Saturday, October 25, 2014
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Indische Olympia-Athleten unter ferner liefen

NEW DELHI – Die Olympischen Spiele in Peking stehen vor der Tür und vielerorts fragt man sich, ob die USA angesichts dieser groß inszenierten „Coming-out-Party“ Chinas auch den ersten Platz in der Medaillenrangliste einbüßen werden. Man geht weithin davon aus, dass Chinas motivierte Athleten Dutzende Gold- und Silbermedaillen einheimsen werden. Und ob man nun die USA im Medaillenspiegel überholt oder nicht, eines steht jedenfalls fest: Chinas Nachbar und geopolitischer Konkurrent Indien kann schon von Glück reden, wenn er überhaupt eine Medaille gewinnt.

Natürlich bietet die Welt des internationalen Sports eine Bühne, um nationalen Chauvinismus mit anderen Mitteln auszuleben. Bis zu einem gewissen Grad geben wir alle vor, die Olympischen Spiele zu verfolgen, weil wir die menschlichen Fähigkeiten im Sport bewundern. Aber niemand kann sich der Anziehungskraft all der Flaggen entziehen, unter denen die Athleten in den Wettbewerb ziehen, der Hymnen, die für die Sieger gespielt werden und schließlich dieses allgegenwärtigen, in regelmäßigen Abständen aktualisierten Medaillenspiegels, dieser einzig wahren Ehrentafel der Spiele, wo alle Gold-, Silber- und Bronzemedaillen aufgelistet sind, die die jeweiligen Länder errungen haben.

Alle Inder, die die Olympischen Spiele verfolgen, erschaudern bei der Durchsicht der täglichen Liste von Medaillengewinnern, wenn sie die ellenlange Reihe großer und kleiner Nationen durchkämmen, um am unteren Ende festzustellen, dass Indien eine einsame Medaille im Tennis oder Wrestling errungen hat. Noch schlimmer trifft uns alle das Gefühl der Schmach, wenn wir Tag für Tag darauf warten, dass Indien überhaupt auf der Liste erscheint, während Länder, deren Fläche ein Hundertstel der Größe Indiens beträgt, Goldmedaille um Goldmedaille gewinnen und indische Athleten gerade noch unter ferner liefen erwähnt werden.

Wir Inder halten gerne am Glauben fest, dass wir in jedem Bereich mit den Weltbesten mithalten können: unser Kalidasa kann sich gegen euren Shakespeare behaupten, unser Ramanujan gegen euren Einstein, unser Bollywood gegen euer Hollywood und heute auch unser Infosys gegen euer Microsoft. Der Sport ist allerdings eine andere Geschichte.

Unsere Cricket-Spieler gelten als die beinahe besten der Welt, aber Cricket ist keine olympische Disziplin. Unser einziger Weltmeister ist der Schach-Großmeister  Vishwanathan Anand. Doch auch Schach ist keine olympische Sportart und obendrein eine, bei der es um Grips geht und nicht um Muskelkraft. Tatsächlich ist die Bilanz Indiens bei Olympischen Spielen mit der Zeit immer schlechter geworden.

Die einzige Goldmedaille, an deren Gewinn wir uns seit den 1920er Jahren gewöhnt hatten, jene im Feldhockey nämlich, ist uns bei Spielen der jüngsten Vergangenheit auch abhanden gekommen, weil unsere Spieler auf dem Kunstrasen nicht zurecht kamen. Heuer hat sich die indische Feldhockey-Mannschaft für die Spiele nicht einmal mehr qualifizieren können. In allen Bereichen, wo es um sportliches Geschick geht – beim Laufen, Springen, Schwimmen, Heben und Werfen – fehlt den Indern einfach, worauf es ankommt.

Die indische Schönheitskönigin Madhu Sapre wurde nichtsahnend Opfer dieses indischen Gefühls der nationalen Schande aufgrund unserer sportlichen Bedeutungslosigkeit. Ihr wurde der Titel Miss World wegen ihrer Antwort auf die Frage, was sie als erstes tun würde, wenn sie in ihrem Land an die Macht käme, ungerechterweise vorenthalten. Ihre Antwort, „Ich würde ein Sportstadion bauen“ wurde von den Juroren als dumm eingestuft und die beinahe schon sichere Krone (sie war die ganz klare Favoritin) war dahin. Sapres Replik war vielleicht nicht die allerklügste, aber wenn die Juroren nur geahnt hätten, wie verzweifelt sich die Inder sportliche Erfolge wünschen, hätten sie auch kapiert, das Sapre keine völlig absurde Priorität aussprach. 

Warum sind die Leistungen der indischen Sportler nun so schlecht? Die Erklärungen reichen von anthropologischen Faktoren bis an die Grenze des Rassismus: Inder verfügen eben nicht über die Gene, den Körperbau, die Ausdauer, das Klima, was auch immer. Es gibt auch Erklärungen, die strukturelle und infrastrukturelle Gründe anführen: Fehlende Trainingseinrichtungen, Sportstätten, Laufbahnen, Ausrüstung, finanzielle Mittel.

Wir sind eben ein Entwicklungsland, heißt es dann. Außerdem geht es nicht nur um den direkten körperlichen Vergleich, sondern auch darum, wie man gegen die Trainer der anderen, deren Laufschuhe, deren ergodynamisch geschnittene Sportkleidung oder den Titan-Bogen der Bogenschützen besteht. Aber diese Argumentation ist fadenscheinig. Auch andere Entwicklungsländer, von Jamaica bis Äthiopien, scheinen regelmäßig in den Medaillenrängen auf.

Unser Talente-Pool besteht in Wahrheit nicht aus einer Milliarde Menschen, sagen manche. Nur die Betuchten und die Mittelschicht, also vielleicht 300 Millionen Menschen, können es sich leisten, Sport zu treiben. Aber das sind noch immer mehr als hundert andere Länder, die bei Olympia besser abschneiden, Einwohner haben. Auf der anderen Seite sind die Anreize, sportliche Erfolge anzustreben, nicht besonders hoch. Die Jahre des Verzichts und der Anstrengungen, derer es bedarf, um ein Weltklasseathlet zu werden, sind für einen einfachen Inder, der sich seinen Lebensunterhalt verdienen muss, einfach keine Option und Sponsoren sind dünn gesät (und auch die geben ihr ganzes Geld für Cricket aus).

Schließlich ist da noch Indiens altbekanntes Problem: In den für Sport zuständigen Verwaltungsgremien und Regierungsabteilungen herrschen herablassende Gönnerhaftigkeit und bornierte Arroganz. Offizielle Funktionäre sind mehr am Erhalt ihrer Pfründe (und bezahlten Ferienreisen zu Sportveranstaltungen) interessiert, als an der Förderung der Athleten. Angesichts all dieser Faktoren scheint das Versagen bei Olympischen Spielen in unserer nationalen DNA programmiert zu sein.

Dennoch sind Erfolg oder Misserfolg noch immer vom einzelnen Athleten abhängig. Indische Gene in einem Entwicklungsland hielten nämlich Vijay Singh von den Fidschi Inseln nicht davon ab, mit Tiger Woods um die Position als weltbester Golfer zu konkurrieren. Und wenn Inder am Cricket-Feld besser abschneiden können, als weiße und schwarze Sportler, stellt sich die Frage, warum sie es nicht schaffen, sie in einem Olympiastadion zu bezwingen.

Das neuerdings globalisierte Indien darf sich in diesem globalen Wettbewerb nicht mehr mit Mittelmäßigkeit begnügen. Für ein Land mit Computerwissenschaftlern, Mathematikern, Biotech-Forschern, Filmemachern und Romanautoren von Weltrang, sind sportliche Spitzenleistungen die letzte noch nicht eroberte Grenze. Allerdings wird 2008 wohl nicht das Jahr, in dem diese Grenze fallen wird.

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