Thursday, October 2, 2014
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Was hält Indien zurück?

CAMBRIDGE – Dass Indien seit neustem volkswirtschaftlich in Ungnade gefallen ist, ist eine bedauerliche Entwicklung. Nach vielen wirtschaftlich äußerst erfolgreichen Jahren hat sich das BIP-Wachstum stark verlangsamt. Die jährliche Produktion wird in diesem Jahr höchstwahrscheinlich um weniger als 5 % zunehmen, demgegenüber stehen 6,8 % im Jahr 2011 und 10,1 % in 2010.

Durch die schwere politische Lähmung sind Reformen zum Stillstand gekommen. Alle großen Schwellenländer sind mit einer schwächeren Auslandsnachfrage konfrontiert, doch wurde Indiens Abschwung durch einen Rückgang der Investitionen verschärft, der auf einen schwerwiegenderen Verlust der offiziellen Führung und des Vertrauens in die Wirtschaft hinweist. Selbst die Prognose des Internationalen Währungsfonds, es werde 2013 eine leichte Verbesserung eintreten, gründet darauf, dass die Regierung es schafft, einer Flut von verfahrenen Wirtschaftsreformen neues Leben einzuhauchen.

Indiens neuerliche Erstarrung hat einen bemerkenswerten globalen Meinungswandel untermauert. Erst vor ein paar Jahren hat sich Indien einen Ruf als guter Standort für Investitionen aufgebaut. Die Staatsoberhäupter gaben sich gegenseitig die Klinke in die Hand, um führende Unternehmer in Mumbai zu treffen, in der Hoffnung, den Weg für eine bedeutsame Ausweitung von Handel und Investitionen zu ebnen. Jetzt ist ihr Interesse zurückgegangen und damit auch die makroökonomischen Zahlen.

Und dennoch könnten Veränderungen, die derzeit auf dem Weg sind, das Blatt wenden. Indiens achtzigjähriger Premierminister Manmohan Singh hat in letzter Zeit erkannt, dass das Land dringend neuen Schwung benötigt. Wirtschaftswissenschaftler auf der ganzen Welt haben zur Kenntnis genommen, dass Raghuram Rajan zum Chefökonomen des Finanzministeriums ernannt wurde. Rajan ist unter Forschern ein Superstar, ein brillanter Autor zu volkswirtschaftlichen Themen und ehemaliger Chefökonom des IWF. Doch ist überhaupt nicht klar, ob Sonia Gandhi, die Präsidentin des Indischen Nationalkongresses und mächtigste Politikerin des Landes, Singhs Reformpläne teilt.

Zwar wird das Kabinett umgebildet, um jüngere Minister in höhere Positionen zu bringen. Doch läuft der Prozess wohl auf eine Weiterführung der Tradition hinaus, dass die meisten Minister aufgrund ihrer Loyalität zur Familie Gandhi ernannt werden anstatt aufgrund ihrer Verdienste und Leistungen.

Leider kann für ein so armes Land wie Indien nur ein anhaltendes schnelles Wachstum zu dauerhaften Entwicklungsvorteilen führen. Indiens Armutsquote (ein Indikator, der zugegebenermaßen theoretisch wie praktisch schwer messbar ist) hat sich zwischen 1981 und 2010 um die Hälfte verringert, auf knapp 30 % – eine bemerkenswerte Leistung. Doch hat Ostasien mit seinem schnelleren Wachstum wesentlich größere Fortschritte erzielt – die dortige Armutsquote fiel in derselben Zeit von 77 % auf 14 %.

Was bremst Indiens Wachstum aus? Lange Jahre hat Indien von den lang anhaltenden Auswirkungen der wirtschaftlichen Liberalisierung in den frühen 1990er Jahren profitiert. Damals spielte Singh als Finanzminister eine zentrale Rolle. Er konnte sich darauf verlassen, dass der IWF – der damals echtes politisches Gewicht hatte, da Indien 1991 ein Rettungspaket benötigte – ihn von außen unterstützen würde, um die gewaltigen internen Reformhindernisse zu überwinden. Heute gibt es jedoch kein externes Gegengewicht zum innenpolitischen Druck, der eine weitere Liberalisierung behindert.

Immerhin muss sich die indische Regierung derzeit Gedanken darüber machen, dass das Land die Krediteinstufung „Investment Grade“ verliere könnte. Die großen Ratingagenturen beschweren sich zunehmend über das Fehlen einer Wachstumsstrategie für das Land und seine übergroßen Haushaltsdefizite. Die Auswirkungen waren jedoch begrenzt, da die Behörden die Schulden den lokalen Banken, Versicherungsunternehmen und Pensionskassen aufbürden können, die von ihnen „gefangen gehalten“ werden.

Diese „Finanzunterdrückungssteuer“ für einheimische Sparer bleibt eine riesige, undurchsichtige Finanzierungsquelle für Indiens stark verschuldete Regierung. Sie verhindert auch, dass Gelder in Investitionsprojekte im privaten Sektor fließen, die wesentlich höhere Ertragsraten haben, als sie die Regierung bieten kann.

Die gute Nachricht lautet, dass es aus wirtschaftlicher Sicht noch viele einfach umsetzbare Maßnahmen zur Wiederherstellung des Wachstums gibt. Obwohl Indien gut daran tut, die Liberalisierung der Finanzmärkte nicht auf die Spitze zu treiben, wie es die Vereinigten Staaten in den Jahrzehnten vor der jüngsten Krise getan haben, kann es viel tun, ohne unangemessen hohe Risiken einzugehen, wie ein von Rajan geleiteter Ausschuss vor einigen Jahren ausgeführt hat.

Der Einzelhandel verursacht ein hohes Maß an Ineffizienz und erlegt den Armen in Indien somit effektiv eine gewaltige Steuer auf, da die Ineffizienz die Preise hochtreibt. Anstatt ausländische Einzelhandelsmärkte wie Wal-Mart zu verklagen, sollte Indien Wege finden, ihre überaus effizienten Methoden nachzuahmen und davon zu profitieren. Die Infrastruktur verbessert sich langsam, doch sind Straßen, Häfen, Zugang zu Wasser, und das Stromnetz in großen Teilen des Landes immer noch entsetzlich.

Natürlich kann Indiens demokratische Regierung nicht einfach Menschen und Umwelt mit der Planierraupe aus dem Weg räumen, um sich eine Infrastruktur zu schaffen. Doch zählen auch mehrere Schichten von korrupten Bürokraten und Politikern zu den Hindernissen – ein riesiges Netzwerk von Reformgegnern.

Einige argumentieren, dass eine Lähmung der Zentralregierung in einer Demokratie mit 1,2 Milliarden Menschen unvermeidlich ist und dass die einzige Möglichkeit, Indien neuen Antrieb zu geben, darin besteht, die einzelnen indischen Staaten in einem lockereren Bund zusammenzufassen. Eine Dezentralisierung würde die wirtschaftlich erfolgreicheren Staaten von ihren Fesseln befreien. Und indem die Kultur der Abhängigkeit von Hilfsleistungen in wirtschaftlich schwächeren Staaten bekämpft wird, könnten Indiens ärmere Regionen langfristig auch profitieren.

So schlecht ein dezentralisiertes Europa dieser Tage auch zu funktionieren scheint, könnte es für Indien vorteilhaft sein, sich einige Schritte in diese Richtung zu bewegen, auch wenn Europa selbst um eine stärkere Zentralisierung ringt. Dezentralisierung mag für Indien unrealistisch klingen, doch auch die Europäische Union erschien einst utopisch. Wenn Singhs neue Reformpläne wieder blockiert werden, ist es vielleicht an der Zeit für eine radikalere Einschätzung.

Aus dem Englischen von Anke Püttmann

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  1. CommentedHimadri Mayank

    Dear Kenneth, I disagree!

    The demographic dividend that India is projected to reap over the next couple of decades is going to be largely provided by the economically weaker states of Bihar, West Bengal, Uttar Pradesh, Rajasthan and Orissa, where fertility rates are still high. Devolution is not the key, rather a consistent focus to improve education, healthcare, training, livelihood in these states is important to create a workforce, that can provide dividends. So, welfare and budgetary devolution is not only unwise, but also unjust.

    Further, a fair amount of efficiency is reduced not because of economically weaker states dragging the stronger ones, but because of corruption, which is rampant across all regions. Maharashtra, Karnataka, Andhra Pradesh or Tamil Nadu, all are equally infested with graft. The recent anti-corruption drive might go a long way in making the basis of next general elections to be corruption, and probably institution of a constitutional authority of Ombudsman. Only by achieving more economic efficiency through less corruption can India achieve a sustained growth.

    Having said that, given that India has a federal structure of governance, to some extent, policy devolution is already taking place. States have been given a discretion in allowing FDI into multi-brand retail trading within their territories. The JNNURM incentivises state governments to undertake urban policy reforms to get financial assistance from the central government.

    And such measures, although still undesirable due to potential economies of scale, are inevitable, and probably work, in a democracy of 1.2 billion, as you have written.

  2. CommentedIDIKULA MATHEW

    Indian dynamics are not really comparable with the falling dynamics of global economy. Indian government and the central bank is doing the balancing act very well and maintaining a steady growth as well.
    Reforms are not stalled - I am not sure what is the reason on this comment. Reforms being executed is always slow in a massive democracy and there are several non economic but constructive reforms rolling out in parallel too.
    estimated from IMF etc are for world to be pacified and manipulated rather .These rating agencies are to pacify and hold wealth in some nations. India follows its dynamic balancing and growth irrespective of the IMF estimates.

  3. CommentedProcyon Mukherjee

    Understanding India would need a torturous journey a few hundred kilometers from the periphery or from any large city, into the interiors where a vast majority is living, very close to the Dark Ages. With rivers as the only source of running water, with no access to toilets, no schools, and health centers with no equipment and medicine, we have multitudes of people surviving on government sponsored Rs.2 /kg (4 cents/kg) rice. Statistics is very simple, 55% of people living in a rural economy where the whole of agriculture contributes to less than 25% of the GDP and is not growing as productivity is shrinking every year as more hands depend on less area of land. Industrialization and diversification of agriculture in some States like Guajarat have augured well, but lack of governance, which is exacerbated by corruption and lack of political will had taken its toll in most of the other States. Local politics, which is just a way to prolong the agony, takes the round to make the society be based on more divisive forces, so that leadership cannot take root to integrate the ideas of salvation. The core sector cannot function in such a sorry ground of constant in-fights where land acquisition is virtually stalled with no end in sight.

    Reforms, in retail included, is just one other whiff of wishful thinking that would change nothing in the interiors of the country.

    Procyon Mukherjee

  4. CommentedAndrés Arellano Báez

    Who cares what rating agencies said? Why they still exist? We are talking about a group of companies with an incredible record of failure after failure. They should be eliminated of our society.

  5. CommentedAmit Sheth

    FDI is a fickle thing- it can turn on as fast as it is turned off. As pointed out by M. Patel, structural reforms and transparency, are more important. Granted India is not doing too well there right now but some states, led by Gujarat and its dynamic leadership, are showing promise, and consequently, parts of India are growing faster and smarter. Let's hope that the vote for development, rather than caste politics, in states like Bihar and Gujarat spreads further. In the long term, India will do better not to rely too much on central government and its 5 year plans.

  6. CommentedLinda Jamin

    Even economists need to study the POLITICAL and social realities of a region before offering an "analysis" and/or predictions regarding its socioeconomic future. Ancient cultures with complicated social systems in over-populated regions respond well to top-down economic reforms in dictatorships but aren't we supposed to all be cheering for the "democratization" of emerging economies? Or are we just disappointed that the Ghandis and their cronies aren't tough enough. Maybe they need to take a few lessons from the House of Assad or study the tactics used in Bahrein? In any case it's clear that it's necessary to read Aruhundhati Roy as well as K.Rogoff in order to understand what's at play in India and what its future might be.

      CommentedVaradarajan Seshamani

      Not just the political and social systems and situations prevailing, but also the laws, their complexities, their vaguenesses, the discretionary powers in the rules associated with such laws and the resultant parallell systems that operate and are powers untom themselves. Beyond that, one should look at the effects of this type of top down environment on the people weilding the powers - who are part of the powers that be and you may begin to see, in about 2 decades what a mess it all is.

      CommentedM Patel

      It's actually very simple. Culture and Social systems are extremely poor predictor of prosperity. Neither the religion nor the culture could explain the vast gap between two germanys or two koreas or two latin countries. Compare North Korea with South Korea or East Germany with West Germany. Here is 1 country, 1 people and 1 culture which gets vivisected into 2 parts with 1 part embracing Socialism and another part embracing free-market. 50 years later, Socialist part is dirt poor and non-socialist part is well-off.
      Corruption and poverty is positively correlated with red-tape and Socialist/Communist type economic model. Solution is to cut the red tape.

  7. CommentedM Patel

    Nehruvian Socialist license permit system, and absolute discretionary governmental power are troubling India because they hamper growth and promote crony corruption. Structural reforms (i.e. abolish Nehruvian system and take-away discretionary power) is the solution.

    Most article on India's economy falsely equates FDI permit with Reform. This articles are lobbying for foreign investment with little regard for how sweet heart deals are cut. Investments are important but much more important is structural reforms.

    Permit is an oxymoron of Reform. Current system of doling out sweet heart permits to chosen investor, in a non-transparent manner, will result in bad investments and corruption ( example: In 1993s, Enron lobbied and got a sweet heart deal to setup a power plant at Dabhol, India. Government of India owned banks were arm-twisted to provide loans to dabhol power corporation. The power plant built had very high fixed and operational cost making it unviable. After a bankruptcy, writeoff of billions of rupees, and in midst of a power crisis, The plant is still making losses and not running even at 50% capacity).

    Walmart/McDonald should be welcomed to India but it is wrong to say that it will benefit India's poor because only upper middle class Indians can afford them. Poor would be simply shooed away at the entrance.


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