Into Africa
Hosni Mubaraks Kriege im eigenen Haus
Saad Eddin Ibrahim
Die Entscheidung der ägyptischen Regierung unter Präsident Hosni Mubarak, zwei hochrangige Richter anzuklagen, weil sie öffentlich den Wahlbetrug bei den letzten Parlamentswahlen im Herbst anprangerten, hat das Land erschüttert. Es kam zu Massendemonstrationen, bei denen die Menschen ihre Solidarität mit den Richtern bekundeten. Das traf Mubaraks Regime total unvorbereitet.
Mubaraks Regierung scheint nun so schnell wie möglich zurückzurudern. Richter Mahmud Mekki wurde freigesprochen und Richter Hisham al-Bastawisi, der in der Nacht davor einen Herzanfall erlitt, wurde lediglich verwarnt. Doch in Kairo bleibt es unruhig und da die Richter erneut zu Demonstrationen im ganzen Land aufgerufen haben, fürchtet die Regierung eine erneute Welle des Protests für mehr Demokratie.
Die ägyptischen Richter verfügen traditionell über große Ermessensfreiheit und gelten als überaus korrekt. Nun fühlen sie sich allerdings missbraucht, nachdem die Regierung bestrebt ist, Manipulationen nach der Wahl zu beschönigen, indem man behauptet, die Wahlen wären ohnehin von den Richtern überwacht worden. Der Kampf der Richter ist für die normalerweise ruhige ägyptische Öffentlichkeit deshalb so bedrohlich, weil beinahe 9.000 Richter solidarisch zusammenwirken. Ihr repräsentatives Gremium, der Richterclub, hat lange Zeit auf ein neues Gesetz zur Wiederherstellung der Unabhängigkeit der Gerichte gedrängt. Jetzt kämpfen die Richter selbst für ihre Unabhängigkeit.
Das Regime Mubarak spricht sich strikt dagegen aus und greift auf außergerichtliche Hilfsmittel wie Notgerichte sowie nationale Sicherheits- und Militärgerichte zurück, die keineswegs internationalen Standards entsprechen. Entgegen seinen Versprechen, die er im Wahlkampf für seine fünfte Amtszeit als Präsident abgab, beantragte Mubarak eine zweijährige Verlängerung des Notstandrechtes (was von seinem Jasager-Parlament auch prompt abgesegnet wurde). Dieses Notstandsrecht ist in Ägypten seit Mubaraks Amtsantritt in Kraft.
Genau gegen dieses Notstandsrecht wenden sich die Richter und die ägyptische Bürgergesellschaft. Der Notstand ist seit der Ermordung von Präsident Anwar Sadat im Oktober 1981 in Kraft und Mubarak behauptet, eine weitere Verlängerung sei zur Bekämpfung des Terrorismus notwendig. Einem kürzlich erschienenen Menschenrechtsbericht zufolge wurden in Ägypten allerdings trotz des Notstandsrechts bei Terroranschlägen in den letzten 12 Monaten 89 Menschen getötet und 236 verletzt. Im benachbarten Israel, wo man immer noch in einen Kampf gegen die Palästinenser verwickelt ist, wurden bei vergleichbaren Anschlägen im gleichen Zeitraum nur 18 Personen getötet und 25 verletzt. Doch in Israel geht es auch ohne Notstandsrecht.
Man bedenke überdies, dass am Höhepunkt des arabisch-israelischen Konflikts im Jahr 1973 in Ägypten eine Million Mann unter Waffen standen. Heute dienen lediglich 350.000 Personen im Militär, während die Zahl der Sicherheitspolizisten jüngst die Einmillionenmarke erreicht hat.
Mubaraks erster Krieg im eigenen Land richtete sich in den ersten Jahren seiner Präsidentschaft gegen militante Islamisten. Heute ist er in drei weitere Kriege im eigenen Haus verwickelt. Der Kampf gegen die Richter verursachte genug öffentliche Unruhe, um den Einsatz Tausender schwarz uniformierter zentraler Sicherheitskräfte im Herzen von Kairo zu rechtfertigen. Dieser bisher dreiwöchige Einsatz dauert allerdings jetzt schon länger als die letzten zwei Kriege gegen Israel zusammen.
Vor zwei Jahren brach ein weiterer Krieg im eigenen Land gegen die ägyptischen Beduinen des Sinai aus. In Anlehnung an ihre palästinensischen Nachbarn, wenn nicht gar an die Al-Kaida, beschlossen entfremdete junge Beduinen offensichtlich, sich gegen ihre Behandlung als drittklassige Staatsbürger aufzulehnen. Rund um sie herum, aber vor allem in den pompösen Ferienanlagen am südlichen Sinai, werden Milliarden für Straßen, Flughäfen und Badestrände ausgegeben. Ansehnliche Grundstücke werden großzügig an reiche Ägypter aus dem Niltal und an Ausländer vergeben, während die Einheimischen auf der Halbinsel Sinai leer ausgehen.
Tatsächlich verfügen die Sinai-Beduinen zwar über das Recht zur Bodennutzung, aber nicht über das Recht auf Landbesitz, weil eine lethargische und zeitweise korrupte Bürokratie den Sinai noch immer als militärische Zone und die Loyalität seiner Bewohner als zweifelhaft einstuft. Vor zwei Jahren, am Jahrestag des Oktoberkrieges von 1973, legten junge militante Bewohner des Sinai Bomben im Hotel Taba Hilton. Im letzten Juli verübten sie, wieder an einem nationalen Feiertag, Terroranschläge auf drei Touristentreffpunkte in Sharm el-Sheik, unweit des Anwesens der Familie Mubarak. Diese ebenso symbolischen wie tödlichen Warnungen gegen eine Familie deren Einfluss, Lebensstil und Machtausübung schon pharaonische Ausmaße annimmt, blieben allerdings ungehört.
Der dritte und jüngste Krieg im eigenen Haus schwelt schon seit Jahren und entzündete sich nun an Staatsbürgerrechten für christliche Kopten. Die Kopten sind die ursprüngliche Bevölkerung Ägyptens und bildeten bis in das 10. Jahrhundert die Mehrheit. Nach der Arabisierung und Islamisierung Ägyptens wurden die Kopten zu einer Minderheit in ihrem angestammten Heimatland.
In Mubaraks Ägypten wird die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, wiewohl in der Verfassung verankert, nicht respektiert oder geachtet. Dies gilt vor allem im Hinblick auf den Bau und Schutz koptischer Kirchen. Letzten November wurden mehrere Kopten bei einem Angriff muslimischer Fanatiker auf eine koptische Kirche in Alexandria verletzt. Sechs Monate später griff ein Fanatiker drei Kirchen während des Sonntagsgottesdienstes an. Dabei wurden einige Gläubige getötet und viele verletzt. In den drei Tagen danach marschierten die Kopten in den Straßen Alexandrias und protestierten gegen die Nachsicht der Sicherheitsbehörden gegenüber den Tätern, dagegen, dass ihre Gemeinde ständig zum Sündenbock abgestempelt wird und gegen eine mutmaßliche öffentliche Beteiligung an den Anschlägen, um eine Verlängerung des Notstandsrechts zu rechtfertigen.
Hosni Mubaraks vier Kriege im eigenen Haus werden von ausgegrenzten Ägyptern geschürt, die sich zunehmend gegen ein Regime auflehnen, dass sein legitimes Mandat schon längst überlebt hat. Der Kampf gegen die Richter könnte sich sehr wohl als Mubaraks Achillesferse erweisen. Gerechtigkeit ist ein zentraler Wert für die Ägypter und seine Abwesenheit ist der Hauptgrund für die Proteste. Dafür gibt es keinen überzeugenderen Beweis als die beispiellosen Menschenmassen, die sich zusammengefunden haben, um friedlich ihre Solidarität mit den Richtern zu bekunden.
Copyright: Project Syndicate, 2006.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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