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Ist Wachstum durch Export passé?

CAMBRIDGE – Fünf Jahrzehnte lang wurden Entwicklungsländer, die es schafften, wettbewerbsfähige Exportbranchen aufzubauen, mit erstaunlichen Wachstumsraten belohnt: Taiwan und Südkorea in den 1960ern, südostasiatische Länder wie Malaysia, Thailand und Singapur in den 1970ern, China in den 1980ern und schließlich Indien in den 1990ern.

In allen diesen Fällen und einigen anderen – auch zumeist in Asien – hätten innenpolitische Reformen sicherlich unabhängig vom internationalen Handel Wachstum erzeugt. Doch ist nur schwer vorstellbar, wie das daraus entstehende Wachstum – das eine beispiellose Höhe von jährlich 10 % oder mehr pro Kopf erreichte – so hoch hätte sein können, ohne eine Weltwirtschaft, die die Exporte dieser Länder aufnehmen konnte.

Viele Länder versuchen dieses Wachstumsmodell nachzuahmen, doch sind sie nur selten so erfolgreich, da die Voraussetzungen im Inland nicht erfüllt werden. Wenn man sich ohne vorausschauende Politik, die eine gewisse Kompetenz in einer modernen Fertigungs- oder Dienstleistungsindustrie gewährleistet, auf die Weltmärkte begibt, wird man wahrscheinlich ein verarmter Exporteur von natürlichen Ressourcen und arbeitsintensiven Produkten wie Bekleidung bleiben.

Trotzdem haben sich die Entwicklungsländer darum gerissen, Exportzonen einzurichten und Montagebetriebe multinationaler Unternehmen zu subventionieren. Die Lektion ist eindeutig: Wachstum durch Export ist der richtige Weg.

Doch wie lange? Obwohl es immer riskant ist, im „ökonomischen Kaffeesatz“ zu lesen, gibt es Anzeichen dafür, das wir uns mitten im Übergang zu einem neuen System befinden, in dem die Spielregeln für Strategien, die sich auf Exporte stützen, bei weitem nicht so günstig sein werden.

Die unmittelbarste Bedrohung stellt der Konjunkturrückgang in den Industrieländern dar. Europa und die Vereinigten Staaten treten beide in eine Rezession ein, und die Befürchtungen mehren sich, dass die Finanzkrise, die das Hypothekendebakel begleitete, noch nicht am Ende angelangt ist. Das alles geschieht in einer Phase, in der der Inflationsdruck die üblichen geldpolitischen und finanziellen Gegenmaßnahmen behindert. Die Europäische Zentralbank, die auf die Preisstabilität fixiert ist, hat die Zinssätze angehoben, und die US-Notenbank Federal Reserve könnte ihrem Beispiel bald folgen. Also werden die entwickelten Wirtschaftsnationen eine Zeit lang leiden, was zu offensichtlichen Auswirkungen auf die Nachfrage nach Exporten aus den aufstrebenden Märkten führt.

Dazu kommt der nahezu sichere Rückgang der globalen Leistungsbilanzungleichgewichte. Die aufstrebenden Märkte und Entwicklungsländer erwirtschafteten 2007 einen Überschuss von $ 631 Milliarden, der sich zu ungefähr gleichen Teilen auf Asien und die Öl exportierenden Länder aufteilt. Diese Summe macht 4,2 % ihres kollektiven BIP aus. Die USA allein verzeichneten ein Leistungsbilanzdefizit von $ 739 Milliarden (5 % ihres BIP). Weder ökonomisch noch politisch ist dieses Muster der unausgeglichenen Leistungsbilanzen aufrechtzuerhalten, insbesondere in einer rezessiven Wirtschaftslage.

Die Politik ist offensichtlich. Nichts kann protektionistische Gefühle so wirksam entfachen wie ein großes Handelsdefizit. Nach einer Umfrage von NBC/Wall Street vom Dezember 2007 meinen fast 60 % der Amerikaner, die Globalisierung sei schlecht, da sie US-Firmen und Arbeitnehmer einer unfairen Konkurrenz ausgesetzt habe.

Wenn die Globalisierung in den USA einen miserablen Ruf hat, so ist daran zum großen Teil das Defizit der Zahlungsbilanz schuld. Die US-Handelspolitik war in den letzten Jahren bemerkenswert widerstandsfähig gegenüber protektionistischem Druck. Doch unabhängig davon, wer die amerikanische Präsidentschaftswahl gewinnt, kann sich die Welt darauf gefasst machen, dass Importe aus China und anderen Niedriglohnländern sowie die Auslagerung von Dienstleistungen in Länder wie Indien genauer geprüft werden.

Wenn die USA und andere Industrieländer die Exporte der Entwicklungsländer weniger bereitwillig aufnehmen, ist es unwahrscheinlich, dass die schnell wachsenden aufstrebenden Märkte, auch wenn sie eine Hilfe sein können, die Flaute auffangen und somit das Wachstum durch Exporte ausreichend ankurbeln würden. Einfuhrzölle sind in Entwicklungsländern tendenziell höher, wodurch es schwieriger ist, Zugang zu ihnen zu bekommen. Darüber hinaus machen sich die Entwicklungsländer mit ähnlichen Produkten Konkurrenz: Verbrauchsgütern in verschiedenen Differenzierungsgraden. Daher sieht es für die Politik eines stärkeren Süd-Süd-Handels sogar noch schlechter aus als für die Politik des Nord-Süd-Handels. Antidumping-Maßnahmen gegen Importe aus China, Vietnam und anderen asiatischen Exportnationen sind in den Entwicklungsländern bereits üblich.

Also wird das Exportgeschäft noch härter. Länder wie China, die riesige Überschüsse haben, werden wesentlich stärker auf die Binnennachfrage angewiesen sein, um ihre Wirtschaft anzukurbeln. Das ist nicht nur nachteilig, da China in jedem Fall mehr öffentliche Investitionen im sozialen Bereich gebrauchen kann, z. B. im Gesundheits- und Bildungswesen.

Doch werden sich die Auswirkungen auch außerhalb der Länder mit Überschuss bemerkbar machen. Wenn sich Exporteure aus Brasilien, der Türkei, Südafrika und Mexiko – allesamt Länder mit Defizit – bereits abstrampeln mussten, um mit China auf dem dritten Markt zu konkurrieren, als dieser völlig offen war und rasch expandierte, kann man sich vorstellen, wie es ihnen unter weniger freundlichen Bedingungen ergehen wird.

Es ist nahezu sicher, dass die Auswirkungen auf das Wachstum negativ sein werden, selbst wenn die Binnennachfrage den Rückgang der externen Nachfrage vollkommen kompensiert. Dies hat einen mikroökonomischen Grund und keinen makroökonomischen: Man kann nur eine gewisse Menge an Stahl und Autoteilen im Inland verkaufen, und die Arbeitsproduktivität in den Dienstleistungsbranchen kommt nicht an die von exportorientierten Aktivitäten heran. Also werden die schrumpfenden Exportmärkte die wachstumsfördernden strukturellen Veränderungen im Inland verlangsamen.

Das alles bedeutet keine Katastrophe für die Entwicklungsländer. Der langfristige Erfolg hängt nach wie vor stärker davon ab, was zu Hause passiert, als im Ausland. Aus dem, was im Moment relativ schlechte Nachrichten sind, werden nur dann furchtbare Nachrichten, wenn zugelassen wird, dass die ökonomischen Schwierigkeiten in den Industrieländern – insbesondere den USA – sich in Xenophobie und radikalen Protektionismus verwandeln; wenn große aufstrebende Märkte wie China, Indien und Brasilien nicht erkennen, dass sie zu wichtig geworden sind, um sich als Trittbrettfahrer auf die globale Ordnungspolitik zu verlassen; und wenn in der Folge andere überreagieren, indem sie der Weltwirtschaft den Rücken kehren und sich einer autarken Politik zuwenden. Ohne diese Fehltritte, kann man eine härtere Gangart in der globalen Wirtschaft erwarten, aber keine Katastrophe.

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