LONDON – Der wirtschaftliche Abschwung führte zu einem explosionsartigen Ausbruch des öffentlichen Zorns gegen die „Gier“ der Banker und deren „obszöne“ Boni. Begleitet wurde dies von einer umfassenderen Kritik an dem so genannten„Growthmanship“ - dem Streben nach Wirtschaftswachstum oder der Anhäufung von Reichtum um jeden Preis, ungeachtet des Schadens, den die Umwelt oder gemeinsame Werte dadurch nehmen könnten.
John Maynard Keynes nahm sich dieses Themas im Jahr 1930 in einem Aufsatz unter dem Titel „Die wirtschaftlichen Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“ an. Keynes prognostizierte, dass in 100 Jahren – also bis 2030 – das Wachstum in den Industrieländern praktisch zum Erliegen kommen werde, weil die Menschen dann „genug haben“ würden, um ein „gutes Leben“ zu führen. Die tägliche Arbeitszeit würde auf drei Stunden reduziert – es gäbe also eine 15-Stunden-Woche. Die Menschen wären vergleichbar mit „Lilien auf dem Feld, die nicht arbeiten und nicht spinnen.“
Keynes Prognose basierte auf der Annahme, dass bei einem jährlichen Anstieg des Kapitals um 2 Prozent, einem Produktivitätsanstieg um 1 Prozent und bei stabilen Bevölkerungszahlen, der durchschnittliche Lebensstandard um das Achtfache steigen würde. Auf Basis dessen können wir berechnen, wie viel Keynes als „genug“ erachtete. In den späten 1920er Jahren (vor dem Crash des Jahres 1929) betrug das Pro-Kopf-BIP in Großbritannien etwa 5.800 Euro in heutigem Geldwert. Entsprechend schätzte er, dass ein Pro-Kopf-BIP von etwa 44.000 Euro für die Menschen „genug“ wäre, um sich angenehmeren Dingen zuzuwenden.
Es ist nicht klar, warum Keynes dachte, dass ein Achtfaches des durchschnittlichen britischen Nationaleinkommens pro Kopf „genug“ wäre. Wahrscheinlich legte er seinem Maßstab das damals übliche Einkommen eines bourgeoisen Rentiers zugrunde, das etwa zehn Mal so hoch war, wie das des durchschnittlichen Arbeiters.
Achtzig Jahre später hat sich die entwickelte Welt den Zielen Keynes’ angenähert. Im Jahr 2007 (also vor dem Crash), betrug das Pro-Kopf-BIP laut IWF in den USA umgerechnet 31.500 Euro und in Großbritannien knapp 31.000 Euro. Anders ausgedrückt: In Großbritannien hat es seit 1930 eine Verfünffachung des Lebensstandards gegeben – trotz Verzerrungen bei zwei von Keynes’ Annahmen, nämlich „keine großen Kriege“ und „kein Bevölkerungswachstum (in Großbritannien ist die Einwohnerzahl heute um 33 Prozent höher als 1930).
Der Grund, warum die Entwicklung so positiv verlief ist, dass das jährliche Produktivitätswachstum höher ausfiel, als von Keynes prognostiziert: etwa 1,6 Prozent in Großbritannien und etwas höher in den USA. Ländern wie Deutschland und Japan erging es trotz der immens zerstörerischen Auswirkungen des Kriegs noch besser. Wahrscheinlich wird Keynes’ „Ziel“ von 44.000 Euro in den meisten westlichen Ländern bis 2030 erreicht werden.
Es ist allerdings in gleichem Maße unwahrscheinlich, dass die Erreichung dieses Ziels die unstillbare Jagd nach noch mehr Geld beenden wird. Nehmen wir einmal – vorsichtig – an, dass wir zwei Drittel des Weges in Richtung Keynes’ Ziel hinter uns haben. Eigentlich hätte die Arbeitszeit in diesem Fall um etwa zwei Drittel fallen müssen. Tatsächlich ist sie nur um ein Drittel zurückgegangen – und seit den 1980er Jahren überhaupt nicht mehr.
Das lässt es höchst unwahrscheinlich erscheinen, dass wir bis 2030 einen Dreistunden-Arbeitstag haben werden. Ebenso unwahrscheinlich ist, dass es kein Wachstum mehr geben wird – außer die Natur sorgt dafür. Die Menschen werden weiterhin ihre Freizeit für höhere Löhne eintauschen.
Keynes minimierte die Hindernisse auf dem Weg zu seinem Ziel. Er erkannte, dass es zwei Arten von Bedürfnissen gibt, nämlich absolute und relative, wobei Letztere möglicherweise unstillbar sind. Allerdings unterschätzte er das Gewicht der relativen Bedürfnisse, vor allem angesichts reicher werdender Gesellschaften und natürlich aufgrund der Macht der Werbung, die einfach neue Bedürfnisse schafft und die Menschen dazu bringt, mehr zu arbeiten, um jenes Geld zu verdienen, das sie benötigen um diese Bedürfnisse zu befriedigen. So lange der Konsum für alle sichtbar und konkurrenzbetont ist, wird es weiterhin immer neue Gründe geben, zu arbeiten.
Keynes ließ den sozialen Charakter von Arbeit nicht gänzlich außer Acht. „Es wird vernünftig bleiben, ökonomisch zweckhaft für andere zu sein“, schrieb er, „wenn dies für einen selbst nicht mehr vernünftig ist.“ Die Reichen hätten die Pflicht, den Armen zu helfen. Keynes hatte dabei vielleicht nicht die Entwicklungsländer im Sinn (in denen im Jahr 1930 kaum eine Entwicklung eingesetzt hatte). Aber das Ziel einer weltweiten Reduktion der Armut hat den Menschen in reichen Ländern mehr Arbeit aufgebürdet, sowohl durch die Zusagen für Auslandshilfe als auch – noch wichtiger – durch die Globalisierung, die zu unsicheren Arbeitsplätzen und niedrigeren Löhnen, vor allem für die weniger gut Qualifizierten, führt.
Außerdem widmete sich Keynes nicht wirklich dem Problem, was die meisten Menschen tun würden, wenn sie nicht mehr arbeiten müssten. Er schreibt: „Für gewöhnliche Menschen ohne eine besondere Begabung ist es eine beängstigende Aufgabe, sich selbst zu beschäftigen, besonders, wenn sie nicht länger in der heimatlichen Scholle, im Brauchtum oder den geliebten Förmlichkeiten einer überkommenen Gesellschaft wurzeln“. Aber da die meisten Reichen – „diejenigen mit unabhängigem Einkommen, aber ohne Kontakte, Aufgaben oder Bindungen” in ihren Bemühungen, ein „gutes Leben“ zu leben, „desaströs gescheitert“ sind, stellt sich die Frage, warum es den gegenwärtig Armen besser ergehen sollte.
In diesem Punkt kommt Keynes, wie ich meine, der Antwort auf die Frage, warum sein „genug“ in Wirklichkeit nicht genug sein wird, am nächsten. Die Anhäufung von Wohlstand, der die Grundlage für ein „gutes Leben“ bilden sollte, wird zum Selbstzweck, weil er viele jener Dinge zerstört, die das Leben lebenswert machen. Über einen gewissen Punkt hinaus – von dem große Teile der Welt noch immer weit entfernt sind – bietet die Anhäufung von Reichtümern nur mehr Ersatzbefriedigung für die realen Verluste im Bereich menschlicher Beziehungen.
Instrumente zu finden, jene schwindenden „Kontakte, Aufgaben oder Bindungen“ zu erhalten, die für das Wohlergehen des Einzelnen so bedeutungsvoll sind, ist das ungelöste Problem der industrialisierten Welt und zeichnet sich für diejenigen ab, die gerade die erste Sprosse der Wachstumsleiter erklommen haben. George Orwell hat es treffend formuliert: „Der gesamte Fortschritt ist als wilder Kampf in Richtung eines Zieles zu sehen, von dem man hofft und dafür betet, es nie zu erreichen.”


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