Thursday, April 24, 2014
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Wie Ungleichheit die Krise anheizte

CHICAGO – Vor der jüngsten Finanzkrise stachelten Politiker aus beiden Lagern in den Vereinigten Staaten die riesigen, staatlich unterstützten Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac an, die Kreditvergabe an Haushalte mit geringem Einkommen in ihrem Kundenkreis zu fördern. Hinter dieser neu entdeckten Leidenschaft für den Wohnungsbau für die Armen steckte ein tiefer liegendes Problem: zunehmende Einkommensungleichheit.

Seit den 1970er Jahren sind die Löhne für Arbeitnehmer am 90. Perzentil der Lohnverteilung in den USA – z. B. Büroleiter – wesentlich schneller angestiegen als die mittleren Löhne (am 50. Perzentil) für Fabrikarbeiter und Bürogehilfen. Eine Reihe von Faktoren ist für die Vergrößerung des 90-50-Differentials verantwortlich.

Der wichtigste ist vielleicht, dass die Arbeitskräfte durch den technischen Fortschritt in den USA immer besser ausgebildet sein müssen. Ein Highschool-Abschluss (vergleichbar etwa mit dem Abitur) reichte vor 40 Jahren für Büroangestellte aus, wohingegen heute kaum ein Bachelor-Abschluss genügt. Doch ist es dem Bildungssystem nicht gelungen, genügend Arbeitskräften die notwendige Ausbildung zukommen zu lassen. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe, u. a. spielen schlechte Ernährung, Sozialisierung und Frühpädagogik bis hin zu dysfunktionalen Grund- und Sekundarschulen eine Rolle, die zu viele Amerikaner nicht ausreichend auf das College vorbereiten.

Die alltäglichen Folgen für den Mittelstand sind stagnierende Löhne und zunehmende Arbeitsplatzunsicherheit. Die Politiker spüren die Probleme ihrer Wähler, doch ist es schwierig, die Bildungsqualität zu verbessern, da für eine Verbesserung reale und wirksame politische Änderungen in einem Bereich erforderlich sind, in dem zu viele persönliche Interessen den jetzigen Zustand begünstigen.

Zudem braucht jede Änderung Jahre, um wirksam zu werden, und kann daher nicht die gegenwärtigen Ängste der Wählerschaft beruhigen. Folglich haben sich die Politiker nach anderen, schnelleren Möglichkeiten umgesehen, um ihre Wähler zu beschwichtigen. Wir wissen seit langem, dass es nicht auf das Einkommen ankommt, sondern auf den Verbrauch. Ein schlauer oder zynischer Politiker würde erkennen, dass die mittelständischen Haushalte ihre stagnierenden Löhne vielleicht weniger beachten würden, wenn der Verbrauch irgendwie Schritt hält und sie sich alle paar Jahre ein neues Auto und gelegentlich einen exotischen Urlaub leisten könnten.

Daher lautete die politische Antwort auf wachsende Ungleichheit – ob sorgfältig geplant oder als Weg des geringsten Widerstands: die Kreditvergabe an Haushalte auszuweiten, insbesondere an Haushalte mit geringem Einkommen. Die Vorteile – steigender Verbrauch und mehr Arbeitsplätze – stellten sich sofort ein, während die Bezahlung der unausweichlichen Zeche auf später verschoben werden konnte. So zynisch dies auch scheinen mag, Krediterleichterung wurde in der Geschichte immer wieder von Regierungen als Linderungsmittel eingesetzt, wenn diese nicht in der Lage waren, die tiefer liegenden Ängste des Mittelstands direkt zu lösen.

Politiker kleiden das Ziel jedoch lieber in erbaulichere und überzeugendere Worte, anstatt zu sagen, dass es um eine steile Erhöhung des Verbrauchs geht. Die Ausweitung des Eigenheimbesitzes – ein entscheidender Bestandteil des amerikanischen Traums – auf Haushalte mit mittlerem und niedrigem Einkommen war in den USA der vertretbare Aufhänger für die weiter reichenden Ziele, die Kreditvergabe und den Verbrauch zu erhöhen.

Warum sind die USA nicht den direkteren Weg der Umverteilung gegangen? Sie hätten Steuern erheben, Kredite aufnehmen und die Ausgaben für den besorgten Mittelstand steigern können. Genau so geriet beispielsweise Griechenland in Schwierigkeiten, indem es viele Tausende verbeamtete und überbezahlte, während es Staatsschulden in astronomischer Höhe anhäufte.

In den USA dagegen schlossen sich in den letzten Jahren starke politische Kräfte gegen eine direkte Umverteilung zusammen. Die Politik der zielgerichteten Kredite für den Hauskauf erfreute sich allgemeiner Unterstützung, da jede Seite meinte, sie würde davon profitieren.

Die Linke befürwortete die Kapitalflüsse an ihre natürliche Wählerschaft, während die Rechte neue Eigenheimbesitzer begrüßte, die vielleicht überzeugt werden konnten, ihre Parteizugehörigkeit zu wechseln. Mehr Immobilienkredite für Geringverdiener war einer der wenigen Punkte, in denen sich die Regierungen von Präsident Bill Clinton und Präsident George W. Bush einig waren, Clinton aufgrund seiner Politik für erschwingliches Wohnen und Bush aufgrund seiner Bemühungen für eine „ownership society“ – eine Gesellschaft der Eigentümer.

Am Ende bescherte der irrige Versuch, den Eigenheimbesitz durch Kredite auszuweiten, den USA jedoch Häuser, die sich niemand leisten kann, und Haushalte, die in Schulden versinken. Ironischerweise geht die Wohneigentumsquote seit 2004 zurück.

Wie so oft bei staatlichen Maßnahmen lag das Problem nicht in der Absicht. Das ist selten der Fall. Doch wenn viel leicht verfügbares Geld, das von einer kapitalkräftigen Regierung verteilt wird, mit dem Profitstreben eines gerissenen, wettbewerbsintensiven und amoralischen Finanzsektors in Berührung kommt, wird die Sache weit über die Absicht der Regierung hinausgetragen.

Dies ist selbstverständlich nicht das erste Mal in der Geschichte, das die Ängste einer Gruppe, die den Anschluss verliert, mithilfe einer Kreditausweitung beschwichtigt werden, und es wird nicht das letzte Mal sein. Tatsächlich braucht man nicht einmal außerhalb der USA zu suchen, um Beispiele zu finden. Die Deregulierung und die schnelle Ausweitung des US-Bankensektors am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts waren in vielerlei Hinsicht eine Antwort auf die Populisten-Bewegung, die von kleinen und mittelständischen Bauern getragen wurde. Sie merkten, dass sie hinter der steigenden Anzahl an Industriearbeitern zurückfielen, und forderten Krediterleichterung. Die übermäßigen Kredite an ländliche Kreditnehmer waren eine wichtige Ursache für Bankenpleiten während der Großen Depression.

Allgemeiner betrachtet, bedeutet das, dass wir nicht bei den gierigen Bankern und rückgratlosen Regulierungsbehörden (und von beiden gab es viele) haltmachen dürfen, sondern nach den tieferen Ursachen für diese Krise suchen müssen. Und die Probleme werden nicht mit einem Gesetzentwurf zur Finanzmarktregulierung gelöst, der diesen Regulierungsbehörden mehr Befugnisse einräumt. Amerika muss die Ungleichheit an der Wurzel packen, indem es mehr Amerikaner dazu befähigt, auf dem globalen Markt zu konkurrieren. Das ist wesentlich schwieriger, als Kredite zu verteilen, langfristig jedoch wirksamer.

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  1. CommentedPaul Ruckert

    A thoughtful article, however I find the analysis of the root causes of rising inequality in the US a bit lacking. Undoubtedly, technological change and increasing returns to relevant education play a part, but so to do many of the reforms stemming from the Reagan era. Specifically, the decimation of the power of organized labor, falling marginal tax rates, and the free-market mantra of privatization and deregulation enabled concentrations of wealth to amass as we hadn't seen in a century. Better (and more relevant) education would certainly take us a step in the right direction of combating inequality, however it is not enough on its own. What is needed is a subtler ideological shift in the mindset and policies of the nation away from a winner-take all, individualistic society and towards a more compassionate society where people recognize that their own fates are inextricably intertwined with those of their fellow citizens.

  2. CommentedUsha Abramovitz

    By this logic, Sir, then what would you say is behind the government's inclination towards austerity measures? How would that fit in to the supposed motive of a quick pallative to lessen the pain of the 99 percent? Perhaps you are putting the cart before the horse. Perhaps the profit motive has always been the driver after all.

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