Stellen Sie sich vor, Ihr Nachbar – mit dem Sie schon lange in einen blutigen Streit verwickelt sind – nimmt eine Schusswaffe und schießt in Ihr Fenster. Er tut das von seinem Wohnzimmer aus, wo sich zahlreiche Frauen und Kinder aufhalten. Während der Nachbar versucht, Ihre Kinder zu treffen, sitzt seine eigene Tochter auf seinem Schoß. Er sagt, er wird nicht aufhören, bis Ihre Familie tot ist. Die Polizei ist nicht verfügbar. Was tun Sie?
Eine Möglichkeit besteht darin, nichts oder nur wenig zu tun. Damit versuchen Sie es eine Weile. Schließlich ist Ihr Nachbar arm und traumatisiert und Sie beide verbindet eine traurige und komplizierte Geschichte, an der Sie nicht ganz unschuldig sind.
Schließlich aber trifft ein Schuss das Kinderzimmer und Sie beschließen, dass es nun reicht. Sie nehmen Ihre weit überlegene Waffe zur Hand und probieren einen klinisch reinen Treffer. Sie zielen auf den Kopf des Angreifers und versuchen die Unschuldigen zu verschonen.
Im übertragenen Sinn tut Israel momentan genau das.
Allerdings haben das Blut und der Todeskampf, der sich in der letzten Woche in Gaza abspielte, nichts klinisch Reines an sich. So sehr sich Israel auch bemüht, nur militärische Ziele zu treffen, es werden doch immer wieder die Leichen von Zivilisten aus dem Schutt geborgen, denn ebenso wie im Haus unseres fiktiven Schützen bewohnen Militante und Zivilisten im Gazastreifen denselben städtischen Raum.
Gaza Stadt und Rafah sind dicht bevölkert und arm – und mehr als je zuvor werden sie auch als Armeelager benutzt. Kämpfer trainieren in der Nähe von Schulen und Raketen werden in den Kellern von Wohngebäuden gelagert. Jüngsten Berichten zufolge verstecken sich hochrangige Funktionäre der Hamas in Krankenhäusern. Über eine Million Palästinenser, die weder nach Ägypten noch nach Israel flüchten können, wurden über Jahre von einer Militärjunta regiert, deren oberste Priorität darin besteht, Israelis um jeden Preis und über internationale Grenzen hinweg zu töten.
Natürlich gerieten Zivilisten an vielen Kriegsschauplätzen von Troja bis Berlin immer wieder zwischen die Fronten. Aber kein Regime hat jemals seine Bürger so voller Absicht als Geiseln moderner Sensibilitäten instrumentalisiert, um auf der ganzen Welt Mitleid zu erregen. Obwohl die Theorien des gerechten Kriegs uns lehren, Zivilisten nicht zu schaden, haben die Hamas und ihr militärischer Arm bewusst entschieden, auf weltweite humanitäre Anliegen zu bauen und sicherzustellen, dass Israel so viele Zivilisten wie möglich trifft.
Auch wenn Israels aktueller Krieg gegen Gaza ein gerechter Krieg ist – und dafür sprechen die Bestrebungen nach begrenzter und „maßvoller“ Vergeltung, nachdem Israels einseitigem Rückzug aus Gaza acht Jahre des einseitigen Raketenbeschusses durch die Hamas folgten – so ist es dennoch auch ein sehr schmutziger Krieg. Zwischen palästinensischem Leid und Israels Souveränität, Sicherheit und normalem Leben herrscht ein betrübliches Nullsummenspiel.
Die meisten Israelis – selbst diejenigen, die hoffen, einst ein unabhängiges und prosperierendes Palästina zu erleben – sind sich einig, dass der Angriff auf die Hamas notwendig war. Viele andere würden eine israelische Bodenoffensive in Gaza nicht gutheißen. Premierminister Ehud Olmert hat es den Hilfskonvois zurecht gestattet, während der Kämpfe Nahrungsmittel und Medikamente nach Gaza zu bringen und mehrere verletzte Bürger Gazas werden in israelischen Krankenhäusern behandelt.
Vernünftigerweise möchte Israel ein international garantiertes und überwachtes Waffenstillstandsabkommen, das den Angriffen der Hamas auf israelisches Territorium ein Ende setzt. Aber nun da die weltweite öffentliche Meinung aus ihrem Feiertagsschlaf erwacht, wendet sie sich wahrscheinlich gegen Israel. Schließlich ist Israel der starke Mann, die frühere Besatzungsmacht und der bessere Schütze. Sein Bombardement Gazas ist nicht „verhältnismäßig“.
Tatsächlich herrscht hinsichtlich des Leidens keine Symmetrie auf den beiden Seiten der Grenze. Den Bewohnern Gazas geht es in jeder vorstellbaren Weise schlechter als den Israelis. Aber bedeutet dies, dass sich Israel weiter beschießen lassen soll? Oder sollte Israel „verhältnismäßig“ reagieren und über die nächsten Jahre täglich 10 bis 80 Raketen wahllos auf Wohnhäuser und Schulen in Gaza abschießen?
Die Israelis haben sich an Pauschalvorwürfe gewöhnt. Es sind diese Botschaften, die die Nation, die Linke und Rechte, in grimmiger Entschlossenheit vereint. Was, so fragen sich die Israelis, würden andere Länder tun? Wiegt das Leiden der Zivilbevölkerung des Feindes schwerer als die Souveränität Israels? Wiegt es schwerer als die reale, wenn auch weniger blutige Realität und die Angst hunderttausender Israelis über lange Jahre?
Olmert, Verteidigungsminister Ehud Barak und Außenministerin Zipi Livni haben ihre politischen Differenzen beiseite geschoben, um die Antwort zu koordinieren: Israel muss sich gegen die Raketen aus Gaza wehren.
Dennoch könnte sich die israelische Einigkeit als kurzlebig erweisen. Israel ist keine Nation, die immer mit einer Stimme spricht, sondern eine Demokratie, in der nächsten Februar Parlamentswahlen anstehen. Deshalb gehen die Diskussionen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Regierung weiter. Sollte sich die Kampagne gegen Gaza wie jene im Libanon entwickeln - mit einer humanitären Katastrophe oder anhaltendem Bombardement israelischer Zivilisten oder beidem - dann wird die Kritik innerhalb Israels laut und deutlich zu vernehmen sein.
Aber selbst die Gegner von Olmerts zweitem Krieg müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass die Hamas todbringend ist. Zum Schaden ihres eigenen Volkes lehnen ihre beiden Führer Haled Mash'al und Ismail Hanieh Frieden oder Kompromisse ab. Ebenso wie ihr Freund und Unterstützer, der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad, wollen sie Israel vernichten. So einfach ist das.
Ein Hoffnungsschimmer besteht darin, dass moderate arabische Spitzenpolitiker wie der ägyptische Außenminister der Hamas offen die Schuld für das aktuelle Dilemma in Gaza zuschreiben. Ägypten, Saudi Arabien und Jordanien sind bereit, ein Friedensabkommen zu vermitteln und die Palästinenser damit vielleicht vor ihrer schlimmstmöglichen Führung zu retten. Israel hat einen weiten Weg hinter sich gebracht, seitdem die arabische Welt sich vornahm, es zu vernichten. Zum ersten Mal gibt es prominente arabische Stimmen, die Israel nicht mit jenen pauschalen Schuldzuweisungen konfrontieren, mit denen manche westliche Kritiker noch immer achtlos um sich werfen.
Einstweilen sollte sich Israel um einen möglichst haltbaren Waffenstillstand bemühen, vorausgesetzt, die Hamas beendet den Beschuss aus ihrem eigenen Wohnzimmer. Aber nach den Wahlen im Februar muss sich der nächste israelische Regierungschef der gemäßigten arabischen Herausforderung stellen. Er oder sie muss direkte Gespräche mit der arabischen Liga aufnehmen, deren vorgeschlagener Friedensplan harte Verhandlungen von Seiten Israels erfordern wird. Aber das wäre ein vernünftiger Anfang, um zukünftige Kriege, einschließlich gerechter Kriege, zu verhindern. Man probiere es einfach aus.


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