Thursday, July 31, 2014
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Befindet sich die amerikanische Wirtschaft noch in der Rezession?

Angesichts der Größe und der wirtschaftlichen Bedeutung der USA ist der Zustand der US-Wirtschaft von globalem Interesse. Sie ( erreichte ihren Höhepunkt im März 2001, als der Boom der 90er ein Ende fand und das außergewöhnliche Wirtschaftswachstum nach einer Dekade erstmals wieder in die erste Rezession überging. War diese Rezession aber abgeschlossen, als die Wirtschaft im Dezember 2001 wieder anzog? Oder hält sie weiter an? Das amerikanische Institut für Wirtschaftsforschung (NBER) und sein Konjunkturausschuss, der halb-offiziell damit betraut ist, den Konjunkturzyklus der US-Wirtschaft zu verfolgen und festzulegen, hüllen sich in Schweigen. Die jüngsten Veränderungen der Wirtschafts- und Währungspolitik verraten eine Zweideutigkeit, die schon immer bezeichnend war für die Art, wie das NBER über die Konjunktur dachte.

Seit der Weltwirtschaftskrise war das Ende einer Rezession immer eindeutig bestimmbar: es war erreicht, wenn die Industrieproduktion stark anstieg, der Abwärtstrend des Gesamtumsatzes umkehrte und sich die Arbeitslosenzahl verringerte. All diese Tendenzumschwünge fanden gleichzeitig statt oder innerhalb weniger Monate. Somit war es nie wirklich wichtig, wie das Ende einer Rezession definiert wurde oder ob es überhaupt eine Definition gab. Wie ein Richter des Obersten Gerichtshofes einst über die Obszönität sagte: "Ich habe vielleicht keine genaue Definition, aber wenn ich sie sehe, erkenne ich sie sofort."

Diese Art, es bei Faustregeln bewenden zu lassen, stellt sich jedoch mehr und mehr als unzureichend heraus. Im Nachhinein war das erste Warnsignal die sogenannte "Wiederbelebung des Arbeitsmarktes" zu Beginn der 90er. Produktion und Umsätze erreichten die Talsohle im März 1991. Aber die Arbeitslosenquote stieg weiter an - noch einen ganzen Prozentpunkt, bevor sie im Juni 1992 ihren Höchststand von 7,6% erreichte. Wenn es, wie ich glaube, richtig ist, dass der wichtigste Konjunkturindikator die berechtigte Sorge der Arbeitnehmer um ihren Arbeitsplatz ist, dann erreichte die amerikanische Wirtschaft ihr Konjunkturtief ganze fünfzehn Monate nach dem halb-offiziellen Ende der Rezession.

Und dieses Mal stehen die Dinge noch schlechter. Gemessen an den Produktionstendenzen hat es noch nie eine kürzere und flachere Rezession gegeben, als die, die im März 2001 einsetzte: sie war nach weniger als neun Monaten vorbei, und die Abnahme des BIP fiel extrem gering aus. Dasselbe scheint zu gelten, wenn man die Umsätze betrachtet.

Aber gemessen an der Anzahl der Arbeitslosen ist es eine der schlimmsten, wenn nicht die schlimmste Rezession seit der Weltwirtschaftskrise: heute haben 2,1 Millionen Menschen weniger Arbeit als zur Zeit des Höhepunkts der Konjunktur vor zwei Jahren. Berücksichtigt man zudem das normale Wachstum der Anzahl der Erwerbstätigen, beträgt das Arbeitsplatzdefizit bezogen auf die Entwicklung des Arbeitsmarktes - hätte der Boom der 90er angehalten- - , 4,7 Millionen Arbeitsplätze.

Warum also greifen die alten Konjunkturindikatoren nicht mehr? Ein Grund ist, dass die amerikanische Notenbank in den letzten anderthalb Jahrzehnten unterschiedlich gehandelt hat. Die meisten der früheren Rezessionen waren nicht gänzlich unerwünscht: eine höhere Arbeitslosenrate trug dazu bei, die Inflation zu drosseln, wenn das Toleranzniveau der Notenbank überschritten war. Wenn sie dann der Meinung war, die Inflation sei nicht länger eine Bedrohung, und ihre kurzfristige Hauptaufgabe nicht länger in der Absicherung der Preisstabilität, sondern in der Ankurbelung der Produktion sah, gingen die meisten der früheren Rezessionen zu Ende. Niedrigere Zinssätze bewirkten eine Aufwärtstrend bei fast allen Konjunkturindikatoren - Produktion, Umsatz, Beschäftigungsgrad und Arbeitslosenquote.

Der zweite Grund liegt darin, dass das der Wirtschaft zugrundeliegende Wachstum der Produktionzwischen 1970 und 1995 relativ langsam war. Wenn die Produktion langsam wächst, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass ihr Ansteigen von einem sinkenden Beschäftigungsgrad begleitet wird. Seit ungefähr 1995 war das Wachstum der Produktion jedoch von Schnelligkeit gekennzeichnet: es lag nicht bei 0,7% pro Jahr - der Durchschnitt während der vorangegangenen 25 Jahre -, sondern bei 2% oder 3% oder sogar noch höher. Und bislang sprechen alle Anzeichen dafür, dass die Tendenz eines schnellen zugrundeliegenden Produktionswachstums weiter anhalten wird.

Diese beiden Aspekte offenbaren das aktuelle Dilemma des NBER. Im Gegensatz zu vorherigen Rezessionen gab es dieses Mal keinen plötzlichen Wechsel der Notenbankpolitik, der allen volkswirtschaftlichen Konjunkturindikatoren denselben Wendepunkt verschafft hätte. Zudem bedeutet schnelles Wachstum der zugrundeliegenden Produktivität, dass eine beträchtliche, wenn nicht außergewöhnliche Erholung in Bezug auf das Wachstum mit einem Rückgang der Beschäftigung und einer steigenden Arbeitslosenzahl einhergeht.

Die daraus zu ziehende Lehre ist, dass wir den Begriff der "Rezession" endlich genau definieren müssen, wenn wir ihn weiter verwenden wollen. Wird sie lediglich durch sinkende Produktion bestimmt? Oder durch die Verschlechterung des Arbeitsmarktes für einen typischen Arbeitnehmer? Erst wenn die Antwort auf diese Frage gefunden ist, wird man sagen können, ob sich die US-Wirtschaft noch immer in einer Rezession befindet oder nicht.

Aber der wichtigste Punkt ist keineswegs, ob die Wirtschaft in einer Rezession steckt oder nicht, sondern dass die alten Kategorien einfach nicht mehr passen. Die USA befinden sich eindeutig noch immer in einer Rezession, was den Arbeitsmarkt betrifft. In der Vergangenheit wurden die Rezessionen des Arbeitsmarktes von einer sinkenden Produktion begleitet, was jetzt nicht der Fall ist. Die US-Wirtschaft befindet sich in der Aufschwungsphase, was die Produktion betrifft; aber in der Vergangenheit (mit Ausnahme des Zeitraums zwischen 1991 und 1992) wurden die Aufschwungphasen der Produktion von einer Verbesserung der Arbeitsmärkte begleitet, was diesmal nicht der Fall ist.

Veränderungen der Wirtschaftspolitik und der zugrundeliegenden Produktivitätstendenzen haben eine Situation herbeigeführt, die weder durch "Rezession" noch "Expansion" ausreichend beschrieben wird. Und das ist meiner Meinung nach bei weitem das wichtigste Thema in Bezug auf die derzeitige Phase der US-amerikanischen Konjunktur.

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