MAILAND – Überall auf der Welt spitzt sich die Debatte über die Regulierung der Finanzmärkte zu. Es wird eine Vielzahl an Argumenten und Vorschlägen diskutiert, die häufig miteinander konkurrieren – und somit zu allgemeiner und politischer Verwirrung führen.
Ein Ansatz für die Neuregulierung der Finanzmärkte – der sich auf Argumente von unterschiedlicher Überzeugungskraft stützt – ist, die Größe und den Zuständigkeitsbereich von Finanzinstituten zu begrenzen. Einige behaupten, dass kleinere Einheiten Pleite machen können, ohne das System zu beeinträchtigen, und den Steuerzahlern dadurch die Kosten für eine Rettung ersparen. Doch wenn systemische Risiken auftauchen, die noch nicht vollkommen verstanden werden, könnten die kleineren Banken alle gleichzeitig in Konkurs gehen oder finanzielle Probleme bekommen, was der Realwirtschaft schaden würde.
Ein zweites, heiß diskutiertes Argument lautet, dass eine Begrenzung der Größe und des Zuständigkeitsbereichs von Banken relativ geringe Leistungseinbußen verursacht. Darauf stützt sich zudem ein drittes Argument: Große Institute verfügen über übermäßigen politischen Einfluss und „kapern“ damit ihre Regulierer. Um es deutlich zu sagen: Große und gewinnbringende Finanzinstitute werden einen Weg finden, um das Regulierungssystem bekommen, das sie wollen – eines, das mit einem äußerst gewinnbringenden handelsfreundlichen Überbau vereinbar ist, der sich über die Sicherheitsanforderungen hinwegsetzt und versucht, die kurzfristigen Gewinne zu maximieren.
Ein zweiter Ansatz, der im Prinzip breite Zustimmung findet, ist die Begrenzung der Fremdfinanzierung. Das Hauptargument lautet, dass ein hoher Fremdkapitalanteil stark zum Systemrisiko beiträgt – also eine Situation schaffen könnte, in der die Preise für Vermögenswerte stark korrelieren, und sich finanzielle Schwierigkeiten, wenn sie auftreten, schnell verbreiten. Der Fremdfinanzierungsgrad ist zudem teilweise auf die Fehleinschätzung des Risikos und des Preises für Liquidität zurückzuführen. Es ist wünschenswert, den Fremdfinanzierungsgrad zu beschränken, allerdings nicht so sehr, dass die Kosten für Kapital und Investitionen steigen.
Außerdem würden wenige widersprechen, dass sich mit zunehmender Komplexität des Systems die Lücken und Asymmetrien im Hinblick auf Informationen, Wissen und Sachkenntnis vervielfachen. Solche Asymmetrien behindern die Marktleistung auf unterschiedliche Weise, und Interessenkonflikte sind in einem solchen Umfeld besonders gefährlich, da sie einen Anreiz darstellen, genau diese Vorteile auszunutzen.
Strenge Offenlegungsvorschriften, die auch Interessenkonflikte beinhalten, sind eine Möglichkeit, potenzielle Schäden zu begrenzen. Die Konflikte können auch begrenzt werden, indem die Zuständigkeitsbereiche von Finanzinstituten reguliert werden. So würden beispielsweise Anlagenverwaltung, Distribution, Risikoeinschätzung und Verbriefung sowie der Eigenhandel verschiedenartig voneinander getrennt. Dieser Ansatz bietet zudem den Vorteil, zu verhindern, dass unterschiedliche Risikoprofile und die entsprechenden Kapitalanforderungen im selben Unternehmen und in derselben Bilanz durcheinandergeraten.
Es gibt zwei weitere Möglichkeiten, mit Komplexität und Asymmetrien umzugehen. Eine Möglichkeit, die häufig in Entwicklungsländern angewendet wird, besteht darin, einfach gewisse Einschränkungen für Produkte zu erlassen (beispielsweise Derivate und Hedgefonds), mit der Begründung, dass die Vorteile bei der Risikovermeidung bei weitem größer sind die Nachteile – weniger Zugang zu Kapital und geringere Risikostreuung. Die zweite Möglichkeit besteht darin, zu versuchen, die Informationslücken oder ihre Auswirkungen zu verringern, indem die Expertisen und Anreize rund um den Rating-Prozess reguliert werden (das Versagen in diesem Bereich hatte in der aktuellen Krise schwerwiegende Folgen).
Auf etwas tieferer Ebene gibt es zwei gegensätzliche Tendenzen, die die öffentliche Diskussion rund um die Krise durchziehen. Die eine Position ist die des „perfekten Sturms“: Es gab viele Versäumnisse, Fehleinschätzungen, Informationsasymmetrien und einen hohen Grad an Komplexität sowie viel widerwärtiges Verhalten, doch kam den Marktteilnehmern, Regulierungsbehörden oder Wissenschaftlern nie in den Sinn, dass sich daraus in der Gesamtwirkung fast ein Zusammenbruch des Systems ergeben würde. Kritiker dieses Arguments behaupten, erfahrene Player hätten die systemischen Risiken verstanden, sich nicht darum geschert und zynisch das Spiel gespielt, an dessen Gestaltung sie mitgewirkt hatten – in einigen Fällen mit enormen Profiten.
Es scheint jetzt, als würde (oft implizit) allgemein akzeptiert, dass der Staat die Struktur und die Regeln für das Finanzsystem aufstellen sollte und die Teilnehmer dann ihre Eigeninteressen in diesem Rahmen verfolgen sollten. Wenn der Rahmen stimmt, wird das System gut funktionieren. Die Regeln sind dafür verantwortlich, das kollektive gesellschaftliche Interesse an der Stabilität, Effizienz und Gerechtigkeit des Systems zu gewährleisten.
In einem komplexen System, in dem Sachkenntnis, Einblicke und Echtzeitinformationen nicht an einer Stelle konzentriert sind, und gewiss nicht in Regierungskreisen oder bei den Regulierungsbehörden, erscheint es unzureichend und unklug, sich auf einen solchen Rahmen zu verlassen. Darüber hinaus wird dabei die Bedeutung des Vertrauens ignoriert. Ein besserer Ausgangspunkt ist meiner Meinung nach der Gedanke der gemeinsamen Verantwortung für die Stabilität des Systems und seinen gesellschaftlichen Nutzen – gemeinsam heißt, dass Marktteilnehmer und Regulierer die Verantwortung teilen.
Es ist verblüffend, dass kein Topmanager, von dem ich wüsste, detailliert dargelegt hat, wie die Sachkenntnis seines Instituts eingesetzt werden könnte, um das gemeinsame Ziel der Stabilität zu erreichen. Der Verdacht, welcher der aktuellen öffentlichen Verärgerung in weiten Teilen zugrunde liegt, ist, dass diese Institute, nachdem sie die Formulierung der rechtlichen und ethischen Regeln beeinflusst haben, mehr für die Stabilität tun könnten, als diese Regeln einfach zu befolgen.
Die Finanzbranche, die Regulierungsbehörden und die Politiker müssen ein gemeinsames Verantwortungsgefühl für das System als Ganzes und seine Auswirkungen auf den Rest der Wirtschaft entwickeln. Diese Werte sollten tief in der Branche verankert werden – und somit das Schachern um die Regulierung hinter sich lassen. Sie sollten Vorrang vor beschränkten Eigeninteressen oder den potenziellen Gewinnmöglichkeiten haben, die sich aus der Ausnutzung eines Informationsvorsprungs ergeben. Und sie sollten als Zusatz zu den richtungsweisenden Normen, Regeln und ethischen Vorschriften aufgefasst werden, die wir mit „normalen“ Zeiten verbinden.
Einige werden einwenden, dass diese Idee nicht funktionieren wird, da sie der gierigen Natur des Menschen zuwiderläuft. Dennoch sind solche Werte in anderen Berufen maßgeblich. In der Medizin gibt es ein gewaltiges und unüberbrückbares Wissens- und Informationsgefälle zwischen Ärzten und Patienten. Das Missbrauchspotenzial ist enorm. Es wird von professionellen Werten eingegrenzt, die den Ärzten während ihrer Ausbildung eingeimpft werden und die durch eine leise Form der Überprüfung durch Kollegen aufrechterhalten werden.
Allein wird eine solche Werteverschiebung und das implizite Modell, das die Rollen definiert, gewiss nicht das Problem des systemischen Risikos lösen. Ebenso wenig das Herumbasteln an den Regeln. Wenn dieser Ansatz jedoch ernst genommen wird, könnte er eine ständige Erinnerung an die Bedeutung des Finanzsektors für das Funktionieren der Wirtschaft allgemein sein. Vielleicht könnte er sogar dazu beitragen, das Vertrauen wiederherzustellen.


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