Exit from comment view mode. Click to hide this space
Email | Print

Ist akademische Freiheit ihren Preis wert?

WARWICK, GB – Kann man sich in Zeiten einer Wirtschaftskrise akademische Freiheit leisten? So lautete das Thema, das bei der jährlich stattfindenden Unterzeichnung der Magna Charta Universitatum an der Mutter der Universitäten, der Universität von Bologna, Anfang des Jahres zur Diskussion stand.

Die Magna Charta ist die weltweit sichtbarste Grundsatzerklärung über die Förderung und den Schutz der Autonomie der Universitäten. In den vergangenen zwanzig Jahren ist sie von beinahe 700 Hochschulen auf allen Kontinenten unterzeichnet worden. Dennoch bleibt das quälende Gefühl zurück, dass Universitäten in einer Zeit, in der einfache Leute darum kämpfen über die Runden zu kommen, Luxus sind.

Grund zur Besorgnis hat es schon immer gegeben. In der Vergangenheit sind Universitäten in Zeiten des Überflusses gegründet worden, normalerweise, um Menschen zu ermutigen über ihr unmittelbares Überleben hinaus über erbaulichere geistige oder nationale Ziele nachzudenken. Vor fast 50 Jahren hat ein statistisch interessierter Wissenschaftshistoriker, Derek de Solla Price, beobachtet, dass der beste Indikator für die Produktion der akademischen Forschung der Pro-Kopf-Energieverbrauch einer Nation ist: beide wachsen zusammen.

Das ist kaum verwunderlich. Von einem streng ökonomischen Standpunkt aus ist relative Immunität gegenüber Kosten Voraussetzung für akademische Freiheit, ob diese aus Versuch-und-Irrtum-Experimenten erwächst oder radikaleren Infragestellungen des Status Quo. Sollten Universitäten ihre Forderungen jetzt verringern, um den Bedürfnissen der Gesellschaft insgesamt gerecht zu werden, nicht zuletzt im Hinblick auf ihre CO2-Bilanz?

Wenn Universitäten in dem Sinne Universitäten bleiben sollen, der ursprünglich von den Rechtsgelehrten Bolognas festgelegt wurde, lautet die antwortet Nein. Zudem ist dies kein Affront gegenüber den Wirtschaftswissenschaften. In der Wissenschaft erfolgen Einsparungen durch Effizienz im Anschluss an die Aktivitäten der Universitäten selbst. Tatsächlich sind Universitäten möglicherweise die konsequent leistungsstärksten Produkte der langfristigen Kapitalanlage, insbesondere, wenn man dazu neigt, soziale und wirtschaftliche „Investition“ auf dieselbe Art und Weise zu betrachten.

Schließlich besteht der einzigartige institutionelle Auftrag der Universität darin, Wissen als öffentliches Gut zu produzieren. Das neue Wissen, das durch originäre Forschung produziert wird, ist ein Beispiel für die Bildung von Sozialkapital. Es resultiert aus der Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Geldgebern an Projekten, die darauf abzielen, den Wettbewerbsvorteil beider Parteien auf ihrem jeweiligen Gebiet zu erhöhen.

An diesem Punkt ist Wissen einfach geistiges Eigentum, zu dem nur zahlende Kunden Zugang haben. Universitäten haben jedoch auch einen institutionellen Auftrag zu lehren. Deshalb muss das Wissen breiter zugänglich gemacht werden, was dazu führt, dass das Monopol aufgebrochen wird, das Wissenschaftler und ihre Geldgeber sonst genießen würden. Die Definition Joseph Schumpeters von Unternehmertum als „schöpferische Zerstörung“ ist eine treffende Beschreibung für diesen Prozess.

Sobald der mit einer Forschungsarbeit verbundene originäre Wettbewerbsvorteil durch die Lehre schwindet oder sogar entfällt, sind Wissenschaftler und ihre Geldgeber gezwungen neue Quellen für Vorteile zu erschließen, indem sie neues Wissen produzieren. Im Rahmen dieses Prozesses profitiert die breitere Öffentlichkeit – diejenigen, die nicht an der originären Produktion neuen Wissens beteiligt sind – durch Unterricht. So gesehen befindet sich das Herz der Universität in ihrem Lehr- und Studienausschuss, dem Mechanismus, der Forschung regelmäßig in die Lehre überträgt und so neue Zyklen der schöpferischen Zerstörung erzeugt.

Effizienzorientierte Wissensmanager sagen heutzutage, der grundsätzliche Gedanke der Universität als einen Ort, an dem dieselben Menschen Wissen produzieren und verbreiten, würde uns ins Mittelalter zurückwerfen. Folglich solle die Lehre heute effizienter online erfolgen und Forschung am besten durch spezielle „Wissenschaftsparks“.

Der Sinn für „Effizienz“, der die christlichen Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner bewogen hat, die Lehrstühle der damals entstandenen Universitäten zu besetzen, war zwar ein durchaus anderer, an Relevanz hat er jedoch auch heute nicht verloren. Die Dominikaner und Franziskaner haben buchstäblich vom Betteln gelebt – das heißt in Abhängigkeit von unterschiedlichen Einnahmequellen. Ob und in welcher Form sich daraus für einzelne Investoren ein Gewinn ergeben würde, ist dabei stets unklar geblieben. Die Autonomie dieser Orden beruhte auf der bewährten langfristigen Fähigkeit mit dem, was sie bekommen hatten, mehr zu machen als man erwartete.

Das lateinische Wort für diese Fähigkeit war povertas, zu Deutsch Armut. Das Wort hat seine ursprünglich mit Tugendhaftigkeit assoziierte Bedeutung zwar eingebüßt, aber wir bringen immer noch Begeisterung für die Kunstfertigkeit auf „mit weniger mehr zu machen“. Im Fall der Universität bedeutet das, Studenten Zugang zu Wissen zu gewähren, denen es an den intellektuellen, politischen oder finanziellen Mitteln mangelt, die es ihnen vielleicht ermöglicht hätten dieses selbst zu produzieren. Universitäten erfüllen ihre natürliche ökonomische Funktion, wenn Wissenschaftler leicht verständlich reden und schreiben, akademischen Jargon entmystifizieren, ihre Ideen in alternativen Medien präsentieren und Anwendungsmöglichkeiten in Wissensgebieten hervorheben, die nicht die Akademiker selbst anbelangen.

Auf diese Weise ermöglichen es Wissenschaftler dem Wissen, ein Maximum an Arbeit zu minimalen Kosten für seine Empfänger zu leisten. Kurz gesagt stellen Universitäten ihren Wert unter Beweis, wenn Studenten es einfacher finden sich akademisches Wissen anzueignen, als die Wissenschaftler ursprünglich selbst.

Reprinting material from this Web site without written consent from Project Syndicate is a violation of international copyright law. To secure permission, please contact us.

Exit from comment view mode. Click to hide this space

Comments (0)

You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.

Show comments of
close

The two commenting options explained

Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.

1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.

2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.

Top Project Syndicate commentaries

Email this article

Your name is required.

Your email is required.


Your friend's name is required.

Your friend's email is required.


A message is required.