AMMAN – Vergeudete Zeit ist stets bedauerlich. Doch im Nahen Osten ist Zeitvergeudung außerdem gefährlich. Ein weiteres Jahr ist nun verstrichen, mit geringem Fortschritt bei der Überbrückung der Kluft zwischen Palästinensern und Israelis. Die aktuellen Luftangriffe auf den Gazastreifen und die anhaltenden Raketenanschläge auf Askelon, Sderot und andere Städte im südlichen Israel beweisen nur, wie sehr sich die Lage derzeit verdüstert.
Die Sicherheitssackgasse zwischen Israel und der palästinensischen Führung im Gazastreifen hat auch zur Blockade von Lebensmittelhilfen durch Israel geführt, sodass sich die 1,5 Millionen Menschen in Gaza einer wirklichen Hungersnot ausgesetzt sehen. Israel, so scheint es, betont wieder einmal die Priorität einer „harten“ Sicherheit in seinem Umgang mit den Palästinensern im Gazastreifen, doch dient dieser Schwerpunkt lediglich dazu, die gewaltfreien Chancen auf kreative Lösungen für den israelisch-palästinensischen Streit zu blockieren.
Was die Lage noch verschlimmert: Die israelischen Politiker beharren auf einem weiteren Ausbau der israelischen Siedlungen im Westjordanland. Die auf diese Weise an die Wand gedrängten Palästinenser sehen langsam keine andere Möglichkeit, ihre nationalen Bestrebungen zu erfüllen, als radikale Taktiken. Da dadurch das Risiko erneuter Gewalt steigt, müssen Israels regionale Partner und internationale Akteure unbedingt einsehen, dass sich die Palästinenser nicht von ihrem strategischen Ziel eines unabhängigen Staates abbringen lassen werden. Das palästinensische Volk wird seinen nationalen Kampf nie aufgeben.
Sowohl Israelis als auch Palästinenser müssen begreifen, dass reine Gewaltanwendung niemals ausreichen wird, um ihre langfristigen Ziele zu erreichen. Gebraucht wird eine praktikable Option, die die gegnerische Seite akzeptieren kann, damit keine Gewalt eingesetzt wird. Obwohl Gewalt manchmal ihren Zweck erfüllt, kann ein stabiler und andauernder Frieden nur durch eine integrative Kompromisslösung zustande kommen.
Wenn eine Konfliktlösung erfolgreich sein soll, muss die durch den Konflikt erzeugte Energie in konstruktive und gewaltfreie Alternativen gelenkt werden. Diese Umlenkung der kriegerischen Energie kann in jedem Stadium des Eskalationszyklus stattfinden, doch wenn beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten keine präventiven friedenschaffenden Maßnahmen eingeleitet werden und wenn Probleme nicht angegangen werden, sobald sich der Konflikt intensiviert (insbesondere wenn er gewalttätig wird), ist eine Intervention in irgendeiner Form notwendig.
Nur dann können sich Versöhnung, Vermittlung, Verhandlung, Schlichtung und gemeinsame Problemlösungsprozesse etablieren. Letzten Endes sind Wiederaufbau und Aussöhnung die einzigen praktikablen Mittel, um Stabilität zu erzeugen, da sie nicht erzwungen werden kann.
All das ist nicht überraschend. Doch stellt sich somit die Frage, warum der Schwerpunkt nicht gemeinschaftlicher und konzentrierter auf eine Veränderung der Lage im Gazastreifen und in Palästina gelegt wurde. Ein internationales Protektorat für das Gebiet, um die Palästinenser vor ihren eigenen gefährlicheren Elementen, die Palästinenser vor den Israelis und vielleicht sogar die Israelis vor sich selbst zu schützen, wurde vorgeschlagen, fand aber nur wenig Beachtung.
Dieses Fehlen einer koordinierten Bemühung, eine Struktur für ein Abkommen zwischen Israelis und Palästinensern zu schaffen – eine Struktur, die auf einer integrativen, interdisziplinären und systemischen Vorgehensweise beruht, welche die Variablen verschieben und zu einem Frieden führen kann, den beide Völker als gleichberechtigt und gerecht ansehen –, macht denjenigen unter uns, die in der internationalen Krisenbewältigung tätig sind, die größten Sorgen.
Ein entscheidender Bestandteil beim Errichten einer Struktur für die Versöhnung muss das Wirtschaftswachstum sein. Wie die Weltbank wiederholt betont hat, gibt es eine starke Korrelation zwischen Armut und Konflikt. Daher wird ein Ausgleich des Defizits an Menschenwürde, der Kluft zwischen Arm und Reich, für die Erreichung einer jeden praktikablen politischen Regelung zwischen Palästinensern und Israelis unentbehrlich sein. Doch sind die Bemühungen hier eher fragmentarisch – und somit unzureichend, um wahre Hoffnung auf ein besseres Leben zu machen.
Palästinenser und Israelis müssen über die gewaltigen gesellschaftlichen Risse hinweg, die sie trennen, entwicklungsfähige Dialoge herstellen, ebenso zwischen den Behörden und den einfachen Menschen, bei denen Verwirrung darüber herrscht, was in ihrem Namen getan wird. Das Vertrauen muss wieder aufgebaut werden, wenn wir den beiden Seiten helfen wollen, zu begreifen, wie sie vergangene Feindseligkeiten überwinden können. Nur durch die Entstehung von allgemeinem Vertrauen können die Probleme richtig diagnostiziert und angegangen werden.
Selbstverständlich muss Israels Sicherheitsbedürfnis von allen Seiten anerkannt werden, doch sind auch vertrauensbildende Maßnahmen von allen Seiten erforderlich. Was jetzt mehr vonnöten ist als alles andere, ist eine deutliche Botschaft, dass der Dialog in diesen höchst angespannten Zeiten den Ausweg darstellt und nicht die Gewalt.
Im Gazastreifen steht die grundlegende Moral der Menschheit auf dem Spiel. Zu lange hat es in dieser Region Leiden und mutwillige Zerstörung von Menschenleben, Verzweifelung und einen Mangel an Menschenwürde gegeben. Die Palästinenser im Gazastreifen – ja alle in der Region, die ein zerrüttetes Leben ohne Hoffnung führen – können nicht darauf warten, dass neue Regierungen oder internationale Institutionen handeln. Wenn aus dem Fruchtbaren Halbmond kein furchtbarer Halbmond werden soll, müssen wir aufwachen, unseren moralischen Mut zusammennehmen und eine politische Vision für einen Quantensprung in Palästina finden.


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