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Erholt sich Amerika schnell genug?

NEWPORT BEACH: Sechs interne Faktoren legen nahe, dass sich die US-Wirtschaft langsam erholt. Einige Beobachter gehen davon aus, dass diese Faktoren ausreichen, um jene kritische Masse zu bilden, die erforderlich ist, um die Volkswirtschaft auf Fluchtgeschwindigkeit zu beschleunigen.

Ich hatte gehofft, dass sich ihre Erwartung als richtig erweisen möge, doch der jüngste Strom schwacher wirtschaftlicher Daten, darunter die zaghafte Nettoneuschaffung von nur 69.000 Arbeitsplätzen, hat meine Zweifel bestätigt. Da dieses und weitere Elemente des jüngsten entmutigenden Beschäftigungsberichts nun plötzlich weit verbreitete Befürchtungen über den grundlegenden Gesundheitszustand und die Nachhaltigkeit der amerikanischen Konjunkturerholung ausgelöst haben, ist es wichtig, die positiven Faktoren kennen zu lernen und zu begreifen, warum sie noch nicht stark genug sind.

Zunächst einmal sind die großen US-Multis so gesund, wie ich es überhaupt jemals erlebt habe. Ihre Barbestände sind extrem hoch, die Zinszahlungen auf Kredite sind niedrig, und sie haben ihre wichtigsten Verbindlichkeiten bereinigt. Viele von ihnen zapfen erfolgreich die lebhafte Nachfrage in den Schwellenvolkswirtschaften an und generieren einen erheblichen freien Cashflow.

Die Barbestände der Unternehmen sind nicht die einzige Quelle einer erheblichen Kaufkraft, die nur auf ihren Einsatz wartet. Die reichen Haushalte verfügen ebenfalls über beträchtliche Ressourcen, die zur Unterstützung von Konsum und Investitionen genutzt werden könnten.

Der dritte und der vierte positive Faktor haben mit dem Eigenheim- und dem Arbeitsmarkt zu tun. Diese beiden seit langem schwächelnden Bereiche haben bisher eine deutliche Bremswirkung auf die Art von zyklischer Dynamik ausgeübt, die die USA traditionell aus ihren periodischen Konjunkturabschwüngen herauskatapultiert hat. Doch unterstützen jüngste Daten die Sicht, dass es auf dem Eigenheimsektor langsam zu einer Bodenbildung kommen könnte, wenn auch zu einer sich hinziehenden. Zugleich verläuft die Beschäftigungsentwicklung zwar blutleer, aber nichtsdestotrotz seit September 2010 ausschließlich positiv.

Dann ist da der Verwaltungsrat der US Federal Reserve. Trotz legitimer Fragen über die Effektivität seiner unkonventionellen und äußerst experimentierfreudigen Geldpolitik scheint die Fed bereit, bei einer Konjunkturabschwächung eine noch aktivere Geldpolitik zu verfolgen. Falls die Fed dabei einen unbeabsichtigten Fehler machen sollte (und die Wahrscheinlichkeit hierfür ist angesichts der komplexen Lage des Landes und der „ungewöhnlich unsicheren“ Aussichten erheblich), so dürfte sie im Zweifelsfall eher zu lange zu expansiv agieren, als die geldpolitischen Zügel zu früh anzuziehen.

Und schließlich sind einige Beobachter der Ansicht, dass nun, da die Wahlen im November in Sicht und damit auch bald aus dem Weg sind, die Politiker in Washington endlich in einer besseren Position sein könnten, um sich auf die dringend erforderlichen großen politischen Kompromisse zu einigen. Neben der Beseitigung des schädlichen Schreckgespensts der „fiskalischen Klippe“ – eines potenziell zerstörerischen wirtschaftlichen Hindernisses in Gestalt übertrieben schonungsloser Ausgabekürzungen und allgemeiner Steuererhöhungen, das etwa 4% vom BIP entspricht –, würde eine stärkere politische Effektivität zur Beseitigung anderer Unsicherheiten beitragen, die bestimmte Wirtschaftsaktivitäten hemmen.

Jeder dieser sechs Faktoren legt eine tatsächliche und potenzielle wirtschaftliche Erholung nahe. Es überrascht also nicht, dass sie in einigen Kreisen Vorfreude provoziert haben, dass die USA möglicherweise endlich das deprimierende Trio aus ungewöhnlich geringem Wachstum, anhaltend hoher Arbeitslosigkeit und starker und weiter wachsender Ungleichheit hinter sich lassen könnten.

Das Problem ist, dass diese Faktoren weder jeweils für sich noch gemeinsam eine fundamentale Änderung der Lage herbeiführen dürften. Dies hat vier Gründe:

·         Der wirtschaftliche und finanzielle Gegenwind von außerhalb der USA ist stark und böig, und zwar hauptsächlich aufgrund der sich stetig verschlimmernden Krise in Europa, die nun in eine noch zerstörerische und unberechenbarere Phase eintritt, da die Einleger in einigen Ländern immer mehr Geld von den örtlichen Banken abziehen. Er spiegelt jedoch auch eine beginnende Wachstumsverlangsamung in den wichtigen Schwellenländern, darunter Brasilien, China, Indien und Russland, wider.

·         Zu viele Sektoren der US-Volkswirtschaft haben den Prozess der Reparatur ihrer Bilanzen noch nicht abgeschlossen. Dies gilt insbesondere für das Bankensystem, das sich bisher nicht zur Zufriedenheit von Regulierungsbehörden und Märkten entschuldet hat, was ein mögliches Kreditwachstum begrenzt. Es gilt zudem für die privaten Haushalte. Tatsächlich ist die Sparquote der Haushalte auf durchschnittlich unter 4% gefallen; zu viele Familien sind dabei, ihre Notgroschen aufzuzehren, wenn sie es nicht bereits getan haben.

·         Die ungewöhnlich aktive Geldpolitik der letzten Jahre birgt die Gefahr von Kollateralschäden und unbeabsichtigten Konsequenzen. Auch wenn bisher keines der verschiedenen Probleme überwältigende Dimensionen angenommen hat, könnten sie zusammen eine Schwächung der Wirtschaftsaktivität und der ordnungsgemäßen Funktionsweise der Märkte bewirken. Man denke an die Prophezeiung der Fed, dass diese „Kosten und Risiken“ (so die Formulierung von Notenbankchef Ben Bernanke) durch die Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Lage mehr als ausgeglichen werden würden. Doch dieser allgemeine Nutzen hat sich bisher nicht verwirklicht.

·         Vielleicht am bedeutsamsten ist, dass die wiederholten Verzögerungen bei der Beseitigung anhaltender Wachstums- und Beschäftigungshemmnisse dazu geführt haben, dass einige davon sich in hartnäckiger Weise strukturell in der US-Wirtschaft verfestigt haben – und so deren Dynamik verringern und ihre Reaktionsfähigkeit verringern. Angesichts der Tatsache etwa, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen inzwischen bei 5,4 Millionen liegt und die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit zweieinhalbmal so hoch ist wie die historische Norm, finden die Arbeitnehmer weniger schnell wieder eine produktive Beschäftigung mit annähernd gleicher Vergütung wie ihre vorherige Tätigkeit. In ähnlicher Weise wächst durch die alarmierend hohe Jugendarbeitslosigkeit das Risiko, dass relative Neueinsteiger in den Arbeitsmarkt irgendwann nicht mehr beschäftigungsfähig sind.

Die Schlussfolgerung ist unschön, aber man muss sich ihr stellen: Während sich die US-Wirtschaft allmählich erholt, muss noch eine Menge mehr passieren – und zwar dringend –, um ihre traditionelle Schlagkraft und Energie wiederherzustellen. Vor allem verlangt eine robuste Konjunkturerholung ein Maß an Ernsthaftigkeit und konstruktiver Zusammenarbeit in Washington, das derzeit schwer vorstellbar ist.

Solange es nicht zu einer derartigen Zusammenarbeit kommt, wird die Hoffnung auf ein Erreichen der wirtschaftlichen Fluchtgeschwindigkeit genau das bleiben: eine Hoffnung. Und statt Fortschritte zu machen, wird die US-Wirtschaft leider und ärgerlicherweise in ihrer ungewöhnlichen Stagnation verharren, während ihre Anfälligkeit gegenüber dem Gegenwind, der ihr aus der übrigen Welt entgegenschlägt, nur weiter zunehmen wird.

Aus dem Englischen von Jan Doolan