The World in Words
Kein Frieden ohne Wasser
Václav Havel et al
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PRAG – Die globale Finanzkrise beherrscht zwar momentan sämtliche Schlagzeilen, allerdings sollte die Bewältigung dieser Krise nicht andere zentrale Probleme verdrängen. Im Nahen Osten beispielsweise schleicht sich bei Israelis und Palästinensern - sowie auch bei vielen anderen Menschen auf der ganzen Welt – langsam der Verdacht ein, dass die Verhandlungen über den endgültigen Status Palästinas zu nichts führen.
Die Situation ist vielleicht aussichtsreicher als es momentan den Anschein hat, aber man kann nicht leugnen, dass die Hoffnungen auf echte Veränderungen seit der Wiederaufnahme der Gespräche vor zwei Jahren geschwunden sind. Dieser Vertrauensverlust entwickelt leider eine Dynamik, die nötige Zugeständnisse für ein endgültiges Abkommen verhindert.
Weil ein Stillstand droht, ist es von entscheidender Bedeutung, in jenen Bereichen aktiv zu werden, wo intensive Verhandlungen rasche Ergebnisse bringen können. Ein derartiger Bereich ist die Wasserversorgung.
Im gesamten Nahen Osten ist Wasser ein Sicherheitsthema. Tatsächlich erkennen die Menschen momentan zwei wichtige Fakten. Erstens haben Länder, die in einen Konflikt um Wasser verstrickt waren, historisch gesehen eher einen Weg zur Zusammenarbeit gefunden als einander zu bekämpfen. Sogar in den 60 Jahren des Konflikts im Jordantal war das Wasser oftmals eher ein Grund zur Zusammenarbeit als für Kampf.
Zweitens ist Wasserknappheit nur selten absolut und noch weniger oft eine Erklärung für Armut. Dazu ein Zitat aus dem UN-Bericht über die menschliche Entwicklung 2006: „Es ist mehr als genug Wasser auf der Welt vorhanden, um den Bedarf von Haushalten, Landwirtschaft und Industrie zu decken....Wasserknappheit wird durch politische Prozesse und Institutionen verursacht, die die Armen benachteiligen.”
Allerdings verbraucht fast jedes Land im Nahen Osten mehr Wasser als auf erneuerbarer Basis nachkommt. Es gibt einfach nicht genug Wasser für alles, wozu es die Länder nutzen wollen und die Situation wird sich nur noch verschlimmern. Aber sogar in Palästina ist die vordringlichste Frage im Zusammenhang mit Wasser nicht der Durst, sondern eine festgefahrene Wirtschaftsentwicklung. Kurzfristig braucht Palästina mehr Wasser, um Beschäftigung und Einkommen in der Landwirtschaft zu gewährleisten. Längerfristig bedarf es eines Wandels in den Bereichen Bildung, Kultur und Politik, um Anpassungsfähigkeit zu entwickeln.
Die klimatischen und geographischen Bedingungen der Region führen dazu, dass Wasserressourcen zwangsläufig gemeinsam genutzt werden. Aber nur durch eine verantwortungsvolle Nutzung unter Berücksichtigung der sensiblen Ökologie der Region kann menschliches Leben nachhaltig sichern.
Fest steht, dass kein endgültiges Abkommen über die Ressource Wasser möglich sein wird, bis es vereinbarte Grenzen zwischen dem Staat Israel und dem Staat Palästina sowie einen Beschluss über israelische Siedlungen im Westjordanland gibt. Für eine Zwischenlösung allerdings braucht man nicht auf die endgültige Lösung der großen Probleme zu warten. Die Suche nach rationalen Wegen zur gemeinsamen Nutzung und Verwaltung des Wassers könnte sich als einfacher erweisen, als die Lösung der „großen“ Fragen. Eine Lösung der Wasserfrage könnte vielmehr ein Klima des Erfolgs schaffen, das auch zu Fortschritten in anderen Bereichen beiträgt.
Die gute Nachricht ist, dass die für Durstlöschung, Kochen, andere Hausarbeiten und Sanitärversorgung benötigte Wassermenge gering ist. Das meiste Wasser wird für den Anbau von Nahrungsmitteln verwendet. Wenn also die Wirtschaft eines Landes gesund ist, besteht ein Potenzial zur Wassereinsparung durch erhöhte Nahrungsmittelimporte, obwohl jedes Land aus Sicherheitsgründen wohl auch einen gesicherten Nahrungsmittelvorrat haben möchte.
Die schlechte Nachricht ist, dass Wasser im Gegensatz zu Grund und Boden nicht einfach aufgeteilt werden kann. Wasser fließt an der Oberfläche und im Untergrund. Auf dieser Wanderung verändert es sich qualitativ und quantitativ und unterstützt verschiedene Ökosysteme. Außerdem verändert sich der Wasserbedarf mit der Zeit. Heute kommen nur ein paar Prozentpunkte des israelischen BNP aus der Landwirtschaft. Aus diesem Grund benötigt die Wirtschaft heute weniger Wasser als in früheren Zeiten. Genau der gleiche Übergang wird wahrscheinlich in Palästina stattfinden, obwohl er bis jetzt noch nicht eingetreten ist.
Nur wenige Israelis leugnen, dass die Palästinenser mehr Wasser brauchen. Ebenso besteht ein breiter Konsens darüber, dass ein Teil des momentan von Israel genutzten Wassers den Palästinensern zur Verfügung gestellt werden muss. Die aktuellen Verhandlungen werden sich zwangsläufig um Wasserrechte drehen, die auch nicht mehr allzu umstritten erscheinen. In den Gesprächen können verschiedene Mechanismen des Managementtransfers sowie auch gemeinsames Wassermanagement diskutiert werden.
Das sind überaus ergiebige Themen für Verhandlungen. Mit größter Wahrscheinlichkeit kann eine flexible und nachhaltige Formel gefunden werden, in der fast sicher auch eine Übergangsphase vorgesehen ist, die beiden Seiten eine Anpassung ermöglicht und auf ihre unterschiedlichen Systeme des Wassermanagements sowie auf die sich verändernden Bedingungen und Institutionen Rücksicht nimmt. Das Prinzip einer gerechten Aufteilung der Wasserressourcen, um den dringenden Bedarf Palästinas Rechnung zu tragen, sollte dabei als Ausgangspunkt dienen. Alles andere kann anschließend erarbeitet werden.
Gemeinsame Wassernutzung erfordert flexibles, beständiges und kooperatives Wassermanagement auf Grundlage vereinbarter Rechte und Pflichten sowie laufender Überwachung und Konfliktlösungsmechanismen. Ein wichtiger Punkt sollte noch hinzugefügt werden: Von entscheidender Bedeutung für ein erfolgreiches Wassermanagement werden die großzügige Beteiligung der öffentlichen Hand und Transparenz sowohl im Prozess als auch bei den Ergebnissen sein.
Wir glauben, dass ein Fortschritt im Friedensprozess und bei der Suche nach Lösungen für Fragen des Wassers zwischen Israel und Palästina auch dazu beitragen könnte, die Blockaden in der gesamten Region zwischen den Parteien am Jordan, dem Orontes, dem Tigris und dem Euphrat zu lösen. Wasser kann als Katalysator für die regionale Zusammenarbeit dienen und den Weg für eine zukünftige, umfassende „Wasser- und Energiegemeinschaft“ ebnen und für eine Aufwertung des menschlichen Lebensbereichs zu sorgen. In einem derartigen Forum könnten Wasser- und Solarenergie einen Beitrag leisten, den Nahen Osten von einer Region des Konflikts zu einer Region der Zusammenarbeit werden zu lassen.
Die Kosten der Untätigkeit oder vorgeblicher Aktivitäten werden im Nahen Osten für alle hoch sein. Eine zukünftige Wasserpolitik sollte nicht länger als Anhängsel der aktuellen Politik gesehen werden, sondern vielmehr als eine neue Chance. Wasser ist die Grundlage des Lebens. Die Menschen in Palästina und Israel brauchen es ebenso wie die Menschen in der gesamten Region. Der einzige Weg nach vorne ist Zusammenarbeit zur Sicherung dieser Ressource.
Václav Havel ist ehemaliger tschechischer Präsident, André Glucksmann ist französischer Philosoph, Frederik Willem de Klerk ist ehemaliger Präsident Südafrikas, Mike Moore ist ehemaliger Generaldirektor der Welthandelsorganisation, Yohei Sasakawa ist japanischer Philanthrop, Karel Schwarzenberg ist tschechischer Außenminister, George Soros ist Finanzier, El Hassan bin Talal ist Prinz von Jordanien, Desmond Mpilo Tutu ist Friedensnobelpreisträger, Richard von Weizsäcker ist ehemaliger deutscher Bundespräsident, Grigori Jawlinski ist russischer Politiker.
Copyright: Project Syndicate, 2008.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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