Wednesday, July 23, 2014
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Inseln in der Isolation

PARIS – Die Japaner und die Briten scheinen ziemlich unterschiedlich zu sein, aber wenn man genauer hinschaut, kann man im Schicksal dieser beiden Inselvölker Parallelen erkennen. Angesichts ihrer alten imperialistischen Ambitionen und ihrer verbreiteten Abneigung gegen die großen Kontinente, von denen sie durch enge Meeresarme getrennt sind, sind sowohl die Briten als auch die Japaner empfänglich für die Sirenengesänge des Isolationismus. Leider scheinen momentan beide dieser gefährlichen Versuchung nachzugeben.

Vielleicht liegt das Schicksal in der Geographie. Als Inselbewohner hatten die Briten und die Japaner nur vorsichtigen Kontakt zu ihren jeweiligen großen Nachbarn, Europa und China – und oft einen Superioritätskomplex ihnen gegenüber. Beide haben ihre Isolation in der Geschichte durch starke Zentralregierungen, mächtige Seeflotten, dynamischen Unternehmungsgeist, eine lebhafte Kultur und imperiale Ambitionen kompensiert.

Heute geben Japan und das Vereinigte Königreich vor, offene Gesellschaften und Teilhaber am Globalisierungsprozess zu sein. In Wirklichkeit sind beide hauptsächlich weiterhin mit sich selbst und dem Verfall ihrer traditionellen Kultur beschäftigt. Beide versuchen verzweifelt, Immigranten fernzuhalten, ob durch kulturelle Segregation wie in Großbritannien oder durch simple Abwehr wie im Fall von Japan. Je mehr sich die Zivilisationen zu einer neuen Weltordnung vereinen, desto stärker wird die Versuchung für die Japaner und die Briten, sich abseits und fern zu halten.

In Japan drückt sich die isolationistische Versuchung in der momentanen Nostalgie für die Edo-Periode von 1600 bis 1868 aus, bevor Kaiser Meiji Japan hin zur Welt geöffnet hatte. “Zurück nach Edo” wurde zu einer dominanten Stimmung und zu einem beliebten Thema in öffentlichen Debatten, an denen sich Schriftsteller, Experten und Historiker wie Inose Naoki (der auch Vizegouverneur von Tokio ist) beteiligen, die der Meinung sind, die Japaner seien in ihrer abgeschlossenen Welt viel besser dran gewesen – glücklich isoliert von der Suche nach materiellem Erfolg und internationalem Status.

Dieser “Zurück nach Edo”-Diskurs führt dazu, dass sich junge Japaner weigern, eine Fremdsprache zu lernen oder ins Ausland zu reisen. Tatsächlich bestimmen in Europa, Nordamerika und anderswo anstatt der in den 1970ern allgegenwärtigen Japaner heute die Chinesen und Koreaner das Bild. Zum selben Zeitpunkt, an dem Südkoreaner und Chinesen sich in Scharen an europäischen und nordamerikanischen Universitäten einschreiben, erreicht die Anzahl der Japaner, die im Ausland studieren, einen Tiefpunkt. Sogar an den großen Universitäten der Welt, von Harvard bis Oxford, studieren immer weniger Japaner.

Hier ahmen die Briten die Japaner nach: Immer weniger von ihnen lernen Fremdsprachen, studieren im Ausland oder folgen der Tradition, in Hongkong, Singapur oder Australien zu arbeiten. Diese Stimmung des “Little England” herrscht so stark vor, dass sich die Regierung von Premierminister David Cameron nun veranlasst sieht, die Briten in einer Volksabstimmung zu fragen, ob sie in der Europäischen Union bleiben möchten – eine Entscheidung, die selbst Margaret Thatcher, die Erzskeptikerin des Euro, nie riskiert hat.

Die Aussicht auf eine Volksabstimmung spiegelt die überwältigende Stimmung unter den Tories wider, die manchmal von Norwegen als Modell für die Rolle Großbritanniens in der Welt sprechen – Norwegen ist nicht in der EU, und die hauptsächliche globale Rolle des Landes besteht in der Verleihung des Nobelpreises. Natürlich hat Norwegen das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Aber dies ist kein relevanter Standard, an dem sich Großbritannien oder andere westliche Länder messen sollten, da Norwegens Bevölkerung klein und homogen ist und das Land auf riesigen – und gut verwalteten – natürlichen Ressourcen sitzt.

Das Ergebnis einer Volksabstimmung könnte tatsächlich sein, dass die Briten die EU, die sie nie mochten, verlassen. Dies hätte den unerwünschten Effekt, die Föderalisten auf dem Kontinent zu stärken und damit die Integrationsdynamik zu beschleunigen, die die Briten jetzt zu stoppen versuchen.

Die Briten würden tatsächlich gerade dann austreten, wenn Island, Serbien, die Türkei und die Ukraine trotz der momentanen europäischen Krise beitreten wollen. Und auch Polen will in naher Zukunft immer noch die EU-Mitgliedschaft. Die Briten rümpfen zwar die Nase über den Euro – an den sogar der vermeintlich unabhängige Schweizer Franken gekoppelt ist – aber er wird mit ziemlicher Sicherheit weiterhin die Währung von fast 300 Millionen Europäern bleiben.

Ob in Japan oder in Großbritannien, Isolationismus ist nicht nur eine sehr kurzsichtige Wahl; insbesondere für Japan könnte er angesichts des Aufstiegs des großen Nachbarn China auch gefährlich sein. Auch wenn sie es nicht zugeben möchten, hängen sowohl Japan als auch Großbritannien vom Weltmarkt ab. Durch Isolationismus würden die Bürger dieser Länder Nachteile im Wettbewerb erleiden und ihre Regierungen von Entscheidungen ausgeschlossen, die Weltwirtschaft und Welthandel betreffen. Zu einer Zeit wachsender Bedrohung durch Terroristengruppen und des steigenden Ehrgeizes Chinas und Russlands kann Isolationismus auch keine nationale Sicherheit garantieren.

Die Edo-Nostalgie in Japan und die Anziehungskraft des norwegischen Modells auf die Briten sind keine rationalen Entscheidungen. Sie kanalisieren lediglich nationale Vorsicht in einer Zeit globalen Wettbewerbs zwischen Kulturen und Wirtschaftsräumen sowie aufkommenden strategischen Ambitionen.

Ebenso wie Individuen werden Nationen manchmal müde und sehnen sich nach ihrer idealisierten Jugend zurück – ein bekanntes Phänomen, das Historiker “Deklinismus” nennen. Ob man es nun so nennt oder das Bedürfnis nach einem Urlaub von der Geschichte: Japan und Großbritannien scheinen im Moment einen Weg zu gehen, der ihren Niedergang nur noch beschleunigt.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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  1. Commentedm r

    The article is devoid of scholarly rigour linking irrelevant aspects to fit authors outlandish thesis. Thanks to the two other commenters defining and defending Japanese/ British ends respectively. There is no more "strange" relation between Islands and neighbouring continent than were they linked together. Unlike Japan, Philippines did not have the Wolfowich doctrine (encroaching/ attacking just because one can) available to join Japan at the time of Chinese carve- up. No more that Cuba with USA or Sri Lanka with India; Madagascar on Africa or Corsica/ Sardinia vis a vis France/ Italy any profoundly suspect link can be found or construed.
    It appears clear that the author is really suffering from what French past leader De Gaulle always complained that French were just second to British- and quite rightly so.
    Pre- or post Bastille/ Bonaparte French political system has not grasped democracy, but just exported it all over.
    British essence rests on the thesis that it is not all that critical how one attains political power BUT how do we get rid of one "gracefully", without resorting to what in the past was political assassinations.
    Mubaraks/ Mugabwes of this world were as starters quite genuine people but joined Dr. Bandas/ Adenauers of this world, who eventually ended up thinking that without them at the helm the world they built will fall apart.
    British political system is without doubt superior and they do not need to suffer from superiority complex, but French political system is welcome to feel inferiority complexes because it just is so. It be better though, just learn and close the gap. This world will be a better place thereby. All the currents uprisings ( and there are enough of them including USA)- all emanate from French system, where once there, the boss is untouchable.
    Iron Lady was removed in about two weeks and it took the whole of France to rise in uproar to remove the most genuine father of modern nation, Gen. deGaulle.

  2. CommentedYoshimichi Moriyama

    The closest look would reveal something akin to a different destiny.

    The Japanese have not had perhaps wary relations with their continental neighbor, at least until the arrival in East Asia of modern Western countries, except when Mongols attempted two invasions and Portuguese and Spaniards tried to convert Japan to their Chiristianized colonies.

    The Chinese think that everything good is in China and everything good that there is in China is the best in the world, a deplorable habit that the Chinese cannot shake off, and the Japanese have historically thought that bonnie things lie over the ocean, in China first and then in the West since 1868.

    The Chinese have enjoyed a superiority complex and the Japanese have suffered from a inferiority complex.
    The first surge of Japanese nationalism was in the 7th and 8th centuries. It was the reaction formation of a very strong inferior sense that the Japanese felt facing gigantic Sui and Tang China. The second was in reaction to modern Western imperialism.
    Each time that the Japanese were confronted with great civilizarion, they became ardent and enthusiastic admirers and learners. For instance, in Japan's efforts to modernize itself, France, too, had much influene in the area of political thought. Montesquieu's and Rousseau's works were translated. The Japanese modern system of civil codes is French. Compare this attitude with that of China. Compare it with Great Britain. Did the British ever show a comparable zeal in foreign countries' industrial technology, educational systems, political thoughts, constitutional ideas, modern system of government, etc.?

    In the 17th century, when the English began to shoot our overseas, the Japanese are generally thought to have closed their door in the Edo Period. We can say that certainly but this is half-true, for Japan had prepared itself for successful adaptation for modern industry and nation-state in this period which lasted for two and a half centuries without war.
    There was no time in Japanese history when the Japanese showed so strong and sustained interest in Confucianism. It was in this period that knowledge about the Western world was sought through the Dutch. Far from inward looking, Portuguese, Spaniards, Dutch and Westerners who visited Japan on the eve of its open-door policy noted an unusual curiosity that the Japanese manifested.

    Vice-Governor Inose is a very intellectual person. His personality is very far from blind, jingoistic nationalism. I do not know what he said that made Mr. Sormancomment on him as "back to Edo" disposed.
    We sometimes say things that sound like back to Edo, because in this period the Japanese enjoyed economic and commercial development, a considerably high standard of living and on top of all these peace that seemed to endure forever; people could live without worrying about internatinal rivalry and security; they felt living in a society which was intellectually easy to understand and emotionally very familiar. It is not surprising if many Japanese jokingly speak of it, as I do, as a paradise though knowing that it had shortcomigns and that it is impossible to go back to it.

    There is much truth in Japanese trying to keep immigrants at bay by rejection. But Mr. Sorman should know, for instance, that about six hundred thousand Koreans opted to stay in post-war Japan instead of going back to the Korean Peninsula. Close to five hundred thousand of their descendants are living, not a small number of them pledging allegiance to the North. Chinese are buying fountains where they can have clean and fresh water in many places.
    As it seems that more emphasis is coming to be laid on cultural assimilation from immigrants in France, so in Japan too there is a change of mood taking place.

    Young Japanese were and are very eager to learn a foreign language, English most often. This eagerness has not declined and the Japanese Government has invited for the past two deades hundreds of young people annually whose first language is English. But there has been no sign of improvement in the English-speaking abiltiy. Mr. Gregory Clark, a son of economist Colin Clark, asked why the Japanese seem to struggle so ineffectually to learn English. His answer was the counterproductive way in which English was taught in schools. My suggestion is that it is high time the Japanese gave up English and tried French instead so that Mr. Sorman, whose knowledge of Japan leaves much to be desired, would not have to learn Japanese.

    I agree, though, that the number of young Japanese going abroad to study has fallen. I do not know why. The government should give able, young Japanese very good stipends. It should also encourage Japanese companies, as a way of remedy, to give their able and promising emloyees a long sabbatical since Japanese, once employed and caught in workaholism, seldom have chances for further, intensive self-improvement. This benefit should not be egalitarian as is often the case in Japanese groups. It should be completely meritocratic.

  3. CommentedCelt Darnell

    Well, it was Napoleon Bonaparte (remember him?) who said every nation follows its geography.

    But, could we have some balance here? The idea that the UK is "isolated" if it fails to integrate with Europe overlooks the vast English-speaking world or Anglosphere which includes among others, Canada (Quebec notwithstanding), Australia, New Zealand and oh, yes, the US of A. Unlike Japan, the culture of which is found nowhere else, the UK has other linguistic brethren. While language does not equal culture, but it is a large part of it. The existence of the Anglosphere means a different set of rules for Britain in comparison to Japan.

    Do the Japanese and British really find their continental neighbours distateful? For most of its history (the 20th century was the exception) Japan had to fend off Chinese encroachment. For Britain, within living memory, the continent gave us such luminaries as Adolf Hitler and Joseph Stalin. Before that it was Napoleon and Robespierre, before that Phillip of Spain. That Britain's liberal state has been created and maintained all too often in defiance of various continental powers has certainly led to a certain wariness among the British. That's not the same as distaste.

    Anyone who claims that the UK is a less open society or is any more hostile to immigrants than any European nation is either ignorant or medacious. Britain hasn't always successfully integrated its new arrivals, but it does as well as anyone else and has far more of them than any of its neighbours.

    Finally decline. The fact is, the entire west, especially Europe, is in decline. The process of western world dominance that began in 1492 is well and truly being reversed -- and it is increasingly obvious that there is nothing the US or the EU can do to stop it.

    Frankly, on that matter, it really doesn't matter what the UK does.

    On the subject of languages, I'd recommend you start learning Mandarin.

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