WEEKLY SERIES

THOUGHT LEADERS

GLOBAL PERSPECTIVES

INTERNATIONAL INSIGHT

MIND AND MATTER

SPECIAL SERIES

PROJECT SYNDICATE

Warum Barack Obama?

Richard Holbrooke

English Spanish Russian German Czech Chinese Arabic
2008-10-28

NEW YORK – Der Sieger der amerikanischen Präsidentschaftswahl wird ein gewaltiges Unwetter an Problemen erben, sowohl ökonomische als auch internationale. Er wird bei seinem Amtsantritt vor der schwierigsten Agenda stehen, vor der ein Präsident stand, seit – und das sage ich in vollem Ernst – Abraham Lincoln die Union rettete. Ein aufschlussreicheres Beispiel ist jedoch 1933, als Franklin Roosevelt einer Nation, die mit einer ökonomischen Kernschmelze und einem Vertrauensverlust der Öffentlichkeit konfrontiert war, inspirierende Rhetorik und „kühnes Experimentieren“ bot.

Für mich ist die Wahl einfach – und zwar nicht nur, weil ich vom Temperament her und aufgrund meiner Geschichte ein Demokrat bin. Der lange und intensive politische Wahlkampf hat gewaltige Unterschiede zwischen Positionen, Stil und persönlichen Qualitäten der beiden Kandidaten zutage treten lassen. Und die Entscheidung erscheint eindeutig.

Urteilsvermögen. John McCain hat in seiner gesamten Laufbahn eine Neigung zum Risiko gezeigt; in seinen Memoiren nennt er sich selbst stolz eine Spielernatur. Seine Ernennung Sarah Palins, einer charismatischen, jedoch eklatant unqualifizierten Kandidatin, zu seiner Mitstreiterin ist lediglich das hervorstechendste unter vielen Beispielen für den echten McCain. Seine Tapferkeit im Kampf zeugt von Patriotismus, Mut und Zähigkeit, doch hat er im Laufe seiner Karriere immer wieder gezeigt, dass es ihm stark an Urteilsvermögen mangelt.

Auch Barack Obama ist zäh, jedoch in anderer Weise. Niemand sollte unterschätzen, wie schwierig es war, unglaublichen Widerständen zum Trotz seinen Weg zu gehen, bis an die Spitze der Präsidentschaft. Doch wo McCain impulsiv und emotional ist, ist Obama zurückhaltend und unemotional. Er fällt seine Urteile ruhig und methodisch; McCains impulsive Art ist Obama ein Graus, und das zu Recht – man kann mit der Geschichte nicht Roulette spielen. Da ich so viele politische Machthaber unter Druck habe taumeln sehen, schätze ich diese Fähigkeit mehr als alle anderen. Und Barack Obama besitzt sie.

Die Wirtschaft. Oberste Priorität für den neuen Präsidenten werden die Wirtschaft und die Finanzkrise haben. Seit dem Anfang der Krise war Obama ruhig und verhielt sich wirklich präsidial. Er befragte das beste Beratungsteam der Nation, wog jede Handlungsmöglichkeit sorgfältig ab und machte dann eine Reihe präziser, ruhiger Aussagen. In der Zwischenzeit vollführte McCain merkwürdige Pirouetten, gab widersprüchliche Erklärungen heraus, „unterbrach“ seinen Wahlkampf (obwohl er den Wahlkampf fortsetzte) und drängte darauf, dass die erste Debatte abgesagt wird (als sie umso notwendiger war). Vorteil Obama.

Außenpolitik. Die deutlichsten Meinungsverschiedenheiten zwischen den Kandidaten betreffen den Irak, Iran und Russland. Doch gibt es tiefere Unterschiede. Mit der beachtenswerten Ausnahme des Klimawandels deuten McCains Positionen darauf hin, dass er einfach versuchen würde, George W. Bushs politische Linie wirksamer weiterzuverfolgen. Obama bietet einen anderen Ansatz in der Außenpolitik.

Durch die Einleitung des Kampftruppenabzugs im Irak würde Obama das Image und die Politik Amerikas sofort verändern. Mit die Einbeziehung des Irans in Gespräche, die nicht nur das Atomproblem behandeln würden, sondern andere Aspekte der destabilisierenden Rolle des Irans in der Region, würde er entweder Abkommen schließen, die die Gefahren, die vom Iran ausgehen, mindern würden, oder er würde eine stärkere internationale Koalition mobilisieren, um den Iran zu isolieren. So oder so ist die Einbeziehung des Irans die richtige Vorgehensweise, und es ist schwer verständlich, warum Bush und McCain sich so lange gegen einen derart offensichtlichen Kurswechsel gesträubt haben, der – wenn er mit Entschlossenheit durchgeführt wird – die nationale Sicherheit Amerikas oder Israels nicht bedroht.

Was Russland seit der Invasion Georgiens angeht, betonen Obama und sein Mitkandidat Joe Biden (der erste Kongressabgeordnete, der Georgien nach der Invasion besuchte), dass sie Georgien dabei helfen werden, seine Wirtschaft wiederaufzubauen und seine Unabhängigkeit angesichts der anhaltenden russischen Kampagne gegen das Land aufrechtzuerhalten. McCain auf der anderen Seite möchte Russland bestrafen, indem er es z. B. aus den G-8 ausschließt.

Derartige Maßnahmen könnten letztendlich notwendig sein, doch werden sie Georgien nicht helfen, als unabhängige Demokratie zu überleben. Zudem gibt es selbst nach den Ausschreitungen in Georgien gemeinsame Interessenbereiche, so z. B. Energie, Klimawandel und den Iran, bei denen der Westen und der Kreml kooperieren müssen. Das galt sogar im Kalten Krieg und gilt auch heute noch, doch scheint McCain das nicht anzuerkennen.

Führungsstil. Letzten Endes laufen alle Präsidentschaftswahlen auf die immateriellen Führungsqualitäten hinaus. Die Stimme für einen Präsidenten ist eine Art privater Vertrag direkt zwischen den einzelnen Wählern und ihrem bevorzugten Kandidaten. Wen möchten Sie die nächsten vier Jahre in Ihrem Fernseher sehen? Wem möchten Sie das Schicksal der Nation anvertrauen?

Auch hier bieten der gegensätzliche Stil von Obama und McCain eine klare Auswahl zwischen einem ruhigen und selbstbewussten Mann und einem hochemotionalen, zwischen einer grundlegenden Richtungsänderung der Nation und einem geringfügigen Kurswechsel, zwischen einem versöhnlichen Stil und einem kampflustigen.

Effektivität. Und schließlich würde der Sieg Obamas in einem Jahr, in dem die Demokraten ihre Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses mit Sicherheit ausbauen werden, den Demokraten zum ersten Mal seit 1994 die Kontrolle über Legislative und Exekutive geben, und damit die Möglichkeit, nach einer jahrelangen Pattsituation wieder etwas in der Legislative zu erreichen. Nach so vielen Jahren der Polarisierung im Inland und des Unilateralismus im Ausland erscheint die Entscheidung für einen Präsidenten eindeutig.

Der Nachdruck von auf dieser Website veröffentlichen Materialien ohne schriftliche Einwilligung durch Project Syndicate stellt eine Verletzung internationalen Urheberrechts dar. Um eine entsprechende Nutzungsbewilligung einzuholen, wenden Sie sich bitte an distribution@project-syndicate.org.
English Spanish Russian German Czech Chinese Arabic

You must be logged in to post or reply to a comment.
Please log in or sign up for a free account.



AUTHOR INFO

Richard Holbrooke, US ambassador to the United Nations in the Clinton administration, writes a monthly column for The Washington Post.