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Neuauflage des Browserkriegs

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2008-09-09

PRINCETON: Zehn Jahre nach seiner Gründung droht Google, den „Browserkrieg” der 1990er Jahre – als Microsofts Internet Explorer seinen Rivalen, den Netscape Navigator, erledigte – neu zu entfachen. Diesmal freilich ist es Googles Chrome, der verspricht, das der Softwarebranche insgesamt zugrunde liegende Wirtschaftsmodell umzuwerfen – und zwar nicht nur aufgrund seiner technischen Innovation, deutlich verschiedene Arten von Software mit einem Internetbrowser zu verknüpfen. Vielmehr macht es hiermit zugleich ein Programm wie Windows, das bisher den Zugriff auf alle Arten von Software regelte, unnötig.

Googles neue Technologie ist beeindruckend und wird sich – wenn die anfänglichen Sicherheitsprobleme erst einmal gelöst sind – ohne Zweifel für viele Verbraucher als praktisch erweisen. Die grundlegende Neuerung aber liegt woanders: Chrome ist ein Durchbruch, weil er einen völlig neuen Ansatz in Bezug auf ein durch den rechtlichen und aufsichtsrechtlichen Rahmen der Wettbewerbspolitik bedingtes Dilemma in den beiden wichtigsten Rechtsräumen weltweit – den USA und der EU – bietet.

Zwischen 1995 und 1997 verdrängte der Internet Explorer den Navigator fast völlig, obwohl ursprünglich der Navigator den meisten Anwendern das World Wide Web zugänglich gemacht hatte und seine Dominanz unangreifbar schien. Wesentlicher Vorteil des Internet Explorer war weniger die Technik, sondern, dass Microsofts Programm Windows die Betriebssoftware der überwältigenden Mehrheit aller Personalcomputer war. Daher konnte ein Browser – und tatsächlich auch andere Mediensoftware – im Rahmen eines kompletten Softwarepakets in die Windows-Grundstruktur eingebunden werden.

Die Möglichkeit zur Bündelung von Betriebssystem und Software erleichterte dem Normalverbraucher das Leben erheblich. Er bekam beim Kauf eines Rechners schlicht alles, was er haben wollte (und vermutlich noch viel mehr). Zugleich jedoch wurde damit die freie Entscheidung, unterschiedliche Software zu wählen und zu kombinieren, eingeschränkt. Microsofts Kritiker haben sich endlos hierüber beschwert und angeführt, dass die Einbindung des Browsers in das Betriebssystem per se überlegene Softwarelösungen aus dem Markt dränge.

So bevorzugten etwa viele Anwender die Textverarbeitung WordPerfect gegenüber Microsoft Word; weil es aber Teil einer einfach zu nutzenden gebündelten Lösung war, wurde Word häufiger verwendet, und dieser Vorteil führte dazu, dass seine Rivalen vom Markt verschwanden.

Microsofts Vorteil, und sein Geschäftsmodell, gehen auf einen anderen, lang andauernden Rechtsstreit zurück. Computersoftware war ursprünglich keine Ware, die man kaufen konnte, sondern eine Dienstleistung. IBM erwarb sich eine enorme Dominanz, weil es ein sorgfältig auf den einzelnen Kunden zugeschnittenes, individuelles Paket verleaste. Es verkaufte nichts, weder Rechner noch Software. IBMs Leasingmodell schien die gesamte, während der Zeit des New Deal entwickelte Rechtsphilosophie der US-Wettbewerbspolitik in Frage zu stellen.

Präsident Franklin Roosevelt hatte damals ursprünglich das Ziel verfolgt, die amerikanischen Unternehmen durch Preisfestsetzungen zu kontrollieren. Doch als der US Supreme Court diesen Ansatz verwarf, begann seine Administration, die Wettbewerbspolitik zu nutzen, um die Stellung marktbeherrschender Unternehmen in Frage zu stellen. In Branchen freilich, in denen technische Neuerungen scheinbar über Nacht Monopole schaffen können, steht die Wettbewerbspolitik vor großen Schwierigkeiten.

Entsprechend der Philosophie, marktbeherrschende Stellungen in Frage zu stellen, leitete das US-Justizministerium 1969 eine umfassende Untersuchung gegen IBM ein, das damals mit seinem System S/360 den EDV-Sektor für Unternehmen revolutionierte. Der Fall zog sich bis 1982 hin und wurde dann mangels rechtlicher Grundlage verworfen. Doch solange das Kartellverfahren als Drohung im Raum stand, blieb IBM nervös und begann daher, sich von seinem Geschäftsmodell zurückzuziehen. Microsofts gegenwärtige Marktstellung ist eine direkte Folge dieses alten, gegen IBM eingeleiteten Kartellverfahrens.

Als IBM seinen Personalcomputer herausbrachte, hätte es diesen problemlos mit seiner eigenen Betriebssoftware bündeln und so seine marktbeherrschende Stellung wahren können. Aus Angst aber, dass die US-Behörden es des Versuchs bezichtigen würden, einen neuen Markt zu kontrollieren, überlies IBM das Disk Operating System (DOS) für die neuen PCs einem winzigen neuen Unternehmen, das niemand als Bedrohung ansah: Microsoft.

Natürlich geriet Microsoft, als es IBMs vormals marktbeherrschende Stellung übernahm, selbst in rechtliche Schwierigkeiten, und es führte lang andauernde Prozesse auf beiden Seiten des Atlantiks. Die EU, die sich beim Wettbewerbsrecht zunehmend am US-Modell orientiert, leitete 1993 ein Verfahren gegen Microsoft ein. Die USA taten dies erst nach dem Sieg von Microsoft im Browserkrieg; hier begann das Verfahren 1998. Zunächst entwickelten sich beide Verfahren klar gegen Microsoft: Ein US-Urteil aus dem Jahre 2000 hätte eine Aufspaltung des Unternehmens erfordert, wurde jedoch im Berufungsverfahren aufgehoben.

Googles Stellung ist so interessant und Google selbst so mächtig, weil diese Rechtsphilosophie, die jede marktbeherrschende Stellung in Frage stellt – selbst in einer Branche, die naturgemäß Monopole hervorzubringen scheint –, weiter fortbesteht. Das Verleasen von Software und Hardware, wie es IBM ursprünglich betrieb, ist problematisch. Dasselbe aber gilt für den Verkauf von Leistungen auf einmaliger Basis nach Art von Microsoft. Andererseits kann, auf den ersten Blick, nichts falsch daran sein, Leistungen oder Produkte kostenlos anzubieten und dann einfach die sich hieraus ergebenden Werbemöglichkeiten zu nutzen.

Googles Modell ist ein hübsches Beispiel für das, was man als „postmoderne Wirtschaft“ bezeichnen könnte. Das Erstaunliche an technischen Innovationen ist, dass es für Neuerer schwer war – und bleibt –, von radikalen technologischen Durchbrüchen zu profitieren. So blieb etwa den Baumwollherstellern aus der Zeit der Industriellen Revolution in England das große Geld versagt, obwohl ihre Produkte das private Leben und die Körperhygiene revolutionierten und sogar zu einer Verlängerung der Lebenserwartung führten.

In unserer eigenen Zeit ist die Luftfahrt sehr viel billiger geworden, aber die Fluglinien verlieren Geld; das Telefonieren ist nicht mehr unbezahlbar, aber die Telekommunikationsgesellschaften haben mit überhöhten Geboten für Mobiltelefonlizenzen ein Vermögen verloren. Google nun hat die Logik einer verlustbringenden Technologie auf die Spitze getrieben, indem es gar nichts für seine Produkte berechnet.

Harold James ist Professor für Geschichte und Internationale Angelegenheiten an der Universität Princeton und Professor am European University Institute, Florenz. Zuletzt ist als Buch von ihm erschienen: The Roman Predicament.

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AUTHOR INFO

Harold James is Professor of History and International Affairs at Princeton University and Professor of History at the European University Institute, Florence. He is the author of The Creation and Destruction of Value: The Globalization Cycle.