LONDON: Haben die bisherigen Konjunkturpakete die traumatisierten Volkswirtschaften unserer Welt wieder zum Leben erweckt? Oder haben sie der Inflation und umfangreichen zukünftigen Schuldenlasten den Weg bereitet? Die Antwort lautet: möglicherweise beides. Die zentrale Frage ist nun, in welcher Reihenfolge diese Ergebnisse eintreten.
Die Theorie, die den enormen Konjunkturmaßnahmen, die viele Regierungen ergriffen haben, zugrunde liegt, beruht auf der Vorstellung der „Produktionslücke“, d.h. der Differenz zwischen der tatsächlichen und der potenziellen Produktion einer Volkswirtschaft. Bleibt die tatsächliche Produktion hinter der potenziellen Produktion zurück, bedeutet dies, dass die Gesamtausgaben zu gering sind, um all das zu kaufen, was die Volkswirtschaft produzieren kann.
Eine Konjunkturmaßnahme ist eine vom Staat ausgehende Erhöhung der Gesamtausgaben. Der Staat kann dabei entweder selbst mehr Geld ausgeben, oder er kann versuchen, die privaten Ausgaben durch Steuer- oder Zinssenkungen anzukurbeln. Dies hebt die tatsächliche Produktion auf das Niveau der potenziellen Produktion und schließt so die Produktionslücke.
Es gibt Ökonomen – allerdings zugegebenermaßen immer weniger –, die bestreiten, dass es überhaupt eine Produktionslücke geben kann. Die Wirtschaft, so argumentieren sie, wäre immer voll beschäftigt. Wenn also heute weniger Leute arbeiten als gestern, so deshalb, weil sich mehr Leute entschieden hätten, nicht zu arbeiten. (Folgt man dieser Logik, so haben seit dem Finanz-GAU vom vergangenen September schlicht eine Menge Bankkaufleute einen langen Urlaub genommen.) Also sei die heutige Produktion das, was die Menschen produzieren wollten. Versuche, die Konjunktur zu stimulieren, würden lediglich zu höheren Preisen führen, da die Leute mehr Geld für dieselbe Menge an Waren und Dienstleistungen ausgäben.
Eine vernünftigere Sichtweise ist, dass die heutige Wirtschaft weniger produziert, als sie das könnte, und dass es mehr Leute gibt, die arbeiten möchten, als es Arbeitsplätze gibt. Also kurbeln Konjunkturmaßnahmen die Produktion und die Beschäftigung an.
Doch wie umfangreich müssen diese Konjunkturimpulse sein? Das Congressional Budget Office (CBO) der USA geht davon aus, dass die amerikanische Produktion in den kommenden zwei Jahren rund 7% unter ihrem Potenzial liegen wird. Damit wäre dies die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Arbeitslosigkeit in den USA wird den Vorhersagen nach gegen Ende 2009 oder Anfang 2010 mit 9,4% ihren Spitzenwert erreichen und vermutlich bis mindestens Ende 2011 über 7% liegen.
Die US-Regierung hat Konjunkturmaßnahmen im Umfang von 787 Milliarden Dollar oder ca. 7% vom BIP zugesagt. Oberflächlich betrachtet scheint das in etwa der richtige Betrag zu sein, um die Lücke zu schließen – sofern es in diesem Jahr ausgegeben wird . Tatsächlich aber haben wir es mit einem Dreijahresprogramm zu tun. Für 2009-2010 sind etwa 584 Milliarden Dollar vorgesehen, d.h., es bleiben für dieses Jahr vielleicht 300 Milliarden Dollar zusätzlich. Wobei freilich unklar ist, wie viel davon tatsächlich ausgegeben wird.
Dies lässt sich durch ein einfaches Beispiel illustrieren. Nehmen wir an, die Regierung verteilt das zusätzliche Geld an ihre Bürger. Diese werden einen Teil davon sparen . Die Sparquote der amerikanischen Haushalte ist seit Beginn der Rezession von 0% auf 5% in die Höhe geschossen – verständlicherweise zur Schuldentilgung.
Ein weiterer Teil des zusätzlichen Geldes wird für Importe ausgegeben und tut also nichts, um die Ausgaben für die US-Produktion anzukurbeln. Ziehen wir also 20% für diese beiden Posten ab. Die schlechte Nachricht ist dann, dass zunächst lediglich 80% der 300 Milliarden Dollar, also 240 Milliarden Dollar, ausgegeben werden.
Die gute Nachricht ist, dass diese Zahl im Rahmen aufeinander folgender Ausgabevorgänge multipliziert wird: Die Ausgaben des Einen werden zum Einkommen des Anderen, usw. Der Wert des Multiplikators ist von den Annahmen über die Größe der „Lücke“, „Abflüsse“ aus dem Ausgabestrom und den Auswirkungen der vertrauensbildenden Maßnahmen der Regierung abhängig.
Schätzungen variieren zwischen einem Multiplikator von etwa 2 bis hinunter zu einem von 0. Ein Multiplikator von 2 würde 480 Milliarden Dollar an zusätzlichen Ausgaben erzeugen, verglichen von einem Multiplikator von 1, der lediglich die ursprünglichen 240 Milliarden Dollar generieren würde. Falls der Multiplikator bei 0 liegt, wie dies konservative Ökonomen annehmen, gibt es keine Auswirkungen auf die Produktion, sondern nur auf die Preise.
Eine weitere Quelle von Konjunkturimpulsen ist die „quantitative Lockerung“, oder, einfacher formuliert, das Drucken von Geld. Durch Aufkauf von Staatsanleihen pumpt die Zentralbank dabei Bargeld in das Bankensystem. Ziel dieser Maßnahme ist es, die privaten Ausgaben anzukurbeln, indem man die Zinsen nach unten treibt, zu denen die Banken ihren Kunden Geld leihen. Es wurden auf diese Weise weltweit zusätzlich hunderte von Milliarden von Dollar in die Banken gepumpt.
Doch die Auswirkungen der quantitativen Lockerung sind noch deutlich unsicherer als die fiskalpolitischer Konjunkturimpulse. Zwar hat diese Politik zu einer Verringerung der Margen und einer Verbesserung der Liquidität auf dem Anleihemarkt geführt, doch haben viele Banken das zusätzliche Geld verwendet, um ihre Bilanzen auszupolstern (die Entsprechung zur Erhöhung der Sparquote bei den privaten Haushalten), statt es an Unternehmen und Privatpersonen zu verleihen.
Dies sind zugegebenermaßen Überschlagsberechnungen, doch kann man daraus eine Reihe von Schlussfolgerungen ziehen. Die erste ist, dass die weltweiten Konjunkturpakete das Abrutschen in die Depression verhindert und möglicherweise eine bescheidene Erholung eingeleitet haben.
Zweitens ist es zu früh, die Konjunkturmaßnahmen zurückzufahren, wozu Japan und die USA inzwischen bereit zu sein scheinen. Ein britischer Regierungsvertreter hat es im Vorfeld des G20-Gipfels in Italien im letzten Juli so formuliert: „Wir sollten mit der Vorbereitung von Ausstiegsstrategien beginnen, aber wir sollten erst anfangen, diese umzusetzen, wenn wir sicher sind, dass wir eine stabile und selbsterhaltende Erholung haben, und bisher behauptet glaube ich niemand, dass wir diesen Punkt bereits erreicht haben.“
Drittens wird die bestehende Politik, selbst wenn sie fortgesetzt wird, keine selbsterhaltende Konjunkturerholung herbeiführen. Sie bietet bestenfalls die Aussicht auf mehrere Jahre unterdurchschnittlicher Wirtschaftsaktivität. Eine zweite Runde von Konjunkturpaketen ist nötig, um der realen Aussicht einer W-förmigen Rezession entgegenzuwirken.
Der Zeitpunkt, um sich über eine Inflation Sorgen zu machen, ist gekommen, wenn die Konjunkturerholung stabil ist. Um unsere Schulden ohne Anstrengungen zurückzahlen zu können, brauchen wir eine florierende Wirtschaft. Das Gerede über eine Senkung der Staatsausgaben ist voreilig. Wie Keynes so schön gesagt hat: „Aufschwungsphasen und nicht Abschwungsphasen sind der richtige Zeitpunkt für einen Sparkurs im Finanzministerium.“ Er hatte Recht.


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