Eine große Sorge im Mittleren und Nahen Osten ist, dass Islam und Modernisierung unvereinbar sind. Doch die malaysische Geschichte der letzten drei Jahrzehnte zeigt, dass dieser Glaube irrig ist. In Wahrheit hat sich die Islamisierung als ein wirksames politisches Mittel erwiesen, um die Malaysier mit der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung des Landes zu versöhnen.
In den frühen Siebzigerjahren, als Malaysia in weiten Teilen noch ein Agrarland war und die Islamisierung gerade in Schwung kam, wurde die neue Wirtschaftspolitik eingeführt, die so genannte „New Economic Policy“ (NEP), die der Mehrheit der Malaysier zu einem größeren Anteil am Wohlstand des Landes verhelfen sollte. Mit dem spektakulären Wirtschaftswachstum der letzten drei Jahrzehnte sind viele Malaysier reich und zufrieden geworden, nicht nur durch den weltlichen Kapitalismus, sondern durch das erneuerte Gefühl einer islamischen Identität im Land, die sich die Modernisierung – größtenteils – zu eigen machte. (Selbstverständlich treten hin und wieder Paradoxe auf, z. B. wenn die Globalisierung zusammen mit Forderungen nach stärkerer Zensur vertreten wird.)
Islamisch gesinnte Politiker wie Anwar Ibrahim gewannen an Bedeutung als die Islamisierung in den Siebzigerjahren begann. Doch der Islam, für den sie warben, war nicht rückständig, stattdessen war sein Ziel, eine modernisierende Wirtschaftspolitik zu gestalten, die muslimische Empfindlichkeiten berücksichtigte.
Angesichts der Popularität dieser Bewegung an der Basis beschloss die Regierung des damaligen Premierministers Mahathir Mohamad 1982, Anwar Ibrahim in die United Malays National Organisation (UMNO) hinzuzuwählen, die führende Partei in der Regierungskoalition des Landes. Die Strategie ging auf und trug dazu bei, die islamische Opposition gegen die turbulenten Veränderungen, die die rasante wirtschaftliche Modernisierung des Landes begleiteten, zu entschärfen.
In den Neunzigerjahren weitete Anwar jedoch seinen Einfluss in der Partei aus, was viele Mitglieder der alten Garde beunruhigte. Nach der Finanzkrise 1997 spitzte sich die Lage zu, als Anwar als stellvertretender Premierminister in der Wirtschaftspolitik einen noch liberaleren Ansatz verfolgte als Mahathir. Zum Teil als Reaktion auf diese Herausforderung wurde Anwar entlassen.
Anwars skurriler Prozess und seine Verurteilung wegen Homosexualität und Machtmissbrauchs stärkte die Reformasi-Bewegung, da die Stimmung der islamisch gesinnten Malaysier in zunehmendem Maße gegen die UMNO und Mahathir umschlug. Dies gipfelte in einem schlechten Wahlergebnis für die Regierungskoalition im November 1999.
Die islamistische Partei, Parti Islam SeMalaysia (PAS), gelangte in den Staaten Kelantan und Trengganu an die Macht und stellte in anderen nördlichen Staaten eine starke Konkurrenz für die UMNO dar. Der persönliche Konflikt zwischen Mahathir und Anwar führte somit zu einem offensichtlichen Bruch zwischen den islamistischen politischen Kräften Malaysias und den Modernisierern der UMNO.
So sah sich Mahathir erneut dem Druck ausgesetzt, eine Strategie anzuwenden, die verhindern sollte, dass der Islam zu einem Instrument der Opposition wurde. Dieser Impuls beeinflusste seine Wahl eines Nachfolgers sehr stark, als er beschloss, vom Amt des Premierministers zurückzutreten. Seine Entscheidung für Abdullah Badawi, den derzeitigen Premierminister, trug dazu bei, dass die UMNO die islamistische moralische Führungsrolle zurückeroberte, die die PAS für sich beansprucht hatte.
Doch vor allem der Anfang von Amerikas globalem „Krieg gegen den Terror“ 2001 brachte den politischen Vormarsch der islamistischen Parteien zu einer Vollbremsung, da er der Regierung eine Ausrede dafür lieferte, bei der malaysischen Rechten und der PAS hart durchzugreifen.
Dadurch wurde jedoch nur der Wunsch der UMNO erneuert, sich selbst als ausreichend islamistisch darzustellen. Daher ging Mahathir vor seinem Rücktritt so weit, Malaysia zu einem faktisch muslimischen Staat zu erklären. Dies führte zu einigem Stirnrunzeln, und die Frage wurde laut, wie weit Mahathir gehen würde, um dem Reiz der Islamisten entgegenzuwirken.
Der Trend setzt sich fort. Eine der ersten Amtshandlungen Badawis als Premierminister im Oktober 2003 war die Einführung des Konzepts Islam Hadhari. Dieser schwammige Begriff wurde im September 2004 endlich durch eine Liste mit zehn Prinzipien präzisiert, von denen allerdings alle bis auf eines jeglicher religiösen Konnotation entbehrten. Trotzdem schien dieser Schachzug auszureichen, um islamisch gesinnte Wähler wieder zurück in den Schoß der Regierungspartei zu holen.
Bei den Parlamentswahlen im März 2004 – den ersten, seit Mahathir nach 22 Jahren an der Macht zurückgetreten war – haben gemäßigte Muslime Abdullah Badawi zu einem Erdrutschsieg verholfen. Die Entlassung von Anwar Ibrahim kurz darauf steigerte ebenfalls das Ansehen des neuen Premierministers als Führer, der innermalaysische und innermuslimische Konflikte lösen konnte.
Seitdem hat Abdullah Badawi das Konzept „Hadhari“ populär gemacht und es zu einem Mittel ausgeformt, um den Schwerpunkt des Islams von seiner sanktionierenden Funktion auf sein zivilisierendes Potenzial zu verlagern und ihn weniger ideologisch zu machen. Im heutigen Malaysia wird der Islam als ein Zivilisations- und Kulturmotor präsentiert, und nicht nur als ein Quell der religiösen Inspiration. Das hat dazu beigetragen, extremistischen Tendenzen im Land entgegenzuwirken, und es bietet eine konzeptionelle Plattform für einen gemäßigten Islam. Durch Islam Hadhari wird versucht die Idee zu vermitteln, dass der Materialismus und Nationalismus der UMNO dem Islam nicht widersprechen.
Mit verschiedenen Tricks und Strategien hat Malaysia die Spannungen zwischen einer weltlichen Modernisierungsagenda und dem islamischen Glauben, zu dem sich die Malaysier bekennen, effektiv überwunden. Indem es Islamisten und islamistische Gefühle zu einem Teil des Modernisierungsprozesses macht, zeigt Malaysia, dass islamischer Glaube und Wirtschaftswachstum vereinbar sind, wenn die Politiker schlau genug sind, sie nicht als Widersprüche zu behandeln.


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