CHICAGO – In letzter Zeit haben eine Reihe von Kommentatoren einen starken, aber kontrollierten Inflationsanstieg als Möglichkeit des Schuldenabbaus sowie der Neubelebung des Wachstums in den Vereinigten Staaten und anderen Industrieländern vorgeschlagen. Ist das eine gute Idee?
Um zu begreifen, wie diese Behandlung funktioniert, muss man zuerst einmal die Diagnose verstehen. Wie Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff ausführen, gestalten sich Erholungsphasen nach Krisen aufgrund übermäßig fremdfinanzierter Bilanzen typischerweise langsam und resistent gegen herkömmliche makroökonomische Stimulierung. Überschuldete Haushalte können nichts ausgeben, überschuldete Banken können kein Geld verleihen und überschuldete Staaten können keine Konjunkturprogramme durchführen.
Warum also, so das Rezept, nicht eine zeitweilig höhere Inflation erzeugen? Das würde Fixed-Income-Investoren überraschen, die sich in der Vergangenheit bereit erklärten, langfristig zu niedrigen Zinsen Geld zu verleihen; es würde den realen Wert der Schulden senken, den „Schuldenüberhang“ beseitigen und damit das Wachstum ankurbeln.
Auf den ersten Blick sieht das nach einer attraktiven Lösung aus, aber bei näherer Betrachtung ergeben sich ernsthafte Bedenken. Zunächst einmal ist da die Frage, ob Zentralbanken, die Jahrzehnte mit dem Aufbau und der Erhaltung ihrer Glaubwürdigkeit bei der Inflationsbekämpfung beschäftigt waren, in einem Umfeld niedriger Zinsen ein rascheres Preiswachstum herbeiführen können. Japan hat das ausprobiert – und ist gescheitert: Die Banken hielten die von der Zentralbank nach dem Rückkauf von Anleihen freigegebenen Reserven zurück.
Eine gewisse Wirkung könnte vielleicht erzielt werden, wenn die Zentralbank ein höheres Inflationsziel ankündigte und ein (mit unverzinslichen Reserven finanziertes) Kaufprogramm für Finanzwerte bis zur Erreichung des Ziels durchführte. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Glaubwürdigkeit aufgrund dieser Wechselhaftigkeit leiden würde. Die Marktteilnehmer könnten vermuten, dass das Programm möglicherweise eingestellt wird, wenn es - lange bevor das Ziel erreicht ist - alarmierende Ausmaße annimmt.
Außerdem braucht die Zentralbank eine rasche und durchaus beträchtliche Inflation, um den realen Wert der Schulden rasch zu reduzieren – ein langsamer Anstieg der Inflation (vor allem, wenn von der Zentralbank deutlich signalisiert) hätte begrenzte Auswirkungen, weil fällig werdende Schulden nicht nur höhere nominale Zinssätze erfordern würden, sondern auch einen Inflationsrisiko-Aufschlag, um die Forderungen zu prolongieren. Eine erhebliche Inflation wäre aber schwer im Zaum zu halten, vor allem wenn die Zentralbank an Glaubwürdigkeit verliert: Würde die Öffentlichkeit wirklich glauben, dass die Zentralbank willens ist, nach einer Abkehr von ihrem früheren Inflationsziel die Zinssätze drastisch anzuheben und das Wachstum abzuwürgen, um der Inflation Einhalt zu gebieten?
Als nächstes denke man darüber nach, ob die inflationäre Kur auch wie angekündigt funktionieren würde. Wenig ausrichten würde eine Inflation im Falle von Schuldnern mit relativ kurzfristigen Verbindlichkeiten (Banken) sowie jenen mit variabel verzinslichen Verbindlichkeiten (einschließlich der vielen Haushalte die kurz vor dem Höhepunkt des Booms einen Kredit aufnahmen und heute am stärksten verschuldet sind). Nicht einmal der amerikanische Staat mit seiner etwa vierjährigen Schuldenlaufzeit würde von einer Inflationsüberraschung großartig profitieren, außer diese Überraschung hätte enorme Ausmaße. Der Großteil der staatlichen Verpflichtungen stammt nämlich aus den Bereichen Sozialversicherung und Gesundheitswesen. Und diese Verpflichtungen können nicht weginflationiert werden.
Aber selbst für belastete Privathaushalte mit langfristigen Krediten sind die Folgen einer höheren Inflation ungewiss. Hilfreich wäre, wenn deren nominales verfügbares Einkommen in Relation zu deren (fixen) Schuldenrückzahlungen ansteigen würde. Doch angesichts hoher Arbeitslosigkeit, die das nominale Lohnwachstum dämpft, könnten die typischen in Schieflage geratenen Haushalte noch schlechter aussteigen – höhere Lebensmittel- und Treibstoffpreise würden das verfügbare Einkommen weiter belasten.
Selbstverständlich muss jeder unverhoffte Vorteil für die Kreditnehmer von irgendjemandem finanziert werden. Eine Inflation würde auf jeden Fall die Situation der Gläubiger verschlechtern. Wer ist das nun eigentlich? Bei manchen handelt es sich um reiche Leute, aber es gehören auch Rentner dazu, die in Anleihen investierten, nachdem sie von den Aktienmärkten verschreckt wurden. Überdies zählen zu den Gläubigern Banken, die rekapitalisiert werden müssten; staatliche Rentenfonds, die sich ohnehin schon in den roten Zahlen befinden und Versicherungen, die den Ansprüchen ihrer Kunden nicht mehr nachkommen könnten.
In einer idealen Welt würden Ausländer mit reichlichen Reserven die Verluste erleiden, aber diese Anleger könnten noch zur Finanzierung zukünftiger Defizite gebraucht werden. Aus diesem Grund müssten die Zentralbanken, nachdem sie den Anlegern strafweise eine Inflation auferlegt haben, ihre Glaubwürdigkeit im Hinblick auf die Inflationsbekämpfung sehr schnell wiederherstellen. In einer derartig idealen Welt müssten auch die Anleger sehr viel mehr Vertrauen haben, als es in der Realität der Fall ist.
Das heißt nicht, dass man gegen das Schuldenproblem nichts unternehmen kann. In den USA gab es im 19. Jahrhundert regelmäßig Schuldenkrisen und auch während der Großen Depression. Man reagierte darauf mit einem zielgerichteten und beschleunigten Schuldenerlass – oftmals durch die Einführung zeitweiliger Insolvenzgesetze, die begrenzte Schuldabschreibungen erzwangen.
In diesem Sinne ist auch ein jüngst von Eric Posner und Luigi Zingales vorgebrachter Vorschlag zur Neuverhandlung von Hypothekarschulden zu verstehen. Dieser würde hoch verschuldeten Eigenheimbesitzern das Recht geben, einen vorgefertigten Konkursantrag nach Kapitel 13 einzubringen. Mit diesem Antrag könnte der Hausbesitzer den Wert seiner Hypothek um den in seinem Postbezirk durchschnittlichen Eigenheimpreisrückgang abschreiben und dafür dem Gläubiger einen Anteil an der zukünftigen Wertsteigerung der Immobilie überantworten. Ein Konkursrichter würde diesen Antrag unter der Voraussetzung genehmigen, dass das Gericht sich mit den niedrigeren Rückzahlungen des Hausbesitzers zufrieden gibt.
Diese automatischen, vom Kreditnehmer ausgehenden Anträge könnten, wenn vom Kongress gebilligt, den Schuldenüberhang der Haushalte ohne Zuschüsse von staatlicher Seite senken. Angesichts der Alternative kostspieliger Zwangsvollstreckungsverfahren, bei dem Schuldner und Gläubiger schlechter aussteigen, sollte dieser Vorschlag die Unterstützung beider Seiten bekommen.
Allerdings hat jede Lösung ihre Schwächen. Ein Grund, warum die Banken diese Schuldabschreibungen ablehnen, ist, dass viele hoch verschuldete Eigenheimbesitzer ihre Schulden weiterhin abzahlen, obwohl sie dafür an anderer Stelle sparen müssen. Wenn man erwartet, dass diese fleißigen Rückzahler letztendlich doch Pleite gehen, hat es Sinn, ihre Schulden heute abzuschreiben. Wenn man jedoch davon ausgeht, dass sie sich durchwursteln, würde eine pauschale Schuldabschreibung die Banken schwächen und könnte somit das Wirtschaftswachstum verlangsamen. Politische Entscheidungsträger, die mit Schuldabschreibungen zur Ankurbelung des Wachstums liebäugeln, sollten sich fragen, ob sie über den politischen Rückhalt verfügen, um nötigenfalls die Banken zu rekapitalisieren.
Rezepte dieser Art – ebenso wie jene, die einen Inflationsschock vorsehen – konnten Fuß fassen, weil die offensichtlichen Lösungen für die wirtschaftliche Stagnation bereits durchgeführt wurden und gescheitert sind. Aber angesichts der Tatsache, dass die Vorschläge immer innovativer und exotischer werden, müssen wir diese sorgfältig prüfen, um sicherzustellen, dass sie am Ende die Situation nicht noch verschlimmern.


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