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Hoffnungslose Arbeitslosigkeit

BERKELEY: Egal, wie schlimm es Ihrer Meinung nach heute zyklisch um die Weltwirtschaft bestellt sein mag – dies ist nur eine Brille, durch die man die Welt betrachten kann. Geht man von der weltweiten Lebenserwartung, dem weltweiten Gesamtvermögen, dem allgemeinen Stand der Technik, den Wachstumsaussichten in den Schwellenländern und der globalen Einkommensverteilung aus, sieht die Lage ziemlich gut aus, während sie in wieder anderen Dimensionen – z.B. der globalen Erwärmung oder der ungleichen nationalen Einkommensverteilung und ihren Folgen für die gesellschaftlichen Solidarsysteme – schlecht aussieht.

Selbst was den Wirtschaftszyklus angeht, gab es schon Zeiten, in denen die Lage viel schlimmer war als heute. Man denke an die Große Depression und die Folgen der damaligen Unfähigkeit der Marktwirtschaften, sich aus eigener Kraft zu erholen, bedingt durch die von der langfristigen Arbeitslosigkeit ausgehenden Belastungen.

Doch obwohl wir diesen Punkt heute noch nicht erreicht haben, ist die Große Depression deshalb nicht weniger relevant für uns, denn es wird immer wahrscheinlicher, dass sich die Langzeitarbeitslosigkeit innerhalb der nächsten zwei Jahre zu einem ähnlichen Hindernis für die wirtschaftliche Erholung entwickeln wird.

Auf ihrem Gipfel im Winter 1933 war die Große Depression eine Form kollektiven Wahnsinns. Die Arbeitnehmer hatten nichts zu tun, weil die Unternehmen niemanden einstellten; die Unternehmen stellten nicht ein, weil sie keinen Markt für ihre Produkte sahen, und es gab keinen Markt für diese Produkte, weil die Arbeitnehmer keinen Verdienst hatten, den sie ausgeben konnten.

Zu diesem Zeitpunkt bestand ein großer Teil der Arbeitslosen bereits aus Langzeitarbeitslosen, was zwei Folgen hatte. Erstens verteilten sich die Lasten der wirtschaftlichen Verwerfungen ungleich. Weil die Verbraucherpreise schneller fielen als die Löhne, stieg der Wohlstand jener, die während der Großen Depression ihre Arbeit behielten. Diejenigen, die arbeitslos wurden und blieben, litten am meisten – in überwältigendem Maße.

Zweitens ist es selbst in einer reibungslos funktionierenden Marktwirtschaft sehr schwierig, die Arbeitslosen wieder zu integrieren. Denn welcher Arbeitgeber stellt nicht lieber jemanden ein, der frisch ins Erwerbsleben eintritt, als einen, der viele Jahre lang arbeitslos war? Die schlichte Tatsache, dass eine Volkswirtschaft gerade eine Phase der Massenarbeitslosigkeit durchgemacht hatte, machte es schwierig, ein Wachstums- und Beschäftigungsniveau wiederherzustellen, das häufig ganz selbstverständlich erreicht wird.

Währungsabwertungen, moderate staatliche Haushaltsdefizite und Abwarten schienen alles gleich ineffektive Lösungsstrategien zu sein. Hochgradig zentralisierte und gewerkschaftlich organisierte Arbeitsmärkte wie der in Australien waren im Umgang mit der Langzeitarbeitslosigkeit genauso erfolglos wie dezentralisierte, unregulierte Arbeitsmärkte wie der in den USA. Faschistische Lösungen wie in Italien waren ebenso wirkungslos, es sei denn, sie gingen mit einer rapiden Wiederbewaffnung her wie in Deutschland.

In den USA waren es letztlich der nahende Zweite Weltkrieg und die damit einhergehende Nachfrage nach militärischen Gütern, die dazu führten, dass die Arbeitgeber des privaten Sektors Langzeitarbeitslose zu Löhnen einstellten, die diese akzeptierten. Doch selbst heute können die Ökonomen keine klare Erklärung dafür anbieten, warum der private Sektor in den fast zehn Jahren vom Winter 1933 bis zur vollständigen Mobilmachung keinen Weg finden konnte, um die Langzeitarbeitslosen zu beschäftigen. Das Ausmaß der anhaltenden Arbeitslosigkeit, das trotz unterschiedlicher Arbeitsmarktstrukturen und nationaler Institutionen bestand, legt nahe, dass man monokausale Theorien hierfür mit einer gewissen Skepsis betrachten sollte.

Die Langzeitarbeitslosen der Großen Depression suchten zunächst bemüht und sorgfältig nach alternativen Beschäftigungsquellen. Nach etwa sechs Monaten fruchtlosen Suchens kamen dann meist Mutlosigkeit und Enttäuschung. Nach zwölf Monaten ununterbrochener Arbeitslosigkeit suchte der typische Arbeitslose zwar immer noch nach einer Stelle, aber planlos und ohne viel Hoffnung. Und nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit hatte der Arbeitnehmer – in der zutreffenden Einschätzung, dass er sowieso am Ende jeder Bewerberschlange stünde – die Hoffnung aufgegeben und war praktisch aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden.

Dies war das Muster bei den Langzeitarbeitslosen während der Großen Depression. Es war zugleich das Muster bei den Langzeitarbeitslosen in Westeuropa Ende der 1980er Jahre. Und in einem oder zwei Jahren wird es erneut das Muster bei den Langzeitarbeitslosen in der Nordatlantikregion sein.

Ich argumentiere seit vier Jahren, dass unsere zyklischen Probleme eine aggressivere Geld- und Fiskalpolitik verlangen und dass unsere größten Probleme schnell dahin schmelzen würden, wenn man eine derartige Politik verfolgte. Das stimmt noch immer. Aber in den nächsten zwei Jahren wird es – sofern die derzeitigen Trends nicht plötzlich und unerwartet durchbrochen werden – immer weniger stimmen.

Es spricht viel dafür, dass das primäre Arbeitsmarktversagen im Nordatlantikraum in zwei Jahren kein nachfragebedingtes Marktversagen mehr sein wird, das sich durch aggressivere Strategien zur Steigerung von Wirtschaftsaktivität und Beschäftigung leicht beheben ließe. Vielmehr wird es ein strukturelles Marktversagen sein, für das es keine einfache und leicht umsetzbare Medizin gibt.

Aus dem Englischen von Jan Doolan