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Griechenland muss raus aus dem Euro

NEW YORK: Die griechische Eurotragödie nähert sich ihrem letzten Akt: Es ist klar, dass Griechenland entweder dieses oder nächstes Jahr höchstwahrscheinlich insolvent sein und die Eurozone verlassen wird.

Auch wenn nach den Wahlen im Juni eine neue Regierung, die sich zu einer Variante der gleichen alten gescheiterten Politik (rezessionäre Austerität und Strukturreformen) bekennt, den Ausstieg hinausschiebt, lassen sich Wachstum und Konkurrenzfähigkeit so nicht wieder herstellen. Griechenland steckt in einem Teufelskreis von Insolvenz, verlorener Konkurrenzfähigkeit, Leistungsbilanzdefiziten und einer sich stetig verschlimmernden Depression. Der einzige Weg, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, besteht in der – von der Europäischen Zentralbank, der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds (der „Troika“) finanzierten – Einleitung einer geordneten Insolvenz und dem Ausstieg aus dem Euro, die die Kollateralschäden für Griechenland und die übrige Eurozone auf ein Minimum beschränken.

Der Schuldenschnitt im Rahmen des von der Troika überwachten Refinanzierungspakets für Griechenland war für das Land viel zu gering. Doch selbst bei einem deutlich größeren Erlass der griechischen Staatsschulden könnte Griechenland nicht wieder wachsen, wenn es nicht rasch seine Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellt. Und ohne Wachstum bleibt seine Schuldenlast untragbar. Alle Optionen jedoch, die eine Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit des Landes herbeiführen könnten, erfordern eine reale Währungsabwertung.

Die erste Option, eine deutliche Schwächung des Euro, ist unwahrscheinlich, da Deutschland stark ist und die EZB die Geldpolitik nicht in aggressiver Weise lockert. Eine schnelle Senkung der Lohnstückkosten durch Strukturreformen, die dafür sorgen, dass das Produktivitätswachstum die Lohnzuwächse übersteigt, ist genauso unwahrscheinlich. Deutschland hat zehn Jahre gebraucht, um seine Wettbewerbsfähigkeit auf diese Weise wiederherzustellen; Griechenland kann nicht ein Jahrzehnt in einer Depression verharren. Und auch eine rasche Preis- und Lohndeflation (auch als „interne Abwertung“ bezeichnet) würde zu einer fünf Jahre langen, sich stetig vertiefenden Depression führen.

Wenn also keine dieser drei Optionen praktikabel ist, bleibt nur der Austritt aus der Eurozone. Die Rückkehr zu einer nationalen Währung und eine steile Abwertung würden schnell wieder für Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum sorgen.

Natürlich wäre dies ein traumatischer Prozess, nicht nur für Griechenland. Das wichtigste Problem dabei wären die Kapitalverluste, die zentralen Finanzinstituten innerhalb der Eurozone entstünden. Die Auslandsschulden der griechischen Regierung, Banken und Unternehmen in Euro würden über Nacht in die Höhe schnellen. Aber diese Probleme sind lösbar. Argentinien hat es 2001 vorgemacht, als es seine Dollarschulden „pesofizierte“. Die USA taten 1933 Ähnliches, als sie den Dollar um 69% abwerteten und den Goldstandard aufgaben. Eine ähnliche Umstellung der griechischen Euroschulden auf die Drachme ist nötig und unvermeidlich.

Die Verluste, die die Banken der Eurozone erleiden würden, wären zu bewältigen, wenn die Banken ordnungsgemäß und aggressiv mit neuem Kapital ausgestattet würden. Um allerdings einen Zusammenbruch des griechischen Bankensystems nach dem Ausstieg zu vermeiden, wären vorrübergehende Maßnahmen wie die vorübergehende Schließung der Banken und Kapitalkontrollen erforderlich, um einen ungeordneten Sturm auf die Einlagen zu verhindern. Die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität/der Europäische Stabilitätsmechanismus (EFSF/ESM) sollten die erforderliche Rekapitalisierung der griechischen Banken mittels direkter Kapitalspritzen durchführen. Die europäischen Steuerzahler würden damit praktisch das griechische Bankensystem übernehmen, aber dies wäre eine Teilentschädigung für die den Gläubigern durch Umstellung auf die Drachme zugefügten Verluste.

Griechenland müsste zudem seine Staatsschuld erneut restrukturieren und verringern. Dabei bräuchte man den Nennwert der Forderungen der Troika gegenüber Griechenland nicht zu reduzieren, aber ihre Laufzeit müsste um ein Jahrzehnt verlängert und der Zinssatz verringert werden. Auch weitere Schuldenschnitte in Bezug auf die privaten Forderungen wären erforderlich, beginnend mit einem Moratorium auf Zinszahlungen.

Manche argumentieren, dass Griechenlands reales BIP bei einem Ausstiegsszenario viel niedriger ausfiele als bei einer mühsamen Phase der Deflation. Aber das ist ein logischer Fehlschluss: Selbst bei einer Deflation würde im Rahmen der realen Abwertung die Kaufkraft real abnehmen, und der Realwert der Schulden würde steigen (Schuldendeflation). Wichtiger noch: Ein Ausstieg würde über die nominale und reale Abwertung sofort wieder für Wachstum sorgen und eine jahrzehntelange Depression vermeiden. Und die der Eurozone durch Abwertung der Drachme erwachsenden Handelsverluste würden bescheiden ausfallen, da vom BIP der Eurozone nur 2% auf Griechenland entfallen.

Eine Wiedereinführung der Drachme ist mit der Gefahr einer Wechselkursabwertung über das zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit erforderliche Maß hinaus verbunden, was zu Inflation führen und den Gläubigern der auf die Drachme umgestellten Auslandsschulden größere Verluste zufügen würde. Um diese Gefahr zu mindern, sollten die gegenwärtig für den griechischen Bailout vorgesehenen Reserven der Troika verwendet werden, um Übertreibungen bei der Wechselkursentwicklung zu begrenzen. Kapitalkontrollen würden ebenfalls helfen.

Auch die Behauptung, die von einem Ausstieg Griechenlands ausgehende Ansteckung würde andere in die Krise ziehen, geht an der Realität vorbei. Andere Peripherieländer habenschon jetzt Probleme griechischen Stils, was die Tragbarkeit ihrer Schulden und die Verringerung ihrer Wettbewerbsfähigkeit angeht. Portugal etwa wird möglicherweise irgendwann seine Schulden umstrukturieren und den Euro verlassen müssen. Illiquide, aber potenziell solvente Volkswirtschaften wie Italien und Spanien werden Unterstützung aus Europa brauchen, ob Griechenland nun aus dem Euro austritt oder nicht; tatsächlich dürfte ohne derartige Liquiditätshilfen eine Flucht aus italienischen und spanischen Staatsanleihen einsetzen, die den befürchteten Zahlungsausfall dann unmittelbar herbeiführt.

Die erheblichen neuen offiziellen Ressourcen des IWF und des ESM – und die Liquidität der EZB – könnten dann Verwendung finden, um diese Länder und die Banken in anderen Teilen der notleidenden Peripherie der Eurozone zu schützen. Egal, was Griechenland tut: Die Banken der Eurozone müssen schnellstens mit frischem Kapital ausgestattet werden, was ein neues EU-weites Programm direkter Kapitalspritzen erfordert.

Die Erfahrung Islands und vieler Schwellenmärkte im Verlauf der letzten 20 Jahre zeigt, dass sich durch eine nominale Abwertung und geordnete Restrukturierung sowie eine Reduzierung der Auslandsschulden die Tragbarkeit der Schulden, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum wiederherstellen lassen. Wie in diesen Fällen wird auch der Austritt Griechenlands aus dem Euro mit erheblichen Kollateralschäden einhergehen, aber diese sind beherrschbar.

Wie bei gescheiterten Ehe ist es auch hier besser, Regeln für die unweigerliche Scheidung zu haben, die die Trennung für beide Seiten weniger kostspielig macht. Machen wir uns nichts vor: Ein geordneter Ausstieg Griechenlands aus dem Euro ist mit erheblichen ökonomischen Schmerzen verbunden. Doch dem langsamen, ungeordneten Einsturz der griechischen Volkswirtschaft und Gesellschaft zuzusehen, wäre viel schlimmer.

Aus dem Englischen von Jan Doolan