Friday, April 18, 2014
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Über Glück, Geld und die Erfüllung, es zu verschenken

Wären Sie glücklicher, wenn Sie mehr Geld hätten? Viele Menschen glauben, dass dem so wäre. Ergebnisse aus langjähriger Forschungsarbeit deuten allerdings darauf hin, dass größerer Wohlstand nur in den untersten Einkommensbereichen auch mehr Glück bedeutet. Die Menschen in den USA beispielsweise sind im Schnitt reicher als die Neuseeländer, aber sie sind nicht glücklicher. Noch drastischer im Vergleich: Menschen in Österreich, Frankreich, Japan und Deutschland scheinen um nichts glücklicher zu sein als die Einwohner ärmerer Länder wie Brasilien, Kolumbien und der Philippinen.

Vergleiche zwischen Ländern verschiedener Kulturen sind schwierig, aber der gleiche Effekt zeigt sich auch bei Vergleichen innerhalb eines Landes. Eine Ausnahme bildet dabei der unterste Einkommensbereich, in den USA also bei einem Verdienst von weniger als 12.000 Dollar jährlich. Über dieser Schwelle bedeutet eine Einkommenssteigerung keinen großen Unterschied im Glücksempfinden der Menschen. Die Amerikaner sind heutzutage reicher als in den 1950er Jahren, aber sie sind nicht glücklicher. Amerikaner mit einem mittleren Einkommen – also mit einem Familieneinkommen zwischen 50.000 und 90.000 Dollar jährlich – sind etwa gleich glücklich wie wohlhabende Amerikaner mit einem Familieneinkommen von über 90.000 Dollar jährlich.

In den meisten Studien über Glück werden die Teilnehmer einfach gefragt, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind. Derartigen Untersuchungen darf man allerdings kein allzu großes Vertrauen entgegenbringen, denn diese allgemeine Beurteilung der „Lebenszufriedenheit “ sagt womöglich nichts darüber aus, wie sehr die Menschen, die Art und Weise, wie sie ihre Zeit verbringen, wirklich genießen.

Mein Kollege an der Universität Princeton, Daniel Kahneman, hat gemeinsam mit anderen Forschern versucht, das subjektive Wohlbefinden der Menschen zu messen, indem er sie in regelmäßigen Abständen über den Tag verteilt über ihre Gemütsverfassungen befragte. In einem am 30. Juni im Magazin Science veröffentlichten Artikel kommen sie zu dem Ergebnis, dass es wenig Zusammenhang zwischen Einkommen und Glück gibt. Im Gegenteil: Kahneman und seine Kollegen fanden heraus, dass Menschen mit höherem Einkommen mehr Zeit mit Aktivitäten verbringen, die mit negativen Empfindungen wie Spannung und Stress verbunden sind. Anstatt sich Freizeitaktivitäten zu widmen, verbringen sie mehr Zeit bei der Arbeit und auf dem Weg von und zur Arbeit. Sie befanden sich öfter in Gemütszuständen, die sie als unversöhnlich, zornig, ängstlich oder angespannt beschrieben.

Natürlich ist die Erkenntnis, dass man Glück nicht kaufen kann, ein alter Hut. Viele Religionen lehren, dass uns eine zu starke Bindung an materielle Besitztümer unglücklich macht. Die Beatles erinnerten uns daran, dass man Liebe nicht kaufen kann. Sogar Adam Smith, der uns darauf hinwies, dass wir unser Essen nicht der Menschenfreundlichkeit, sondern dem Eigeninteresse des Fleischers verdanken, beschreibt die imaginierten Freuden des Reichtums als „eine Täuschung“ (wiewohl eine, „die den Fleiß der Menschheit anregt und ständig in Bewegung hält“).

Trotzdem hat die Sache etwas Paradoxes an sich. Warum legen alle Regierungen ihr Augenmerk auf die Steigerung des jährlichen Pro-Kopf-Einkommens? Warum jagen so viele von uns dem Geld nach, wenn es uns nicht glücklicher macht?

Vielleicht liegt die Antwort in dem Umstand, dass wir zweckbestimmte Wesen sind. Wir entwickelten uns aus unseren Vorfahren, die hart arbeiten mussten, um Nahrung und einen Partner zu finden und um Kinder aufzuziehen. In nomadischen Gesellschaften war es zwecklos, etwas zu besitzen, das man nicht transportieren konnte. Aber nachdem der Mensch sesshaft wurde und ein System der Geldwirtschaft entwickelte, verschwanden diese Beschränkungen der Besitzanhäufung.

Bis zu einer gewissen Summe dient die Anhäufung von Geld der Absicherung für magere Zeiten, aber heute ist daraus ein Selbstzweck geworden, ein Mittel, um seinen Status oder den Erfolg zu messen und ein Ziel, auf das man zurückgreifen kann, wenn man eigentlich keinen anderen Grund mehr hat, etwas zu tun, als dass man sich langweilen würde, wenn man nichts tut. Geldverdienen vermittelt uns das Gefühl, etwas Erstrebenswertes zu tun, zumindest so lange wir nicht allzu intensiv darüber nachdenken, warum wir es tun.

Denken wir nun im Lichte dieser Betrachtungen an das Leben des amerikanischen Investors Warren Buffet. 50 Jahre lang hat der heute 75-jährige Buffet an der Anhäufung seines riesigen Vermögens gearbeitet. Laut dem Magazin Forbes ist er hinter Bill Gates mit einem Vermögen von 42 Milliarden Dollar der zweitreichste Mann der Welt. Doch sein einfacher Lebensstil zeigt, dass ihm nicht viel daran liegt, große Summen auszugeben. Selbst bei einem aufwändigeren Lebensstil hätte er Schwierigkeiten, mehr als einen winzigen Teil seines Reichtums auszugeben.

Aus dieser Perspektive betrachtet können die Anstrengungen Buffets, immer noch mehr Geld anzuhäufen, nachdem er seine ersten Millionen in den 1960er Jahren verdiente, vollkommen zwecklos erscheinen. Ist Buffet also ein Opfer der von Adam Smith beschriebenen „Täuschung“, die Kahneman und seine Kollegen eingehender unter die Lupe nahmen?

Zufällig erschien Kahnemans Artikel in der gleichen Woche als Buffet die größte Spende für wohltätige Zwecke in der Geschichte der USA ankündigte – nämlich 30 Milliarden Dollar für die Stiftung von Bill und Melinda Gates und weitere 7 Milliarden Dollar für andere wohltätige Organisationen. Inflationsbereinigt sind sogar die Summen, die Andrew Carnegie und John D. Rockefeller stifteten kleiner.

Mit einem Schlag hat Buffet seinem Leben einen Zweck gegeben. Als Agnostiker war seine Stiftung auch nicht durch den Glauben an einen Vorteil in einem Leben danach motiviert. Was aber sagt uns Buffets Leben über das Wesen des Glücks?

Vielleicht, so würde man nach Kahnemans Forschungsergebnissen erwarten, verbrachte Buffet weniger Zeit seines Lebens in einer positiven Gemütsverfassung, als er es getan hätte, wenn er irgendwann in den 1960er Jahren mit der Arbeit aufgehört, von seinem Vermögen gelebt und mehr Bridge gespielt hätte. Aber in diesem Fall hätte er sicher nicht jene Zufriedenheit erlebt, die er jetzt zurecht bei dem Gedanken empfindet, dass seine harte Arbeit und seine bemerkenswerten Fähigkeiten in der Geldanlage, über die Gates-Stiftung nun dabei helfen, Krankheiten zu heilen, die den Milliarden der ärmsten Menschen Tod und Verderben bringen. Buffett erinnert uns, dass Glück mehr bedeutet, als nur gut drauf zu sein.

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