Tuesday, September 30, 2014
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Das zweite goldene Zeitalter der Industrialisierung

WASHINGTON, DC – “Das goldene Zeitalter der Finanzwelt”, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Barry Eichengreen, “ist nun zu Ende”. Wenn dies wahr ist – und hoffentlich ist es wahr – wird nun wahrscheinlich ein neues goldenes Zeitalter der Industrialisierung folgen.

Mit Ausnahme einiger Ölexportländer ist in der Geschichte noch kein Land ohne Industrialisierung reich geworden. Alle Blicke sollten deshalb jetzt auf die realen Bereiche unserer Volkswirtschaften gerichtet sein. Mit der globalen Finanzkrise in Europa konfrontiert, sehen sich Politiker weltweit einer ungemütlichen Realität gegenüber: Wenn die Industrieländer nicht damit aufhören, sich im Übermaß auf Finanzgeschäfte zu verlassen, und sich nicht statt dessen von Grund auf neu aufbauen, verlieren sie ihren bisherigen Lebensstandard.

Die Weltgemeinschaft muss über die Eurozone und Staatsschuldenkrisen hinaus blicken und die Gelegenheit zur strukturellen Transformation in den realen Sektoren der sich entwickelnden Welt wahrnehmen. Unter struktureller Transformation verstehe ich den Prozess, durch den die Länder auf der industriellen Leiter aufsteigen: Im Zuge des Produktionsfortschritts bewegen sich die Arbeitskräfte hin zu Produktionssektoren mit höherer Wertschöpfung.

Im gesamten Jahr 2011 fiel mir das Potenzial weniger entwickelter Länder – darunter solche im Afrika südlich der Sahara – auf, erfolgreiche, stärker industrialisierte Länder wie Japan, Südkorea, Singapur, Malaysia, China oder Vietnam nachzuahmen. Tatsächlich können wir, indem wir unsere Entwicklungsanstrengungen auf die vergleichsweisen Vorteile ärmerer Länder richten, Vertrauen in den Unternehmenssektor wiederherstellen und Investitionen in die Schaffung von Arbeitsplätzen fördern – nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in fortgeschrittenen Volkswirtschaften. Zusätzlich zu monetären und fiskalen Maßnahmen sind zur Lösung der globalen Finanzkrise, die ihre Wurzeln in den Strukturproblemen der Industrieländer hat, Investitions- und Innovationsmaßnahmen erforderlich.

In fortgeschrittenen Ländern sind die Kosten für Forschung und Entwicklung ziemlich hoch, da die dortigen Technologien und Industrien bereits führend sind. Die Entwicklungsländer hingegen, einschließlich derer in Afrika südlich der Sahara, können ihre industriellen Sektoren schnell expandieren, da sie ohne viel Risiko oder Kosten Technologie von den Industrieländern bekommen können. Also hat die Rückständigkeit der Entwicklungsländer in Bezug auf Technologie und Industrie zur Folge, dass sie, bevor sich ihre Einkommenslücke schließt, über Jahrzehnte jährlich um ein Vielfaches stärker wachsen können als die Länder mit hohem Einkommen.

Dieses Jahr im Mai hielt ich in Maputo, Mosambik, den jährlichen “WIDER”-Vortrag der Universität der Vereinten Nationen über Entwicklung. Ich erklärte, dass die Gewinnstrategie für Entwicklungsländer darin liegt, dieselben handelbaren Industrien aufzubauen, die sich seit Jahrzehnten in reicheren Ländern mit ähnlichen Strukturen wie sie im Wachstum befinden.

Eine hilfreiche Metapher zur Beschreibung dieser Idee ist das Muster fliegender Gänse. Vom 18. Jahrhundert an folgten die weniger entwickelten westeuropäischen und ostasiatischen Länder ihren erfolgreicheren Nachbarn: Wie in einem Schwarm fliegender Gänse profitierten sie in der ersten Zeit ihrer Industrialisierung von dem Windschatten des Anführers und wurden dann selbst zu Industrienationen.

Große, dynamische Schwellenländer wie Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, die sich schnell entwickelt haben, bieten anderen Entwicklungsländern unschätzbare Gelegenheiten, deren Erfolg nachzuahmen – und damit ihre eigene Industrialisierung in Gang zu bringen. China – einst eine “Folgegans” – befindet sich an der Schwelle zu einer Führungsposition und zu der Möglichkeit, im kommenden Jahrzehnt 85 Millionen niedrig qualifizierte Produktionsarbeitskräfte auszulagern.

Verglichen mit den 9,7 Millionen Arbeitsplätzen, die Japan in den 1960ern im modernen Sektor geschaffen hat, und den 2,3 Millionen modernen Arbeitsplätzen in Südkoreas in den 1980ern, ist das Ausmaß dieses Übergangs riesig. Tatsächlich ist er bereits im Gange: Die Direktinvestitionen Chinas im Ausland haben 2010 einen Wert von 68 Milliarden USD erreicht und damit diejenigen von Japan und Großbritannien übertroffen. Indien, Brasilien, Russland und Südkorea liegen nicht weit dahinter. Darüber hinaus sind die ausländischen Direktinvestitionen Indiens mit 42% des Gesamtwerts von 1999-2008 stark auf den Produktionssektor konzentriert.

Damit Entwicklungsländer von der industriellen Verbesserung in China und anderer großer Schwellenländer voll profitieren können, müssen ihre Regierungen handelbare Güter ausfindig machen, die einen möglichen Wettbewerbsvorteil bieten könnten. Auch müssen sie Privatunternehmen dabei helfen, im Zuge ihres industriellen Fortschritts ihre Informations-, Koordinations- und Externalisierungsprobleme zu lösen.

Die schnelle Industrialisierung der Entwicklungsländer erfordert große Kapitalimporte aus Industrieländern. Angesichts dessen, dass die Entwicklungsländer in den letzten fünf Jahren für zwei Drittel des globalen Wirtschafts- und Importwachstums verantwortlich waren, kann die Entwicklung ihrer industriellen Sektoren Industrieländern zu mehr Nachfrage verhelfen und so die Welt aus ihrer wirtschaftlichen Malaise ziehen.

Kurz gesagt, hilft das bevorstehende goldene Zeitalter der Industrialisierung in Entwicklungsländern dabei, in den Industrieländern Arbeitskräfte zu schaffen und die Erholung in Gang zu setzen. Die Vorteile dieses neuen Zeitalters liegen in zwei Bereichen: Es trägt zur Erfüllung der Millenium-Entwicklungsziele der UN bei, die in der Halbierung der Armut bis 2015 bestehen, und hilft zusätzlich dabei, die globale wirtschaftliche Erholung zu fördern. Dann kann es ein goldenes Zeitalter für alle geben.

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  1. CommentedLeo Arouet

    Es verdad... la industria es la que promueve el crecimiento económico y mejora el bienestar de la gente debido a la demanda de empleo y trabajo. Por lo tanto, su existencia es vital para cualquier economía. Los ejemplos son claros: China, Singapur, Japón, Corea del Sur.

  2. CommentedDerrick Wilkinson

    True. All true. Bu what about the environmental consequences?

      CommentedJ St. Clair

      gross....what is going to be done in sub saharan africa is strip away their ethnicity and be replaced by as said...mirror image of other countries which means...herd people into govt.,corps,institutions.aka chains/franchises/malls..changing their fashion/food/etc....ridiculous...will the educated ever learn...all that the 1% aka influencials fighting for more market share....

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