Es ist bemerkenswert, das einige der bedenklichsten Konzepte der muslimischen Religionsterminologie jetzt in die internationale Sprache des Tagesgeschehens Einzug gehalten haben. Fragen aus der islamischen Theologie werden ausgiebig von der weltweiten Öffentlichkeit diskutiert und beschäftigen Spezialisten und Laien, Muslime und Nichtmuslime. Der theologische Disput hat sich weit von den islamischen Religionsschulen entfernt.
Der Begriff Dschihad zum Beispiel, der gemeinhin als „Heiliger Krieg“ übersetzt wird, ist mittlerweile nahezu allgegenwärtig. Obwohl der Dschihad in der frühen muslimischen Geschichte als Mittel zur Verbreitung von Gottes Wort gedacht war, unterscheiden muslimische Gelehrte heute zwei Arten von Dschihad: Der eine ist ein innerer Kampf gegen die Versuchung und der andere ein physischer Konflikt mit einem Aggressor, der das Überleben oder die Grundrechte einer muslimischen Gemeinschaft bedroht. In diesem Zusammenhang wird der Gebrauch des Begriffes durch die Fundamentalisten weithin abgelehnt.
Zahlreiche muslimische Gelehrte haben ihre Stimmen erhoben, um die Verteidigung der Selbstmordattentate oder Angriffe auf Zivilisten durch die Terroristen anzufechten, dazu liefern sie Zitate aus mehreren Jahrhunderten der religiösen Rechtsprechung. Allein dieser Ansatz stellt einen ehrbaren Ausdruck des kollektiven Gewissens gegen die Terroristen dar.
Doch wollen viele in der Öffentlichkeit und den Medien mehr. Muslimische Intellektuelle werden dazu ermuntert, die religiöse Debatte gegen fundamentalistische Gewalt zu richten, um die Terroristen ihrer am meisten gefürchteten und stärksten Argumente zu berauben. Wenn die muslimischen Gelehrten diese Argumente widerlegen können, so nimmt man an, dann sinkt die Fähigkeit der Terroristen, ihre gewalttätige Basis im Untergrund aufrechtzuerhalten.
Stimmt das? Ein kurzer Überblick über die Geschichte religiöser Konflikte zeigt, dass theologische Kontroversen nie durch theologische Argumente gelöst wurden. Schaut man genauer hin, sieht man, dass es in diesen Kontroversen, obwohl sie oft in religiöse Begriffe gefasst wurden, überhaupt nicht um Religion ging. Die Anzahl der sich widersprechenden Auslegungen religiöser Texte ist praktisch unbegrenzt, dabei werden Streitigkeiten selten durch rationale Diskussion gelöst.
Früher wurden solche Kontroversen von der politischen Obrigkeit entschieden, die einen bestimmten Standpunkt durch militärische Gewalt auf Kosten aller anderen durchsetzte. Die muslimische Geschichte ist voll von solchen Fällen. Als Saddam Hussein Kuwait angriff, fand er Gelehrte, die theologische Argumente für seine Sache vortrugen. Für die gegen ihn gerichtete Koalition war es keine Schwierigkeit, religiöse Argumente zu finden, die zu der genau entgegengesetzten Schlussfolgerung führten.
Heute steht fest, dass die Fundamentalisten und ihre Anhänger sogar für die gründlichste Widerlegung ihrer Ansichten völlig unzugänglich sind, selbst wenn diese von angesehenen religiösen Autoritäten vorgetragen wird. Der erste Reflex der Fundamentalisten ist, sich aus der Allgemeinheit zurückzuziehen und um sich herum eine Schale aufzubauen, die für jede andere Logik als ihre eigene undurchdringbar ist.
Die essenziellsten Fragen, mit denen die Menschheit heutzutage konfrontiert ist – diejenigen, die die schwersten Konflikte erzeugen –, haben nichts mit Theologie zu tun. Sie betreffen Streitigkeiten über Gebiete, politische Macht, Definitionen von Rechten und die Verteilung von Reichtum. Das Mittel, diese Fragen zu diskutieren, ist allen bekannt und wird in sämtlichen Religionen und Sprachen ausgedrückt. Die – in allen Gesellschaften – am meisten verhassten Übel sind Ungerechtigkeit, Willkürherrschaft, Korruption und Armut. Wir alle wissen, was sie bedeuten und dass bestimmte Leute damit täglich leben müssen.
Warum folgen wir den Fundamentalisten dann bis ins Zentrum ihres Irrsinns? Indem wir zulassen, dass sie diese Probleme in religiöse Begriffe fassen, legitimieren wir die Sichtweise, die sie besonders in ihren eigenen Gesellschaften versuchen durchzusetzen.
Das muslimische religiöse Establishment wurde wiederholt dazu aufgefordert, Stellungnahmen abzugeben, die den Fundamentalisten das Recht absprechen, religiöse Bergriffe wie Dschihad zu benutzen. Doch hat die Erfahrung gezeigt, dass diese Vorgehensweise nichts bringt. Die Debatten über den Gebrauch religiöser Begriffe verleihen den fundamentalistischen Bestrebungen, diese Ideen auf die Bedingungen in der modernen Welt anzuwenden, sogar Glaubwürdigkeit. Solche Debatten räumen ein, dass diese religiösen Konzepte im Allgemeinen gültig sind, auch wenn sie, wie im Fall der Fundamentalisten, einfach nicht zutreffen.
Daher könnte die gesamte Diskussion leicht nach hinten losgehen. Zwangsläufig weisen Fundamentalisten religiöse Kritik an ihren Ansichten als Beweis dafür zurück, dass die religiösen Autoritäten durch feindliche Einflüsse verdorben wurden. Auf diese Weise stellen die Terroristen die „Reinheit“ und „Authentizität“ ihrer Argumente den Kompromissen entgegen, die den religiösen Einrichtungen ihrer Meinung nach aufgezwungen wurden.
Verwendet man im Gespräch mit Muslimen ausschließlich ihre eigenen religiösen Begriffe, so schließt man sie auch aus umfassenden ethischen Bezugssystemen aus, die essenzielle menschliche Werte verteidigen, vor allem den Schutz unschuldiger Zivilisten. Diese Werte sind das Fundament, auf dem alle religiösen und kulturellen Traditionen beruhen.
Gewiss ist es wichtig, die Argumentation jener zu verstehen, die der Gesellschaft den Krieg erklärt haben – allen voran ihren eigenen Gesellschaften. Doch indem man die Interpretation der Terroristen für bestimmte Ereignisse übernimmt, wird die Realität dieses Konflikts verdeckt. Anstatt für politische und religiöse Freiheit zu kämpfen, laufen wir Gefahr, uns auf einen Konflikt mit den falschen Bildern einzulassen, die die Terroristen geschaffen haben. Noch schlimmer, wir würden diesen Konflikt in unsere eigenen Gesellschaften hineintragen, wo verschiedene religiöse und kulturelle Traditionen nun untrennbar vermischt sind.
Es besteht einfach keine Notwendigkeit, sich der Theologie zuzuwenden, um ein Verbrechen beim Namen zu nennen. Der durch den Mord unschuldiger Menschen ausgelöste Ekel wird von allen tief empfunden, und Mord ist nach allen Maßstäben verwerflich, ob religiös oder nicht. Es kann sogar sein, dass die religiöse Sprache die Abscheu, die wir alle gegenüber den Taten der Terroristen empfinden, nicht angemessen ausdrückt. Unter keinen Umständen kann das Gefühl, Opfer zu sein, solche Verbrechen gegen Unschuldige rechtfertigen, und keine Theologie kann akzeptieren, dass unsere gemeinsame menschliche Essenz geleugnet wird.


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