The World in Words
Obamas Vietnam-Syndrom
Jonathan Schell
NEW HAVEN – Für den Krieg in Afghanistan kann es keine militärische, sondern nur eine politische Lösung geben. Beim Schreiben dieses Satzes überkommt mich eine Langeweile, die mich fast ohnmächtig werden lässt. Wer möchte schon, während US-Präsident Barack Obama überlegt, wie es mit diesem Krieg weitergeht, ein Faktum wiederholen, das bereits tausend Mal festgehalten wurde? Gibt es jemanden auf dieser Welt, der noch nicht weiß, dass man einen Guerilla-Krieg nicht für sich entscheiden kann, ohne „das Herz und den Verstand“ der Menschen zu gewinnen? Die amerikanische Öffentlichkeit weiß das seit der amerikanischen Niederlage in Vietnam.
Die Amerikaner sind gewohnt zu glauben, dass aus den bitteren Erfahrungen ihres Landes in Vietnam gewisse Lehren gezogen wurden, die ihren Niederschlag in Vorsichtsprinzipien fanden. Allerdings geben kürzlich freigegebene historische Dokumente etwas viel Seltsameres preis. Die meisten dieser Lehren waren – obwohl dies öffentlich nicht eingeräumt wird – schon bekannt, bevor die USA den Krieg in Vietnam eskalieren ließen.
Dieser Unterschied ist wesentlich. Hätte man das Vietnam-Desaster nämlich in vollem Wissen um diese „Lehren“ vom Zaun gebrochen, stellt sich die Frage, warum diese Lehren diesmal wirksamer sein sollten. Es scheint, als ob es anderer Lehren bedürfte.
Warum steuerte Präsident Lyndon Johnsons Regierung die USA in einen Krieg, der sogar den eigenen Regierungsbeamten als hoffnungsloser Fall erschien? Eine mögliche Erklärung ist, dass sich Johnson zutiefst vor der amerikanischen Rechten fürchtete. Von Senator Mike Mansfield zum Rückzug aus Vietnam aufgefordert, antwortete der Präsident, dass er kein „zweites China in Vietnam“ wolle.
Sein nationaler Sicherheitsberater McGeorge Bundy schürte Johnsons Ängste. In einem Memo aus dem Jahr 1964 schrieb er: „Der politische Schaden, den Truman und Acheson durch Chinas Fall in den Kommunismus erlitten, rührte daher, dass die meisten Amerikaner zu dem Schluss gelangten, dass wir mehr hätten tun sollen und können, um dies zu vermeiden. Genau das würde nun passieren, wenn wir als diejenigen wahrgenommen würden, die sich als erste aus Saigon zurückziehen.“ In einem anderen Memo argumentierte Bundy dass „antikommunistische Vietnamesen“ eine neutrale Haltung Amerikas als „Verrat“ ansehen würden, was die US-Wählerschaft verärgern könnte, die mächtig genug sei „uns eine Wahl verlieren zu lassen.“
Drängten Johnsons Berater die USA in einen desaströsen Krieg, um eine Wahl zu gewinnen – oder, genauer gefragt, um eine Wahlniederlage zu verhindern? Johnson, Bundy und die anderen glaubten natürlich an die „Domino-Theorie“, die besagt, dass sobald ein Land in kommunistische Hände fällt, benachbarte Länder ebenfalls dem Kommunismus ausgeliefert wären. Allerdings fügte sich diese Theorie mit verdächtiger Leichtigkeit in die innenpolitisch gefühlte Notwendigkeit, wonach der Präsident „Härte“ zeigen muss – um nicht „in geringerem Maße als Falke dazustehen, als Ihre respektableren Gegner“, wie Bundy es später formulierte.
Unheimlich an der aktuellen Debatte über Afghanistan ist der Grad an Kontinuität, die sie hinsichtlich der Vietnam-Debatten aufweist. Und die Regierung Obama weiß das.
Die meisten Amerikaner zogen aus Vietnam eine große Lehre: „Macht das nie wieder!“ Aber das US-Militär zog aus Vietnam eine Reihe von kleineren Lehren, die auf ein „Macht es besser!“ hinauslaufen.
Tatsächlich hat das Militär die Argumente der Friedensbewegung der 1960er Jahre eigentlich militarisiert. Wenn Verstand und Herzen der Menschen der Schlüssel zum Erfolg sind, dann seid nett zu den Einheimischen. Wenn zivile Opfer ein Problem sind, reduziert sie auf ein Minimum. Wenn die Regierung des betreffenden Landes aufgrund von Korruption die Unterstützung der Menschen verliert, „drängt“ sie zur Ehrlichkeit wie dies Obama in jüngsten Kommentaren nach der von Wahlbetrug geprägten Wiederwahl Präsident Hamid Karzais tat.
Auch die innenpolitischen Lehren aus Vietnam haben sich bis heute gehalten. George McGovern, der demokratische Präsidentschaftskandidat im Jahr 1972, schlug damals vor, den zu dieser Zeit unpopulären Krieg zu beenden und dennoch verlor er die Wahl spektakulär. Diese Niederlage schien Johnsons Ängste zu bestätigen: Wer den Ausstieg aus einem Krieg befürwortet, verliert Wahlen. Diese Lehre bewirkte in der Demokratischen Partei eine tief sitzende Furcht vor einem „McGovernismus“, die bis zum heutigen Tag anhält.
Es herrschen auch unübersehbare Ähnlichkeiten zwischen den Angriffen von Joseph McCarthy auf die Regierung von Präsident Harry Truman aufgrund des „Verlusts“ von China, des vermeintlichen „Appeasement“, ja sogar des „Verrats“ und der Attacken von Dick Cheney und Karl Rove gegenüber Obama wegen dessen Gegnerschaft zum Irak-Krieg. Von Sarah Palins Wahlkampf-Vorwurf, wonach sich Obama „mit Terroristen abgebe” ganz zu schweigen.
Es ist kein Geheimnis, dass Obamas Unterstützung für den Krieg in Afghanistan, den er als „nötig zur Verteidigung unserer Bevölkerung“ bezeichnete, als Schutz gegen Schwäche-Vorwürfe gegen seine Politik des Rückzugs aus dem Irak diente. Die Politik des Vietnam-Dilemmas ist also praktisch intakt bei Obama angekommen. Heute genauso wie damals geht es darum, ob die USA das Scheitern eines Krieges unbeschadet überstehen können.
Verfügt das amerikanische Staatswesen über einen Rückwärtsgang? Weiß man, wie Verluste zu mindern sind? Ist man in der Lage aus Erfahrungen zu lernen? Oder muss man über jede Klippe stürzen, der man sich nähert?
Diesen Fragen liegt eine weitere Frage zugrunde: Müssen Liberale und Gemäßigte hinsichtlich der nationalen Sicherheit immer vor der verrückten Rechten in die Knie gehen? Woher stammt dieses Veto der Rechten gegenüber Präsidenten, Kongressabgeordneten und der öffentlichen Meinung? Wer diese Fragen beantworten kann, hat damit den Schlüssel zu einem halben Jahrhundert amerikanischer Geschichte gefunden – und zu den Kräften, die im Hinblick auf Afghanistan sogar jetzt noch auf Obama einwirken.
Vor kurzem stattete Obama dem Luftwaffenstützpunkt Dover einen abendlichen Besuch ab, um der Rückkehr der sterblichen Überreste von 16 in Afghanistan getöteten US-Soldaten beizuwohnen. Das Ereignis war minutiös durchgeplant. Gemeinsam mit vier uniformierten Soldaten salutierte Obama mit getragenen Bewegungen und marschierte dann hinter dem Wagen, in dem sich die Särge der Gefallenen nach ihrem Transport in der Frachtmaschine befanden.
Alles schwieg. War Obama in den düsteren Bann des Militärs gezogen worden? Oder war seine Anwesenheit ein stilles öffentliches Gelöbnis, seine Aufmerksamkeit auf Fragen von Leben und Tod und nicht auf die nächsten Wahlen zu richten?
Obamas Aktionen in Afghanistan werden die Antwort auf diese Fragen geben.
Copyright: Project Syndicate, 2009.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
dbaldwin 08:30 20 Nov 09
“[M]ust liberals and moderates always bow down before the crazy right over national security? What is the source of this right-wing veto over presidents, congressmen, and public opinion?”
In tracing the matter back to McCarthy and the “loss” of China,, Schell omits the Korean War. The Korean War began with a conventional warfare invasion of the south by the north. Truman had his own strong anti-communist policy and didn’t need McCarthy to push him into that war, and Pres. Eisenhower ended it and was re-elected. The real puzzle, then, stands more at the entry than at the exit, with Johnson and George W. Bush and their reasons for taking us into those very different wars that we knew we could not win.
The explanation rests with the civil rights revolution of the 1960s.
That revolution destroyed the status of America’s white males as white males, and in doing so it undermined the legitimacy of the white male power that had run the country. Johnson was especially aware of the impact of the Voting Rights Act of 1965 on his domestic political position. In spite of his land-slide victory over Goldwater, he was running scared because of it, and strong military action was an effective psychological counter-balance.
Beginning with Nixon’s pandering to racial and gender fears in the election of 1968, the source of political legitimacy has been the central issue in American politics. Both Nixon and Agnew resigned. Reagan reaffirmed white male status by exploiting the sentimental power of Western imagery, but then he experimented with shifting the entitlement to power that white men had lost to wealth. Until 1989 and the collapse of the Soviet Union, the pressures of the cold war kept the lid on. Thereafter our domestic tensions intensified, with the myriad Republican efforts to de-legitimize the Clinton presidency and the fraudulent election of George Bush in 2000.
George W. Bush had the weakest claim to political legitimacy of any American President, and he got us into Afghanistan and Iraq for the same reason Johnson got us into Vietnam: weakness arising from a perceived lack of legitimate sovereign power.
Once in, getting out involves a very different calculus.
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IvotedforKodos 10:34 19 Nov 09
"What is the source of this right-wing veto over presidents, congressmen, and public opinion?"
There's actually a fairly compelling psychological answer to this question. The short version is that what the psychologists call mortality salience (the suggestion of death, either as explicit as 9/11 or as implicit as walking by a mortuary) has been shown to increase authoritarian attitudes -- the very same attitudes that form the philosophical bedrock of right-wing extremism. So military engagement increases mortality salience increases authoritarian attitudes increases de facto credibility of the hawkish right.
That doesn't mean everyone loses their head and supports authoritarianism every time something bad happens, but I do believe it explains the otherwise mysterious way people magically cede the rhetorical high ground to the extreme right-wing over military matters.