auch die Vereinten Nationen geben sich der naiven Hoffnung hin, dass Karzais Legitimationskrise mit ,,Raffinesse" irgendwie überwunden werden kann. Dabei verkennen sie den Ernst der Lage. Wenn nicht bald etwas geschieht, wird Karzai nicht überleben. Die nächste Regierung wäre wahrscheinlich gegen die Vereinten Nationen, antiwestlich, antiamerikanisch und antisäkular und würde ihre politischen und strategischen Bündnisse dementsprechend einrichten. Selbstverständlich ist es auch möglich, dass überhaupt keine neue Regierung zustande kommt. In jedem Fall müssen allerdings innerhalb von Wochen oder höchstens Monaten entschlossene Maßnahmen getroffen werden, damit in Afghanistan nicht die nächste Runde blutiger Konflikte ausbricht.


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