The World in Words
Den Begriff „Westen“ neu bestimmen
Vaclav Havel
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Sicherlich wird inzwischen eingesehen, dass der Westen dem Rest der Welt nicht nur viele wunderbare Leistungen gebracht hat, sondern auch weniger lobenswerte Werte. Sie führten zur gewaltsamen Zerstörung anderer Kulturen, zur Unterdrückung anderer Religionen und zur Fetischisierung eines grenzenlosen wirtschaftlichen Wachstums ohne auf die Folgewirkungen zu achten, die sich daraus ergaben. Allerdings ist unter den gegenwärtigen Bedingungen – besonders für uns, die wir bis vor kurzem noch zum Osten gezählt wurden – von entscheidender Bedeutung, dass der Westen grundlegende Prinzipien wie die Rechtsstaatlichkeit, die Achtung der Menschenrechte, ein demokratisches politisches System und wirtschaftliche Freiheit vertieft und weitergereicht hat. Auch wenn inzwischen viele andere Länder sich zu diesen Werten bekennen, gehören sie doch zu anderen geographischen Gebieten und können daher – und nur aus diesem rein äußerlichen Grund – nicht als Teil des Westens gelten.
Doch als Bürger eines ehemals kommunistischen Landes in Europa muss ich zugeben, dass ich mich manchmal sehr unbehaglich fühle, wenn ich die gebetsmühlenartig wiederholten Sprüche über unsere Anlehnung an den Westen höre, die Ausrichtung unserer Politik auf den Westen hin, die Verpflichtung westlicher Organisationen wie NATO und EU, uns so bald wie möglich den Beitritt anzubieten. Bei dieser Rhetorik schwingen oft Untertöne mit, die ich beunruhigend finde.
Mein Unbehagen erwächst aus dem uneingestandenen Urteil, das – wenigstens in unserer postkommunistischen Umgebung – die Begriffe „Westen“ und „Osten“ jedenfalls zum Teil einfärbt. Die sowjetische Herrschaft war sowohl in der UdSSR als auch bei ihren europäischen Satelliten von geistiger und physischer Unterdrückung, Gefühllosigkeit, Ignoranz, leerem Monumentalismus und einem allgemeinen Zustand von Rückständigkeit geprägt, der prahlerisch als fortschrittlich dargestellt wurde. Diese Züge standen so offenkundig zu Kultur und Wohlstand im demokratischen Westen im Widerspruch, dass wir dadurch unvermeidlich genötigt waren, den Westen als gut und den Osten als böse wahrzunehmen. Der Begriff „westlich“ wurde somit unvermeidlich gleichbedeutend mit Fortschritt, Kultur, Freiheit und Anstand; der Begriff „Osten“ wurde hingegen auf die Bedeutung von Unterentwicklung, autoritärer Herrschaft und allgegenwärtigem Unsinn eingeschränkt.
Natürlich haben uns das Ende der Zweiteilung der Welt und der Fortschritt unserer Zivilisation auf dem Weg, den man heute Globalisierung nennt, gezwungen, uns mit einer grundsätzlich neuen Denkweise über die künftige Weltordnung zu beschäftigen. Dabei wird die unterschwellige Vorstellung von „westlicher“ Überlegenheit und „östlicher“ Minderwertigkeit auf lange Sicht unerträglich. Kein einzelner geographischer und kultureller Bereich kann a priori und ein für allemal als besser gelten als irgend ein anderer, oder selbst sogar noch zum Prinzip erhoben werden.
In der Tag meine ich, der Begriff „Westen“ sollte allmählich wieder als ein nicht moralisch befrachtetes Wort gebraucht werden. Er sollte künftig nicht mehr und nicht weniger bezeichnen als einen klar umrissenen Bereich der zeitgenössischen Welt; eine Sphäre der Zivilisation neben anderen, eine, die von einer gemeinsamen Geschichte, Kultur, von gemeinsamen Wertmaßstäben, von einer besonderen Art von Verantwortungsbewusstsein und auch von ihren ganz eigenen, sehr spezifischen Bedenken und Sorgen geprägt wird. Das Gleiche sollte auch für den Begriff „Osten“ gelten, und zwar trotz aller offensichtlich tief verwurzelten Probleme, die ihn zur Zeit noch trüben.
Solange dem Bergriff „Osten“ eine herabsetzende Bedeutung anhaftet, dem Wort „Westen“ aber eine heraushebende, wird es sehr schwierig sein, eine neue Weltordnung auf der Grundlage von Gleichheit unter den verschiedenen Regionen zu errichten. Es ist kein Fehler, sich als Teil des Westens zu verstehen, und es gibt auch keinen Grund, sich nicht zu einer solchen Anlehnung zu bekennen.
Andererseits bedeutet die Tatsache, dass man zum Westen oder zu einem westlichen Land gehört auch nicht, dass man damit a priori schon den anderen überlegen ist. Das Gleiche sollte auch für alle anderen Bereiche der heutigen Welt gelten. Es gibt keinen Grund, sich der Zugehörigkeit zu irgend einem der Bereiche zu schämen. Die Achtung anderer Identitäten und die Überzeugung, dass sie alle gleichwertig sind, müssen die Anstrengung für eine Weltordnung begleiten, die sich auf wirklichen Frieden und Partnerschaft gründet, eine Weltordnung, die sich aus einem von allen geteilten Bekenntnis zu bestimmten, absolut grundlegenden moralischen und politischen Prinzipien speist.
Die Zeit der Herrschaft des weißen Mannes, des Europäers, des Amerikaners oder des Christen über den gesamten Globus ist vorüber. Wir treten jetzt in eine neue Ära ein, und es ist unsere Pflicht, einander zu respektieren und zugunsten aller zusammen zu arbeiten.
Václav Havel ist Präsident der Tschechischen Republik.
Copyright Project Syndicate 2012
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