SHANGHAI – Man kann die makroökonomische Lage innerhalb eines Landes mit einem Fließgewässer vergleichen. Wie stark und schnell ist die Strömung? Wo beginnt sie und wohin geht sie?
Die „Hauptströmung“ der chinesischen Volkswirtschaft besteht aus dem enormen Zustrom von ausländischen Investitionen. Chinas Wirtschaft neigt zu einem starken Wachstum, verbunden mit einer regen Investitionsnachfrage, von der ein starker kurzfristiger Inflationsdruck ausgeht. In sofern setzt China zur Förderung der makroökonomischen Stabilität seit Beginn seiner Markreformen auf Kreditkontrolle und eine genaue Überwachung der Geldmenge.
Im Jahre 2003 jedoch, nach fünf Jahren der Deflation, trat Chinas Volkswirtschaft in eine neue Phase ein. Die Überkapazitäten verschwanden, Konsumbeschränkungen wurden aufgehoben, und es kam zu einem drastischen Anstieg der Nachfrage der privaten Haushalte.
Seit dieser Zeit erlebt die Schwerindustrie – Stahl, Automobilbau, Maschinenbau, Baumaterialien, Energie und Rohstoffe – einen nie da gewesenen, die Nachfrage nach Gebäuden, Wohnungen, Transport, Infrastruktur und der Erneuerung von Betriebsanlagen in den Städten widerspiegelnden Investitionsboom. Es überrascht daher nicht, dass die Wirtschaft begonnen hat, sich zu überhitzen.
Produktivität und Rentabilität im produzierenden Gewerbe und in der Schwerindustrie nahmen zu und trieben so Chinas Sparquote drastisch in die Höhe. Tatsächlich ist die enorme Zunahme des chinesischen Handelsüberschusses nicht, wie viele glauben, eine Folge des Wechselkurses des Renminbi, sondern der Zunahme der nationalen Ersparnisse.
Trotzdem konzentrierte sich die gesamtwirtschaftliche Strategie 2005 bis Anfang 2007 auf die Begrenzung des Handelsüberschusses. Am wichtigsten dabei war, dass man eine Aufwertung des Renminbi zuließ und die Rückvergütung bei der Exportsteuer praktisch gestrichen wurde.
Anfang 2007 betrachtete die Regierung die damals noch kaum zu bemerkende Inflation nicht als größeres Problem. Doch als der Preisanstieg in der zweiten Jahreshälfte zunahm, bekamen es die Behörden mit der Angst. Die chinesische Notenbank (PBOC) führte den Anstieg zunächst auf einen Liquiditätsüberschuss zurück. Sie leitete daher geldpolitische Maßnahmen ein und erhöhte die Zinsen seit Ende 2007 fünfmal. Infolgedessen liegt der Zinssatz für Festgelder mit einer Laufzeit von 12 Monaten inzwischen bei 3.9%. Darüber hinaus hat die PBOC zur Bekämpfung der Inflation zusätzlich sechs Zentralbanknoten ausgegeben.
Trotzdem stieg die Geldmenge M2 bis Ende Oktober um 18,4% – und damit um 1,3% stärker als im Vorjahr. Auch der Zielwert von 16% wurde überschritten. Anfang 2008 war klar, dass sich die Beherrschung der Inflation und die Abkühlung der überhitzenden Wirtschaft zum wichtigsten wirtschaftspolitischen Ziel der Regierung entwickelt hatten.
Tatsächlich vertritt der wichtigste wirtschaftspolitische Ausschuss der Regierung, das Zentrale Arbeitskomitee, die Ansicht, dass China nach Jahren „hohen Wachstums und niedriger Inflation“ nun auf dem Weg zu „hohem Wachstum bei gleichzeitiger hoher Inflation“ sei. Dies bedeutet unweigerlich, dass Finanz- und Geldstabilität an Priorität gewinnen, während die Beherrschung des Handelsüberschusses an Bedeutung verloren hat.
Das Problem ist, dass die Hauptursache der Inflation bisher die rasch ansteigenden Produktionskosten waren, und dass nichts auf eine Verringerung der Preise für Energie und Rohmaterialien hindeutet. Darüber hinaus werden das neue Arbeitsrecht und die neue Einkommenspolitik die Lohnkosten weiter erhöhen. Und aufgrund des Anstiegs der Verbraucherpreise werden die Nominalzinsen weiter steigen. Infolgedessen könnte sich die Inflation bei weiter robuster Investitionsnachfrage verstärken.
Angesichts der steigenden Inflation wird die Produktionsleistung zwangsläufig leiden. Um die Investitionsnachfrage zu zügeln, sind 2008 eine straffere Kreditrationierung und Geldpolitik unvermeidlich, während Investitionsprojekte und Landnutzung einer strengeren Kontrolle unterliegen werden. Ebenso wird der zunehmende Druck, der von den steigenden Arbeitskosten ausgeht, die Unternehmen zwingen, ihre Gewinnerwartungen zu reduzieren und ihre Kosten zu senken, was Produktionswachstum und Beschäftigungslage kurzfristig negativ beeinflussen wird.
Es wird schwierig, den Inflationsdruck in diesem Jahr abzumildern: Die internationalen Rohstoffpreise werden weiter steigen, der Anstieg bei den inländischen Lohnkosten und den Preisen nicht handelbarer Waren lässt sich nicht ohne weiteres eindämmen, die internationale Wirtschaftslage wird zu weiteren Kapitalzuflüssen ermutigen, und die Inflation bei den Vermögenswerten wird anhalten. All diese Faktoren werden die Inflation über das Niveau von 2007 drücken.
Da sich die Exportleistung angesichts der Konjunkturabkühlung in den Vereinigten Staaten ebenfalls verringern wird, könnten sich Beschäftigungslage und Wachstum weiter abschwächen – was einen wachsenden Druck auf die chinesische Regierung bedeutet und damit auch auf das Haushaltsdefizit, was eine weitere Quelle für Inflationsdruck erzeugt. Und sobald sich ein inflationärer Trend abzeichnet und sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt, ist es mit dem stetigen Verlauf von Chinas Jahrzehnte langem Boom vorbei.


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