Saturday, July 26, 2014
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Japans Erholungsbündnis

TOKYO – Der Tsunami raste mit acht Metern pro Sekunde durch die Stadt, der Geschwindigkeit eines olympischen Sprinters. Die Welle erreichte eine Höhe von 15 Metern, weit höher als die Latte im Stabhochsprung. Schiffe wurden auf Hügel gehoben, und Autos schwammen wie Boote durch die Gegend. Nach dem Rückzug der Welle war von der Stadt Kamaishi in der Iwate-Präfektur, Japans ältestem Standort für Stahlproduktion, nur noch ein chaotischer Schuttberg übrig. Es sah dort aus wie nach der Bombardierung von Tokio oder wie in Hiroshima und Nagasaki nach dem Einschlag der Atombomben.

Ähnliche Szenen spielten sich in der Tōhoku-Region entlang Japans nördöstlicher Sanriku-Küste ab. Es wird beispielsweise geschätzt, dass in der ruhigen Kleinstadt Rikuzentakata mit 23.000 Einwohnern 5.000 der 8.000 Haushalte durch die Katastrophe zerstört wurden. Lediglich das Rathaus und ein Supermarkt stehen noch. Der küstennahe Flughafen Sendai in der Miyagi-Präfektur sieht jetzt eher wie ein Seehafen aus.

Das enorme Erdbeben vor der Küste von Sanriku, das am 11. März die Tōhoku-Region mit einer Stärke von 9,0 auf der Richter-Skala traf, war das größte in der bekannten Geschichte Japans. Die genaue Anzahl der Opfer und das Ausmaß des Schadens ist noch nicht bekannt, aber Schätzungen gehen von mehr als 23.000 Toten und etwa 25 Billionen Yen Sachschaden aus.

Das Wort Tsunami stammt ursprünglich aus dem Japanischen. Es wurde zuerst durch den auf der griechischen Insel Lefkada geborene Engländer Patrick Lafcadio Hearn, nach seiner Einbürgerung in Japan Koizumi Yakumo genannt, in seinem Roman A Living God verwendet. Hearns Beschreibung des Meiji-Sanriku-Erdbebens, das 1896 in derselben Region wie das aktuelle Beben 22.000 Opfer forderte, fand später Eingang in die Grundschullehrbücher unter dem Titel Das brennende Reisfeld.

In Hearns Roman sieht Gohē, ein Dorfoberhaupt, der auf einem Hügel oberhalb seines Dorfes wohnt, wie sich das Meerwasser rasch vom Ufer zurückzieht – ein Anzeichen für einen Tsunami. Um die Dorfbewohner zu warnen, die gerade ein Fest vorbereiten, setzt Gohē mit einer Fackel seine gerade geernteten Reisbündel in Flammen. Als die Dörfler sich auf dem Hügel versammeln, um das Feuer zu löschen, sehen sie, wie der Tsunami unterhalb von ihnen ihr Dorf zerstört. Alle Bewohner werden durch Gohēs Opfer und seine schnelle Entscheidung gerettet.

Diese Geschichte hat Japan seit dieser Zeit stark beeinflusst. Als das Land den von dem Sumatra-Erdbeben 2004 mit 250.000 Opfern betroffenen Ländern zur Hilfe kam, kam von ihm die stärkste Forderung nach einem Tsunami-Frühwarnsystem. Aber Japans lange Geschichte von Erdbeben und Tsunamis und seine heute sehr fortgeschrittene Frühwarntechnologie hat die Menschen träge gemacht. Niemand hätte gedacht, dass Japan jemals von einem so großen Tsunami getroffen würde.

Am wenigsten sah man das Geschehen am Atomkraftwerk Fukushima Daiichi voraus. Seine robuste Bauweise ähnelt der des größten Atomkraftwerks der Welt, Kashiwazaki-Kariwa in Niigata, das im Juli 2007 dem Choetsu-Seebeben (Stärke 6,8 auf der Richter-Skala) trotzte. Fukushima Daiichi hielt dem Erdbeben stand, aber niemand hätte geglaubt, dass es von zehn Meter hohen Tsunami-Wellen überspült würde.

Jetzt wissen wir, dass das Undenkbare möglich ist. In der Folge haben die Probleme in Fukushima Daiichi den weltweiten Boom der Stromerzeugung aus Kernkraft jäh gestoppt. Momentan gibt es auf der Erde 443 Atomkraftwerke – eine Zahl, die sich in den nächsten 15 Jahren hätte verdoppeln sollen. Allein China plante zusätzlich zu den bereits bestehenden 27 Kraftwerken den Bau von 50 weiteren. Japan, und insbesondere Politiker wie ich, sind nun dafür verantwortlich, dass unsere Erfahrung dazu beiträgt, Sicherheitsrichtlinien und -standards für den weltweiten Bau solcher Anlagen zu entwickeln.

In Japan selbst muss, sobald sich die erste wirtschaftliche Panik legt, eine umfassende Einigung erzielt werden, um im Rahmen eines Haushaltsplans die schnellstmögliche Wiederherstellung zu erreichen. Weiterhin muss Japan Wege finden, das durch den Verlust der Fukushima-Anlage verursachte Stromdefizit von 10 Millionen Kilowatt zu ersetzen. In der Tat ist eine völlige Überarbeitung der nationalen Energiestrategie erforderlich, unter Berücksichtigung der Besonderheiten im Verbrauch von Ost- und Westjapan. Und weil die betroffenen Regionen bereits vorher unter den für Japan typischen Problemen der Entvölkerung und Überalterung gelitten haben, brauchen wir ein neues Entwicklungsprogramm für den ländlichen Raum, das sich von dem auf Tokio bezogenen Wirtschaftsmodell wegbewegt.

Aber in der Arbeit auf eine Erholung hin hat Japan einen großen Vorteil. Der Schlüssel für eine solche Erholung wird im Japanischen Kizuna (Bindungen oder Bündnis) genannt. Sogar angesichts des riesigen Chaos dieser durch Erdbeben und Tsunami ausgelösten Katastrophe haben sich die Japaner im Sinne von Kizuna gegenseitig geholfen und unterstützt. Sogar als in der Region Stromsperren verhängt wurden und die Ampeln nicht mehr funktionierten, gab es beispielsweise kaum ernste Verkehrsunfälle.

Ich hoffe, dass eines Tages, wenn das momentane japanische Unglück Geschichte ist, der Begriff “Tsunami” in seiner Bekanntheit von “Kizuna” noch übertroffen wird.

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