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Islam and the World

Die fanatischen 1% des Islam

Muhammad Habash

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2005-12-22

Die Dominanz des konservativen Islam in Nahen Osten spiegelt eine grundlegende Realität innerhalb der muslimischen Gesellschaft wider. Man sollte diesen Konservatismus jedoch nicht mit gewalttätigem Radikalismus verwechseln, wie es unglücklicherweise aufseiten Amerikas geschehen ist. Der Konservatismus mag beim arabischen (und persischen) „Mann auf der Straße“ eine Mehrheit finden; dies bedeutet jedoch nicht, dass unvermeidlich Gewalt und Terrorismus die Region beherrschen werden.

Eine jüngst vom Zentrum für Islamische Studien in Damaskus veröffentlichte Studie verweist darauf, dass die Konservativen in den islamischen Gesellschaften des Nahen Ostens einen Bevölkerungsanteil von etwa 80% ausmachen. Die übrigen 20% setzen sich großteils aus Reformern zusammen. Die Radikalen können auf die Unterstützung von nicht mehr als 1% der Bevölkerung bauen. Aus meiner Sicht waren diese ungefähren Proportionen während der zehn Jahrhunderte islamischer Geschichte stabil.

Es hat sich eine islamische Terminologie herausgebildet, die diese Unterschiede beschreibt. Die Radikalen traten erstmals in Gestalt der „Khawarij“ auf, einer fanatischen Gruppe aus dem ersten Jahrhundert des Islam, die selbst geringfügige Meinungsunterschiede durch Blasphemievorwürfe und Gewalt unterdrückten. Die heutigen Konservativen werden unter Religionsgelehrten als „Menschen des Buchstabens“ bezeichnet – also als jene, die die islamischen Texte wörtlich auslegen. Die Reformer, wie sie heute genannt werden, entsprechen den „Menschen des Intellekts“.

Der Unterschied zwischen den muslimischen Konservativen und den Reformern lässt an zwei Dingen festmachen: ihrer Einstellung zur Möglichkeit persönlicher Urteile in Religionsfragen (in religiöser Hinsicht als „Ijtihad“ (selbstständige Rechtsfindung) bezeichnet) und ihrer Haltung gegenüber Nichtmuslimen.

Die Konservativen glauben, dass das offenbahrte Gesetz während der Ruhmeszeit des Islam abschließend geregelt wurde und seine individuelle Auslegung daher beschränkt sein sollte. Infolgedessen suchen sie nicht nach neuen Lösungen für die Probleme, die sich den Muslimen heute stellen. Banken und Versicherungsgesellschaften sind zu meiden, da diese der Theorie zufolge als wucherisch und daher als verboten gelten. Ebenso gilt es bei ihnen als Pflicht muslimischer Frauen, ihr Haupt zu bedecken.

Für die Konservativen basiert das islamische Gesetz auf dem Koran und den belegten Äußerungen und Taten des Propheten Mohammed (der Sunna) in der einstimmigen Auslegung anerkannter Gelehrter. Infolgedessen lehnen die Konservativen die Demokratie ab, da diese den Willen Gottes der öffentlichen Meinung unterwirft. Die ultimative Autorität innerhalb der Gesellschaft ist für sie Gottes Offenbarung gegenüber den Menschen.

Die Reformer andererseits argumentieren, dass die individuelle Entscheidung – selbstständige Rechtsfindung – zulässig und die Gesellschaft berechtigt sei, Entscheidungen auf der Grundlage aktueller Notwendigkeiten zu treffen, unabhängig von den Ansichten der Religionsgelehrten früherer Zeiten. Die Reformer vertreten darüber hinaus eine weiter gefasste Sicht des religiösen Rechts (Scharia) und binden hierin Vorstellungen vom öffentlichen Wohl innerhalb eines sich ständig fortschreitenden Prozesses rechtlicher Entwicklung ein.

Für die Reformer dienen Banken und Versicherungsgesellschaften daher dem gesellschaftlichen Wohl, und dies genießt für sie Vorrang gegenüber einer traditionellen Lesart religiöser Texte. Sie nehmen außerdem in Bezug auf Frauen eine liberalere Haltung in den Fragen der Kopfbedeckung sowie der politischen Teilhabe und der Durchführung von Reisen ein; dies sollte für sie jeweils individuell entschieden werden. Schließlich sehen die Reformer keinen Widerspruch zwischen der Demokratie und den Lehren des Islam, obgleich die Demokratie im Widerspruch zu einer Jahrhunderte alten Tradition steht, die bestimmte, wie die Muslime tatsächlich regiert wurden.

Was die Haltung gegenüber Nichtmuslimen (oder auch nicht praktizierenden Muslimen) angeht, so glauben die Konservativen, dass mit dem Aufkommen des Islam alle anderen Religionen ihre Bedeutung verloren hätten, während die Reformer der Ansicht sind, dass der Islam andere Religionen vervollständigt, aber nicht entwertet oder widerlegt. Die Konservativen berufen sich dabei auf Textstellen des Koran, während die Reformer argumentieren, dass der Koran sowohl das Alte wie das Neue Testament erwähnt und anerkennt.

In sofern verwerfen die Reformer das islamische Monopol auf Erlösung, Paradies oder die Wahrheit. Sie glauben, dass die Wege zu Gott und ins Paradies vielfältig sind. Die Konservativen andererseits sind in diesem Punkt unnachgiebig und glauben, dass es nur einen Weg hin zu Gott gibt und dass uns Erlösung allein durch Befolgung der Lehren des Islam zuteil wird.

Den Einsatz von Gewalt gegen Nichtmuslime unterstützen die Konservativen jedoch nicht. Im Gegenteil: Die rechtswissenschaftlichen Traditionen des islamischen Konservativismus verpflichten Muslime, Nichtmuslime gerecht zu behandeln. Konservative und Reformer sind sich also einig, dass die Rechte anderer zu achten und zu bewahren sind.

Obgleich die Radikalen nicht mehr als 1% der muslimischen Bevölkerung darstellen, basiert ihr Einfluss auf den zunehmenden Auswirkungen der von ihnen verübten Gewalttaten und ihrer vollständigen Ablehnung jeden Kompromisses. Die Radikalen lehnen Andersgläubige uneingeschränkt ab, und sie bestreiten Nichtmuslimen ihren Platz im Himmel und auf Erden. Aus dieser Sichtweise heraus betrachten sie sich zum Einsatz von Gewalt gegen Andersgläubige legitimiert, wobei es für sie irrelevant ist, ob es sich dabei um Christen, Juden oder selbst um andere Muslime handelt, die ihre Ansichten nicht teilen.

Diese Hinwendung zur Gewalt steht auf zwei Füßen: Ungerechtigkeit und einer Kultur der Radikalität. Wo eine Kultur der Radikalität vorherrscht, verleitet sie die Menschen zur Gewalt, und der Extremismus einer Kultur der Radikalität wird durch die vielen Unbilligkeiten und Missstände angeheizt, denen die Menschen im Nahen Osten ausgesetzt sind.

Unglücklicherweise hat sich der Irak zu einer Brutstätte des radikalen Islam entwickelt. Die Ursache hierfür ist die Brutalität, die das irakische Volk zunächst unter Saddam Hussein und nun von der Hand der Besatzungstruppen erlitten hat. Aber dieses Szenario ist nicht auf Muslime beschränkt: Jede Gesellschaft, in der die Menschenwürde verloren gegangen ist und die Menschenrechte nicht zählen, ist vom Radikalismus bedroht.

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AUTHOR INFO

Muhammad Habash, a member of the Syrian Parliament, is director of the Islamic Studies Center in Damascus.