CAMBRIDGE, MASS.: Chinas Handelsbilanz dürfte auch in diesem Jahr wieder einen fetten Überschuss ausweisen. Zugleich verstärkt sich die Sorge um die Nachhaltigkeit der Konjunkturerholung in den USA. Beide Entwicklungen legen nahe, dass China erneut unter Druck geraten wird, seine Währung deutlich aufzuwerten. Zuspitzen dürfte sich der Konflikt mit den USA im September während der Kongressanhörungen über den Renminbi, wo viele die Obama-Administration drängen werden, China mit Sanktionen zu drohen, falls es nicht etwas tut.
Die Diskussion über die chinesische Währung konzentriert sich auf die Notwendigkeit, den Handelsüberschuss des Landes zu verringern und die globalen makroökonomischen Ungleichgewichte zu korrigieren. Mit einer weniger konkurrenzstarken Währung, so die Hoffnung vieler Analysten, wird China weniger exportieren und mehr importieren, was einen positiven Beitrag zur Konjunkturerholung in den USA und anderen Volkswirtschaften leisten würde.
Der Renminbi wird bei dieser Diskussion überwiegend als US-chinesisches Problem betrachtet, während die Interessen der armen Länder selbst in den multilateralen Foren weitgehend unbeachtet bleiben. Dabei könnte eine deutliche Wertzunahme des Renminbi erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklungsländer haben. Ob sie freilich von einer Neubewertung des Renminbi profitieren oder darunter leiden würden, ist heiß umstritten.
Auf der einen Seite in diesem Streit steht Arvind Subramanian vom Peterson Institute und dem Center for Global Development. Er argumentiert, die Entwicklungsländer würden stark unter Chinas Politik der Währungsunterbewertung leiden; diese erschwere es ihnen, auf den Weltmärkten mit den chinesischen Waren zu konkurrieren, und habe ihre Industrialisierung gebremst und ihr Wachstum zurückgeworfen.
Gewänne der Renminbi an Wert, würden die Exporte der armen Länder wettbewerbsfähiger werden und ihre Volkswirtschaften wären besser aufgestellt, um von der Globalisierung zu profitieren. Daher, so Subramanian, müssten die armen Länder mit den USA und den anderen hoch entwickelten Volkswirtschaften gemeinsame Sache dabei machen, China zu einer Änderung seiner Währungspolitik zu drängen.
Auf der anderen Seite stehen Helmut Reisen und seine Kollegen vom Development Centre der OECD. Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass die Entwicklungsländer – insbesondere die ärmsten unter ihnen – unter einer deutlichen Aufwertung des Renminbi leiden würden. Ihre Überlegung ist, dass eine Währungsaufwertung das chinesische Wachstum fast mit Sicherheit verlangsamen würde, und alles, was das täte, wäre auch für andere arme Länder schlecht.
Sie stützen sich bei ihrer Argumentation auf empirische Untersuchungen, die nahe legen, dass das Wachstum in den Entwicklungsländern zunehmend von der Wirtschaftsentwicklung in China abhängig ist. Ihren Schätzungen zufolge würde eine Verringerung der jährlichen Wachstumsrate Chinas um ein Prozent die Wachstumsraten in den armen Ländern um 0,3 Prozentpunkte verringern – also fast ein Drittel hiervon.
Um diese einander widersprechenden Sichtweisen besser zu verstehen, müssen wir einen Schritt zurück gehen und die grundlegenden Treiber des Wachstums betrachten. Lässt man die technischen Einzelheiten außen vor, so reduziert sich die Debatte auf eine grundlegende Frage: Was ist das beste, nachhaltigste Wachstumsmodell für Länder mit niedrigem Einkommen?
Historisch gesehen haben sich die armen Regionen der Welt häufig auf das so genannte „Vent-for-Surplus-Modell“ verlassen. Bei diesem Modell geht es darum, Primärprodukte und Rohstoffe, wie Agrarerzeugnisse oder Mineralien, in andere Teile der Welt zu exportieren.
Dies ist die Art und Weise, wie Argentinien im 19. Jahrhundert reich wurde und wie es die Ölstaaten während der letzten 40 Jahre zu Wohlstand brachten. Das schnelle Wachstum, dass viele Entwicklungsländer vor Ausbruch der Krise erlebten, war großteils das Ergebnis dieses Modells. Insbesondere schwarzafrikanische Länder machten aufgrund der wachsenden Auslandsnachfrage nach ihren Rohstoffen – in erste Linie aus China – einen Sprung nach vorn.
Allerdings hat dieses Modell zwei fatale Schwächen. Erstens ist es stark von einem schnellen Anstieg der Auslandsnachfrage abhängig. Bricht diese Nachfrage ein, droht den Entwicklungsländern ein Zusammenbruch der Exportpreise und allzu oft eine lang andauernde Krise im Innern. Zweitens tut das Modell nichts, um die wirtschaftliche Diversifizierung zu fördern. Volkswirtschaften, die dem Modell folgen, spezialisieren sich daher zu stark auf Primärprodukte, die nur ein geringes Produktivitätswachstum versprechen.
Tatsächlich besteht die zentrale Herausforderung wirtschaftlicher Entwicklung nicht in der Außennachfrage, sondern in einem Strukturwandel im Innern. Das Problem der armen Länder ist, dass sie nicht die richtige Sorte Waren produzieren. Sie brauchen eine Umstrukturierung weg von den traditionellen Primärprodukten und hin zu produktiveren Tätigkeiten, vor allem dem produzierenden Gewerbe und modernen Dienstleistungen.
An dieser Stelle ist der reale Wechselkurs von zentraler Bedeutung, denn er bestimmt die Wettbewerbsfähigkeit und Rentabilität moderner handelbarer Aktivitäten. Werden Entwicklungsländern überbewertete Währungen aufgezwungen, leiden das Unternehmertum und die Investitionen in derartige Aktivitäten.
Von dieser Perspektive aus betrachtet unterhöhlt Chinas Währungspolitik nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der Industrien Afrikas und anderer armer Regionen; sie untergräbt zugleich die grundlegenden Wachstumsmotoren dieser Regionen. Was die armen Länder von dem chinesischen Merkantilismus haben, ist bestenfalls ein zeitlich begrenztes Wachstum der falschen Sorte.
Bevor wir China zu große Vorwürfe machen, sollten wir uns freilich daran erinnern, dass es wenig gibt, was die Entwicklungsländer davon abhält, dem chinesischen Modell in seinen wesentlichen Aspekten zu folgen. Auch sie hätten ihre Wechselkurse auf aktivere Weise nutzen können, um Industrialisierung und Wachstum zu fördern. Natürlich können weltweit nicht alle Länder ihre Währungen gleichzeitig unterbewerten. Doch die armen Länder hätten die „Last“ den reichen Ländern aufbürden können, die sie – so legt es die wirtschaftliche Logik nahe – tragen sollten.
Stattdessen haben viele Entwicklungsländer eine Überbewertung ihrer Währungen zugelassen und sich ausschließlich auf die boomende Rohstoffnachfrage oder Finanzzuflüsse verlassen. Und sie haben eine explizite Industriepolitik, die als Ersatz für eine Unterbewertung dienen könnte, kaum systematisch genutzt.
Angesichts dieser Tatsache sollten wir China vielleicht nicht vorwerfen, dass es seine eigenen wirtschaftlichen Interessen verfolgt, selbst wenn es dabei die Kosten der fehlgeleiteten Währungspolitik anderer Länder erhöht.


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