Capitalism Then and Now
Zyklen der wirtschaftlichen Unzufriedenheit
Harold James
|
|
|
FLORENZ – Das neunzehnte Jahrhundert war fasziniert vom zyklischen Verhalten der Wirtschaft. Der französische Ökonom Clement Juglar wurde berühmt für die Feststellung, dass Konjunkturzyklen sich über neun oder zehn Jahre erstrecken. In letzter Zeit haben wir unsere eigenen Zyklen des Überschwangs und Zusammenbruchs erlebt. Doch sind sie ganz anders.
In der Welt des neunzehnten Jahrhunderts erholten sich die Menschen nach einem Abschwung schnell und gingen zur gewohnten Tagesordnung über. In diesem Sinne erschien das Phänomen des Konjunkturzyklus relativ konstant und unveränderlich. Heutzutage gilt jedoch ein zyklischer Einbruch als große Überraschung. Im Anschluss an ihn beginnen wir damit, unsere Sichtweise der Ökonomie neu zu erfinden. Ungefähr alle zehn Jahre meinen wir, dass ein bestimmtes Wachstumsmodell so kaputt ist, dass es nicht wieder zum Leben erweckt werden kann. So musste die Welt 1979, 1989, 1998 und 2008 neu erdacht werden.
Der Keynesianismus war 1979, nach dem zweiten Ölpreisschock des Jahrzehnts, definitiv zu Ende. Das zufällige Zusammentreffen der Wahl Margaret Thatchers in Großbritannien und des von US-Notenbankchef Paul Volcker herbeigeführten Zinsschocks vom Oktober 1979 beendete eine Ära, in der Inflation als Lösung für soziale Probleme angesehen wurde. Staatliche Eingriffe und Geldmengenexpansion gerieten als Mittel, um sich von der Unzufriedenheit freizukaufen, in Verruf, genau wie der westeuropäische Sozialstaat.
Es war mehr als ein wenig unfair, Europa – und die europäische Sozialdemokratie – mit der keynesianischen Stimulierung der Nachfrage in Verbindung zu bringen, zumal der größte Befürworter der keynesianischen Auffassung der republikanische US-Präsident Richard Nixon war. Doch führte die politische Verschiebung von 1979-1980, die in Ronald Reagans Wahl gipfelte, zu einem neuen Widerstand des freien Marktes und zur Einführung von Neuerungen im sozialdemokratischen Korporatismus und Zentrismus.
Zehn Jahre später wurde 1989 das sowjetische Modell der Planwirtschaft und der Modernisierung durch zentral gesteuertes Wachstum diskreditiert. In seinen letzten Zügen hatte es hohe Auslandsschulden aufgenommen, und die Überschuldung versenkte schließlich ein Modell, das im Grunde schon lange zuvor gescheitert war.
Die nächste schöne Idee, die 1997-1998 fehlschlug, war das Konzept eines besonderen „asiatischen Wunders“ (wie es im Titel einer einflussreichen Publikation der Weltbank genannt wurde). Die asiatischen Volkswirtschaften waren angeblich besser koordiniert, aufgrund strategischer staatlicher Eingriffe, die sich an den Methoden des japanischen MITI aus der frühen Nachkriegszeit orientierten. Doch wie die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten hatten die kleineren und dynamischen asiatischen Wirtschaftsnationen sich zu stark verschuldet.
Als Reaktion auf die Wirtschaftskrise in Thailand und Korea in den späten 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde nachdrücklich die inhärente Überlegenheit des so genannten angelsächsischen Wirtschaftsmodells gepredigt. Doch auch diese Vision wurde wiederum problematisch und geriet 2007-2008 eindeutig in Misskredit – begleitet von einem massiven Ausbruch europäischer und asiatischer Schadenfreude.
Dann wurde klar, dass der Rest der Welt schwer von den Folgen der Finanzkrise betroffen war, und eine düsterere Auslegung wurde populär. Viele Menschen in vielen Ländern interpretierten die Krise, die eindeutig in den Vereinigten Staaten begonnen hatte, aber einige andere Länder härter traf, als Beweis für einen grundsätzlich unheilvollen US-Plan. Die chinesische Suche nach einem Ersatz für den US-Dollar in Form einer künstlichen Reservewährung ist motiviert von einer politischen Antireaktion gegen die in Chinas Augen ungerechte finanzielle und wirtschaftliche Vorrangstellung der USA.
Das Tempo, in dem politische Modelle zerstört werden, scheint sich zu beschleunigen. Der Emerging-Markets-Boom sieht bereits so aus, als wäre er die nächste Vision, die in den Mülleimer der Geschichte wandert. Die Rating-Agentur Moody’s ist dabei, Warnungen über den Umfang und die Qualität der Schulden der indischen Privatwirtschaft vorzubereiten. Chinesische Investoren machen sich Sorgen über inflationäre Überhitzung.
Die Phase des Umschwungs und der Ablehnung ist nie vollständig, aber die kühnen Visionen erlangen ihre ursprüngliche Größe nie zurück. Das europäische sozialdemokratische Modell überlebte die 70er Jahre in abgespeckter Form. Die Vorstellung von einem starken asiatischen Wirtschaftswachstum als permanentem Merkmal der Weltwirtschaft kam nur wenige Jahre nach der Asienkrise mit voller Kraft zurück. Wenn die großen englischsprachigen Volkswirtschaften offen bleiben und sich dem Handel und der Einwanderung nicht verschließen, werden auch sie eine Rückkehr zum Wachstum erleben.
Doch verursacht jede Welle des Zusammenbruchs eine stärkere Desillusion in Bezug auf bestimmte Institutionen, die für diesen Ausgang verantwortlich gemacht werden. Das kann der Sozialstaat in den 70er Jahren sein, der Parteiapparat der Kommunistischen Partei in den 80ern, die asiatischen Industrie- und Handelsministerien in den 90ern oder die Verknüpfung zwischen US-Finanzministerium und Wall Street nach 2000.
Infolge der Aushöhlung der einzelnen Institutionen bleiben immer weniger Alternativen übrig. Das gilt auch für die Währungen.
Der Dollar wurde durch die Krise von seinem Podest gestoßen, doch ist jeder vorstellbare Ersatz offensichtlich noch fehlerhafter und problematischer. Der Euro ist die Korbwährung eines Gebietes, das eine schwache Wachstumsleistung aufweist und unangemessen auf die Wirtschaftskrise reagiert hat. Der Renminbi ist immer noch inkonvertibel. Also gibt es überhaupt keine Leitwährung mehr.
Der regimekritische chinesische Künstler Ai Weiwei bringt die neue Stimmung des allgemeinen und ungemilderten Zynismus auf den Punkt: Um darauf hinzuweisen, dass alle Institutionen gleichermaßen suspekt sind, hat er eine Ausstellung mit dem Titel „Fuck off“ zusammengestellt, in der er Fotografien von sich selbst mit einer obszönen Handgeste vor berühmten Monumenten zeigt: dem Dogenpalast in Venedig, einst die Welthauptstadt des Kommerzes, dem Eiffelturm, dem Weißen Haus und der Verbotenen Stadt in Peking. Mit dem Titel seiner letzten Ausstellung macht er sich über die neuere (und nahezu universelle) Tendenz der Regierungen lustig, bedeutungslose Entschuldigungen für begangene Fehler vorzubringen: Sie heißt „So sorry“.
Harold James ist Professor für Geschichte und internationale Angelegenheiten an der Princeton University und Marie-Curie-Professor für Geschichte am European University Institute in Florenz. Sein jüngstes Buch heißt The Creation and Destruction of Value: The Globalization Cycle.
Copyright: Project Syndicate, 2009.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Anke Püttmann
You might also like to read more from Harold James or return to our home page.
|
|
praha1 03:31 06 Dec 09
A description of the flow of monies to the author would be useful in this thoughtful article which ended so one-sided as to give the reader the view that the writer's renumeration is derived from government and specific US government agencies with the federal reserve even a possibility (at least partially). Not being a goldbug I still find it incredulous in these times that the author carefully left out even its mention as a master currency. It appears presently at least, that the market may distinctly say otherwise.
josefski 10:30 06 Dec 09
It surprises me that some people still think a gold standard makes sense. The price of gold is just as arbitrary as the face value of a fiat currency, but the principle advantage of a currency that is not gold based is that if a ship full of gold sinks off the coast of Virginia (it was Virginia, right?) the only thing that changes is the price of gold, not the value of assets tied to it.
Of course the author didn't mention gold as a master currency, because gold is a finite resource. Currencies shouldn't be finite, because then currencies would be inherently deflationary as population rises. As far as I know, deflation is a terrible drag on economic growth.
Besides, what happens to a gold standard if there is a miraculous find of a large wealth of gold somewhere? Didn't the California gold rush cause inflation?
Screw That.


demandside 11:02 05 Dec 09
"Keynesianism definitively ended in 1979, following the second oil-price shock of the decade. The coincidental combination of the election of Margaret Thatcher in the United Kingdom and Federal Reserve Chairman Paul Volcker’s interest-rate shock of October 1979 ended an era in which inflation had been seen as a solution to social problems. State action and monetary expansion as a means of buying off discontent were discredited, as was the West European welfare state."
How wrong can you be?