Die Welt wird von Ängsten heimgesucht, dass der Irak in einen Bürgerkrieg zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden abgleitet. Doch es ist in diesem drohenden Krieg aller gegen alle die kleine Gruppe der assyrischen Christen, der die Ausrottung droht.
Die christlichen Gemeinschaften des Irak gehören zu den ältesten der Welt und praktizieren ihren Glauben im Zweistromland fast seit den Tagen Christi selbst. Die assyrische Apostolische Kirche etwa führt ihre Gründung auf das Jahr 34 n. Chr. und den Hl. Petrus zurück. Die assyrische Kirche des Ostens datiert aus dem Jahre 33 n. Chr. und wurde vom Hl. Thomas gegründet. Das Aramäische, das viele der irakischen Christen noch heute sprechen, ist die Sprache dieser Apostel – und die von Christus selbst.
Solange sie von ihren muslimischen Herrschern toleriert wurden, leisteten die assyrischen Christen einen wichtigen Beitrag zu den Gesellschaften, in denen sie lebten. Ihre Gelehrten halfen, das „goldene Zeitalter“ der arabischen Welt einzuläuten, indem sie bedeutende Werke aus dem Griechischen und Syrischen ins Arabische übersetzten. In jüngster Zeit allerdings war von Toleranz wenig zu spüren. Während des Völkermordes an den Armeniern (1914-1918) wurden 750.000 Assyrer – etwa zwei Drittel der damaligen Zahl – von den ottomanischen Türken massakriert, unter Mithilfe der Kurden.
Unter der irakischen Haschemitenmonarchie sahen sich die Assyrer der Verfolgung ausgesetzt, weil sie während des Ersten Weltkrieges mit den Briten kooperiert hatten. Viele von ihnen, darunter der Kirchenpatriarch, flohen in den Westen. Während der Kriege Saddams mit den Kurden wurden hunderte assyrischer Dörfer zerstört, ihre Bewohner obdachlos gemacht und Dutzende uralter Kirchen bombardiert. Der Unterricht des Syrischen wurde verboten, und die Assyrer wurden gezwungen, ihren Kindern arabische Namen zu geben, um ihre christliche Identität zu untergraben. Wer beim Staat arbeiten wollte, musste seine arabische Volkszugehörigkeit erklären.
Die irakische Volkszählung des Jahres 1987 gab eine Zahl von 1,4 Millionen Christen an. Heute gibt es im Land nur noch etwa 600.000 bis 800.000, die meisten davon in der Ebene von Ninive. Mindestens 60,000 – und vielleicht sogar mehr – sind seit Beginn des Aufstands, der auf die von den USA geführte Invasion des Jahres 2003 folgte, geflohen. Ihr Exodus beschleunigte sich im August 2004, nach Beginn der terroristischen Bombenattentate gegen christliche Kirchen durch Islamisten, die die Assyrer aufgrund ihres Glaubens der Kollaboration mit den Alliierten bezichtigen.
Ein kürzlich veröffentlichter UN-Bericht erklärt, dass religiöse Minderheiten im Irak „zu regelmäßigen Opfern von Diskriminierung, Belästigungen und zeitweise Verfolgungen geworden seien, mit Vorfällen, die von Einschüchterung bis hin zum Mord reichen“, und dass „insbesondere Mitglieder der christlichen Minderheit ein Ziel zu sein scheinen“.
Tatsächlich gibt es weit verbreitete Berichte über Christen, die aus dem Land flohen, weil ihre Frauen, die sich nicht an die strenge islamische Kleiderordnung halten, bedroht wurden. Es heißt, dass Säureattentate auf die Gesichter christlicher Frauen verübt wurden. Einige wurden getötet, weil sie Jeans oder keinen Schleier trugen.
Besonders ausgeprägt ist diese Art von Gewalt in der Gegend um Mossul. Hochrangige Kleriker sprechen davon, dass Priester im Irak aus Angst vor islamistischen Angriffen ihre Priestertracht nicht mehr in der Öffentlichkeit tragen können. Im vergangenen Januar wurden koordinierte Autobombenangriffe gegen sechs Kirchen in Baghdad und Kirkuk verübt; bei anderer Gelegenheit wurden gleichzeitig auf sechs Kirchen in Baghdad und Mossul Bombenangriffe verübt. Während der vergangenen beiden Jahre wurden Berichten zufolge 27 assyrische Kirchen angegriffen – aus keinem anderen Grund, als dass es sich bei ihnen um christliche Gotteshäuser handelte.
Die Angriffe sind nicht auf körperliche Manifestationen des Glaubens beschränkt. Im Besitz von Christen stehende Kleinunternehmen – besonders solche, die Alkohol verkaufen – wurden angegriffen und viele Ladenbesitzer ermordet. Der Direktor des irakischen Museums Donny George, ein angesehener Assyrer, hat erklärt, dass er aus Angst um sein Leben aus dem Irak nach Syrien fliehen musste und dass islamische Fundamentalisten seine Arbeit überall dort, wo nicht islamische Artefakte im Mittelpunkt standen, behindert hätten.
Assyrische Führer klagen auch über gezielte Diskriminierung bei den Wahlen im Januar 2005. In einigen Fällen, so behaupten sie, kamen die Wahlurnen nicht in den assyrischen Dörfern und Städten an, für die Durchführung der Wahl zuständige Amtspersonen erschienen nicht oder die Wahlurnen wurden gestohlen. Daneben verweisen sie auf die einschüchternde Präsenz von kurdischer Miliz und Geheimpolizei in der Nähe von Wahllokalen. Allerdings gibt es in jüngster Zeit Anzeichen, dass die irakisch-kurdischen Behörden nun mehr zum Schutz ihrer christlichen Gemeinschaften tun.
Unglücklicherweise ist die Not der irakischen Christen im Mittleren Osten kein Einzelfall. Im Iran hat sich die Bevölkerungszahl seit der Revolution von 1979 nahezu verdoppelt; die Zahl der Christen im Lande jedoch ist unter einem ihnen feindselig gesinnten Regime von rund 300.000 auf 100.000 gesunken. Im Jahre 1948 betrug der Bevölkerungsanteil der Christen im damaligen Palästina rund 20%; inzwischen hat sich ihre Zahl in etwa halbiert. In Ägypten ist der Anteil koptischer Christen unter den Auswanderern überproportional hoch; viele konvertieren unter Druck zum Islam, und während der letzten paar Jahre haben Gewalttaten gegen die christliche Gemeinschaft viele Menschen das Leben gekostet.
Die Verfolgung der uralten, einzigartigen christlichen Gemeinschaften im Irak und um Mittleren Osten insgesamt ist zutiefst verstörend. Im vergangenen April hat das Europäische Parlament in einer nahezu einstimmigen Erklärung gefordert, dass es den Assyrern (auf der Grundlage von Abschnitt 5 der irakischen Verfassung) gestattet werden solle, ein Bundesgebiet zu gründen, in welchem sie ohne Einmischung von außen ihre eigene Lebensweise praktizieren können. Es ist höchste Zeit, dass der Westen der Problematik mehr Beachtung schenkt und energische Maßnahmen ergreift, um zu gewährleisten, dass die bedrohten Christen des Irak eine Zukunft haben.


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