Friday, October 31, 2014
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Ernten des Hungers

New York: Nahrungsmangel ist selten der Grund, warum Menschen hungern müssen. Selbst derzeit gibt es in der Welt angesichts einer Rekordernte in diesem Jahr ausreichend Lebensmittel. Nur kann eine wachsende Anzahl von Menschen sich die Lebensmittel, die sie brauchen, nicht leisten. Diese zunehmende Krise in Angriff zu nehmen, ist das Ziel der Globalen Konferenz zur Lebensmittelsicherheit vom 3.-5. Juni in Rom.

Selbst vor dem jüngsten steilen Anstieg der Lebensmittelpreise litten schätzungsweise eine Milliarde Menschen unter chronischem Hunger und weitere zwei Milliarden unter Mangelernährung – was die Gesamtzahl der Menschen ohne gesicherte Lebensmittelversorgung auf etwa drei Milliarden bringt, fast die Hälfte der Weltbevölkerung. Achtzehntausend Kinder sterben täglich an direkten oder indirekten Folgen von Mangelernährung. Und offensichtlich ist, dass die jüngsten Preisanstiege bei Lebensmitteln die Zahl der Hungerleidenden weiter in die Höhe treiben dürfte.

Es ist dringend erforderlich, die Finanzierung bestehender Lebensmittelhilfsprogramme aufzustocken, um der wachsenden Lebensmittelnachfrage zu begegnen, weitere soziale Unruhen zu vermeiden und sicherzustellen, dass die Bauern für die nächste Pflanzsaison benötigte kostenträchtigere landwirtschaftliche Inputfaktoren erhalten. Doch dürfen wir bei unserer Reaktion auf die aktuelle, durch den Anstieg der Lebensmittelpreise bedingte humanitäre Notlage nicht die längerfristigen Probleme aus den Augen verlieren, die in den letzten Jahrzehnten die Sicherheit der Lebensmittelversorgung untergraben haben. Es bedarf eindeutig dringend eines „New Deal“ bei der Lebensmittelsicherheit.

Die mit der grünen Revolution der 1960er Jahre verknüpfte, mit beträchtlicher Unterstützung durch Regierungen und gemeinnützige Organisationen erreichte starke Steigerung der Lebensmittelproduktion wurde in den 1980er Jahren von neuen politischen Prioritäten abgelöst. Und während sich die Lebensmittelzufuhr verlangsamte, wuchs der Bedarf weiter, und dies nicht nur aufgrund der Bevölkerungszunahme. Höhere Einkommen führten zu einer Zunahme des Fleischkonsums, der wiederum mehr Getreide als Viehfutter erfordert.

Seit den 1980er Jahren standen die Regierungen unter Druck, zur Erwirtschaftung ausländischer Devisen den Export zu fördern und Nahrungsmittel zu importieren. Aber man kann Nahrungsmittel nicht einfach als einen von vielen Rohstoffen behandeln; und Regierungen sollten die entsprechenden Strategien, Infrastrukturen und Einrichtungen entwickeln, um die Sicherheit der Lebensmittelversorgung auf nationaler oder regionaler Ebene zu gewährleisten (was nicht mit völliger Autarkie gleichzusetzen ist).

Das Problem ist, dass den Regierungen vieler Entwicklungsländer, nachdem sie die Sicherheit der Lebensmittelversorgung und die produktiven Sektoren ihrer Volkswirtschaften so lange vernachlässigt haben, nun die finanziellen Kapazitäten fehlen, um zur Steigerung der Lebensmittelproduktion und der landwirtschaftlichen Produktivität die öffentlichen Ausgaben zu erhöhen. Zusätzlich haben die wachsende Verstädterung und der durch andere Zwecke bedingte nichtlandwirtschaftliche Landverbrauch die für den Nahrungsmittelanbau zur Verfügung stehende Fläche reduziert, während Agrarland zunehmend zur Produktion sonstiger Rohstoffen, bei denen es sich nicht um Lebensmittel handelt – z.B. Biotreibstoffe –, genutzt wird.

Doch sollten wir die Biokraftstoffe, trotz der teilweise unzweifelhaft schwachen Politik der letzten Jahre, nicht vorschnell aufgeben. Einige Biokraftstoffe sind deutlich kosteneffektiver und energieeffizienter als andere, und unterschiedliche Biokraftstoffe weisen für den Nahrungsmittelanbau deutlich unterschiedliche Opportunitätskosten auf. (Bei Zucker etwa gab es keinen wesentlichen Preisanstieg.)

Ein weiteres Problem besteht darin, dass inzwischen eine zunehmend geringere Anzahl transnationaler Agro-Unternehmen Marketing, Produktion und Inputfaktoren kontrolliert. Dies erfolgt im Wesentlichen auf Kosten der Kleinbauern und Verbraucher, insbesondere der Armen. Darüber hinaus sind angesichts ausbleibender staatlicher Unterstützung ländliche Kredite inzwischen unerschwinglich.

Zusätzlich haben die vermehrte Verbriefung, die zunehmende Einfachheit des Onlinehandels und andere Entwicklungen an den Finanzmärkten in den letzten Jahren spekulativere Kapitalanlagen erleichtert, insbesondere auf den Termin- und Optionsmärkten für Rohstoffe einschließlich jener, die sich auf Lebensmittel auswirken. Fallende Kurse in anderen Finanzmarktsegmenten nach dem GAU bei den Subprime-Hypotheken in den USA sind möglicherweise eine wichtigere Erklärung für den jüngsten Anstieg der Lebensmittelpreise als Angebotsbeschränkungen oder andere, allmählichen Aufwärtstrends bei den Lebensmittelpreisen zugrunde liegende Faktoren.

Zweifellos haben auch die Agrarsubventionen und -zölle der reichen Länder die Lebensmittelproduktion in den Entwicklungsländern untergraben. Eine Senkung der Subventionen für die Bauern jedoch würde die Lebensmittelpreise zumindest kurzfristig in die Höhe treiben, während eine Senkung der Agrarzölle ohne zusätzliche unterstützende Maßnahmen nicht unbedingt einen Anstieg der Lebensmittelproduktion in den armen Ländern zur Folge hätte.

Einige Fürsprecher einer sicheren Lebensmittelversorgung haben die reichen Länder aufgefordert, stattdessen Entschädigung für die negativen Folgen ihrer Agrarsubventionen und ihres Protektionismus zu leisten, indem sie den Entwicklungsländern zusätzliche, sich auf die Produktionsbemühungen zur Sicherung der Lebensmittelversorgung konzentrierende Auslandshilfe zahlen. Um Katastrophen zu vermeiden, muss die Weltgemeinschaft außerdem die oben angesprochenen, in der gegenwärtigen Notlage dringend erforderlichen Lebensmittel- und Pflanzanforderungen erfüllen, einschließlich einer großzügigeren Budget- und Zahlungsbilanzunterstützung für einkommensschwache, Lebensmittel importierende Länder.

Und schließlich muss die internationale Gemeinschaft, während sich die Führer der Welt in Rom zusammenfinden, ein aussagekräftiges Bekenntnis zur Sicherheit der Lebensmittelversorgung herbeiführen, das nicht durch eine widersprüchliche Politik untergraben wird.

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