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Inseln in der Isolation

PARIS – Die Japaner und die Briten scheinen ziemlich unterschiedlich zu sein, aber wenn man genauer hinschaut, kann man im Schicksal dieser beiden Inselvölker Parallelen erkennen. Angesichts ihrer alten imperialistischen Ambitionen und ihrer verbreiteten Abneigung gegen die großen Kontinente, von denen sie durch enge Meeresarme getrennt sind, sind sowohl die Briten als auch die Japaner empfänglich für die Sirenengesänge des Isolationismus. Leider scheinen momentan beide dieser gefährlichen Versuchung nachzugeben.

Vielleicht liegt das Schicksal in der Geographie. Als Inselbewohner hatten die Briten und die Japaner nur vorsichtigen Kontakt zu ihren jeweiligen großen Nachbarn, Europa und China – und oft einen Superioritätskomplex ihnen gegenüber. Beide haben ihre Isolation in der Geschichte durch starke Zentralregierungen, mächtige Seeflotten, dynamischen Unternehmungsgeist, eine lebhafte Kultur und imperiale Ambitionen kompensiert.

Heute geben Japan und das Vereinigte Königreich vor, offene Gesellschaften und Teilhaber am Globalisierungsprozess zu sein. In Wirklichkeit sind beide hauptsächlich weiterhin mit sich selbst und dem Verfall ihrer traditionellen Kultur beschäftigt. Beide versuchen verzweifelt, Immigranten fernzuhalten, ob durch kulturelle Segregation wie in Großbritannien oder durch simple Abwehr wie im Fall von Japan. Je mehr sich die Zivilisationen zu einer neuen Weltordnung vereinen, desto stärker wird die Versuchung für die Japaner und die Briten, sich abseits und fern zu halten.

In Japan drückt sich die isolationistische Versuchung in der momentanen Nostalgie für die Edo-Periode von 1600 bis 1868 aus, bevor Kaiser Meiji Japan hin zur Welt geöffnet hatte. “Zurück nach Edo” wurde zu einer dominanten Stimmung und zu einem beliebten Thema in öffentlichen Debatten, an denen sich Schriftsteller, Experten und Historiker wie Inose Naoki (der auch Vizegouverneur von Tokio ist) beteiligen, die der Meinung sind, die Japaner seien in ihrer abgeschlossenen Welt viel besser dran gewesen – glücklich isoliert von der Suche nach materiellem Erfolg und internationalem Status.

Dieser “Zurück nach Edo”-Diskurs führt dazu, dass sich junge Japaner weigern, eine Fremdsprache zu lernen oder ins Ausland zu reisen. Tatsächlich bestimmen in Europa, Nordamerika und anderswo anstatt der in den 1970ern allgegenwärtigen Japaner heute die Chinesen und Koreaner das Bild. Zum selben Zeitpunkt, an dem Südkoreaner und Chinesen sich in Scharen an europäischen und nordamerikanischen Universitäten einschreiben, erreicht die Anzahl der Japaner, die im Ausland studieren, einen Tiefpunkt. Sogar an den großen Universitäten der Welt, von Harvard bis Oxford, studieren immer weniger Japaner.

Hier ahmen die Briten die Japaner nach: Immer weniger von ihnen lernen Fremdsprachen, studieren im Ausland oder folgen der Tradition, in Hongkong, Singapur oder Australien zu arbeiten. Diese Stimmung des “Little England” herrscht so stark vor, dass sich die Regierung von Premierminister David Cameron nun veranlasst sieht, die Briten in einer Volksabstimmung zu fragen, ob sie in der Europäischen Union bleiben möchten – eine Entscheidung, die selbst Margaret Thatcher, die Erzskeptikerin des Euro, nie riskiert hat.

Die Aussicht auf eine Volksabstimmung spiegelt die überwältigende Stimmung unter den Tories wider, die manchmal von Norwegen als Modell für die Rolle Großbritanniens in der Welt sprechen – Norwegen ist nicht in der EU, und die hauptsächliche globale Rolle des Landes besteht in der Verleihung des Nobelpreises. Natürlich hat Norwegen das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Aber dies ist kein relevanter Standard, an dem sich Großbritannien oder andere westliche Länder messen sollten, da Norwegens Bevölkerung klein und homogen ist und das Land auf riesigen – und gut verwalteten – natürlichen Ressourcen sitzt.

Das Ergebnis einer Volksabstimmung könnte tatsächlich sein, dass die Briten die EU, die sie nie mochten, verlassen. Dies hätte den unerwünschten Effekt, die Föderalisten auf dem Kontinent zu stärken und damit die Integrationsdynamik zu beschleunigen, die die Briten jetzt zu stoppen versuchen.

Die Briten würden tatsächlich gerade dann austreten, wenn Island, Serbien, die Türkei und die Ukraine trotz der momentanen europäischen Krise beitreten wollen. Und auch Polen will in naher Zukunft immer noch die EU-Mitgliedschaft. Die Briten rümpfen zwar die Nase über den Euro – an den sogar der vermeintlich unabhängige Schweizer Franken gekoppelt ist – aber er wird mit ziemlicher Sicherheit weiterhin die Währung von fast 300 Millionen Europäern bleiben.

Ob in Japan oder in Großbritannien, Isolationismus ist nicht nur eine sehr kurzsichtige Wahl; insbesondere für Japan könnte er angesichts des Aufstiegs des großen Nachbarn China auch gefährlich sein. Auch wenn sie es nicht zugeben möchten, hängen sowohl Japan als auch Großbritannien vom Weltmarkt ab. Durch Isolationismus würden die Bürger dieser Länder Nachteile im Wettbewerb erleiden und ihre Regierungen von Entscheidungen ausgeschlossen, die Weltwirtschaft und Welthandel betreffen. Zu einer Zeit wachsender Bedrohung durch Terroristengruppen und des steigenden Ehrgeizes Chinas und Russlands kann Isolationismus auch keine nationale Sicherheit garantieren.

Die Edo-Nostalgie in Japan und die Anziehungskraft des norwegischen Modells auf die Briten sind keine rationalen Entscheidungen. Sie kanalisieren lediglich nationale Vorsicht in einer Zeit globalen Wettbewerbs zwischen Kulturen und Wirtschaftsräumen sowie aufkommenden strategischen Ambitionen.

Ebenso wie Individuen werden Nationen manchmal müde und sehnen sich nach ihrer idealisierten Jugend zurück – ein bekanntes Phänomen, das Historiker “Deklinismus” nennen. Ob man es nun so nennt oder das Bedürfnis nach einem Urlaub von der Geschichte: Japan und Großbritannien scheinen im Moment einen Weg zu gehen, der ihren Niedergang nur noch beschleunigt.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff