Saturday, October 25, 2014
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Auf Wiedersehen, „Globalisierung“

FLORENZ – Der Begriff „Globalisierung“ eroberte die Welt zunächst in den 1990er Jahren und erreichte den Höhepunkt seiner Popularität in den Jahren 2000 und 2001. Im Jahr 2001 enthielt Le Monde beispielsweise über 3500 Verweise auf die mondialisation. Doch dann fiel die Zahl beständig – bis 2006 um über 80 %. Seit Ausbruch der Finanzkrise 2007 ist der Gebrauch des Wortes in großen Zeitungen wie der New York Times und der Financial Times noch weiter zurückgegangen. Die Globalisierung ist auf dem Rückzug.

Eine kurze Geschichte des Ausdrucks und ein Vergleich mit einem anderen Begriff, der auch durch Überbeanspruchung in Misskredit geraten ist, können erklären, was geschehen ist.

Die beiden wichtigsten begrifflichen Innovationen des zwanzigsten Jahrhunderts, „Totalitarismus“ und „Globalisierung“, sind italienischen Ursprungs. Der erste Begriff kennzeichnete die turbulente Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, der letzte sein mildes Ende. Der „Totalitarismus“ löste sich 1989 endgültig auf, und die Globalisierung setzte sich durch.

Beide Begriffe waren ursprünglich kritische Ausdrücke, die die politischen Tendenzen, die sie beschrieben, untergraben und umstoßen sollten. Doch beide wurden ebenso häufig und enthusiastisch von den jeweiligen Befürwortern dieser Tendenzen benutzt.

Der Begriff „Totalitarismus“ nahm 1923 seinen Anfang als Kritik oder Parodie des liberalen Schriftstellers Giovanni Amendola auf die größenwahnsinnigen Bestrebungen des neuen Regimes von Benito Mussolini. Im Laufe weniger Jahre war er zur stolzen Selbstbezeichnung des italienischen Faschismus geworden, aufgegriffen von Mussolinis Bildungsminister Giovanni Gentile, der zum offiziellen Philosophen des Faschismus wurde, und dann eingearbeitet in einen Artikel in der Enzyklopädie des Faschismus, den Mussolini selbst mithilfe eines Ghostwriters verfasste.

Sowohl im feindseligen als auch im befürwortenden Gebrauch des Wortes sollte der Totalitarismus eine Bewegung beschreiben, die alle Aspekte des Lebens in einer einheitlichen Philosophie von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft umfasste. Die Faschisten sahen sich gerne als durchdrungen von absolutem Wissen und absoluter Macht.

Heute wissen wenige, woher der Ausdruck „Globalisierung“ stammt. Das Oxford English Dictionary gibt als früheste Referenz für seinen aktuellen Gebrauch einen akademischen Artikel von 1972 an. Das Wort war früher schon verwendet worden, allerdings mit einer ganz anderen Bedeutung. Es war ein diplomatischer Begriff, der die Verbindung zwischen unterschiedlichen Politikbereichen bezeichnete (z. B. wenn gleichzeitig über Finanz- und Sicherheitsfragen verhandelt wurde).

Die Etymologie des OED lässt die nichtenglische Herkunft des Begriffs außer Acht, die in der erfinderischen linguistischen Terminologie des studentischen Radikalismus Kontinentaleuropas zu finden ist. 1970 erschien in der linksradikalen italienischen Untergrundzeitschrift Sinistra Proletaria ein Artikel mit dem Titel „Der Prozess der Globalisierung der kapitalistischen Gesellschaft“, der IBM beschrieb, ein „Unternehmen, das sich als eine Gesamtheit präsentiert, all seine Aktivitäten dem Ziel des Profits unterordnet und alle Aktivitäten des Produktionsprozesses ‚globalisiert’.“ Da IBM dem Artikel zufolge in 14 Ländern produzierte und in 109 verkaufte, „schließt es die Globalisierung (mondializzazione) des kapitalistischen Imperialismus ein.“ Diese obskure linke Veröffentlichung ist die erste bekannte Bezugnahme auf die Globalisierung in ihrer heutigen Bedeutung.

Seitdem hat der Begriff eine Berg- und Talfahrt erlebt. In den 1990er Jahren kam er zunehmend in Mode, meistens jedoch als Schimpfwort. In den späten 1990ern und frühen 2000ern wurden die Welthandelsorganisation, der Internationale Währungsfonds, das Weltwirtschaftsforum und McDonald’s zur Zielscheibe von Antiglobalisierungsdemonstrationen. Die Globalisierung wurde in dieser Zeit – wie in der Vision der italienischen Linken aus den 1960ern – als Ausbeutung der Armen der Welt durch eine plutokratische und technokratische Elite angesehen.

In den 2000ern begann sich die Bedeutung der Globalisierung jedoch zu verschieben und der Begriff bekam langsam eine halbwegs positive Note, was zum großen Teil darauf zurückzuführen war, dass es so aussah, als zählten viele schnell wachsende Schwellenländer zu den Hauptgewinnern der Globalisierung. Tatsächlich wurden Länder, die zuvor als „unterentwickelt“ oder „Dritte Welt“ bezeichnet worden waren, zu globalen Hegemonialstaaten im Anfangsstadium. Zudem sahen viele ehemalige Kritiker in der globalen Verbundenheit nun eine Möglichkeit, globale Probleme wie den Klimawandel, die Wirtschaftskrise und die Armut zu lösen.

Historiker haben angefangen, die Globalisierung rückwärts zu projizieren. Sie wird nicht mehr nur als die Geschichte der vom Kapitalmarkt vorangetriebenen Integration der letzten beiden Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts angesehen oder auch als eine „frühe Welle der Globalisierung“ im neunzehnten Jahrhundert, als der Goldstandard und das transatlantische Telegramm die Welt zu vereinen schienen. Stattdessen umfasst das allgemeinere und tiefgreifendere historische Bild der Globalisierung das Römische Reich und die Song-Dynastie und geht bis zur globalen Ausbreitung der Spezies Mensch von den gemeinsamen afrikanischen Ursprüngen zurück.

Die Begriffe, mit denen wir komplexe politische und gesellschaftliche Phänomene und Prozesse beschreiben, weisen merkwürdige Mehrdeutigkeiten auf. Einige Ausdrücke, die als Kritik gedacht sind, werden schnell ins Positive verkehrt.

Bis 2011 hatte die Antiglobalisierungsrhetorik in weiten Teilen nachgelassen, und die Globalisierung wird als etwas betrachtet, das weder bekämpft noch bejubelt werden müsste, stattdessen sieht man sie als fundamentales Merkmal der menschlichen Geschichte an, in der unterschiedlichste geografische Gegenden und mannigfaltige Themen unentwirrbar miteinander verflochten sind. Kurz: Die Globalisierung hat ihren polemischen Biss verloren, und mit diesem Verlust ist ihre Anziehungskraft als Begriff verblasst.

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  1. CommentedScott Wolfel

    It seems the Neo-Marxists use of it as part of the Neo-Imperialist rhetoric have also fallen out of favor as emerging markets have rapidly developed based on integration in global supply chains and markets. The term third world has also fallen into the dustbin of history.

    It seems now that globalization may be making something of a comeback on the left in blaming developing countries, particularly China, for the decline of working class jobs in the developed world. While the term wasn't directly used, this was a major sub-theme of President Obama's re-election campaign, painting Mitt Romney as the Darth Vader of this process. (ie: "outsourcing" and "offshoring," etc.)

    Since free trade and globalization took on positive conotations with the Neo-Liberal resurgence going back to Reagan and Thatcher, it's difficult to flip the charge, but this is one of the underlying sub-themes on the left since the financial crisis. Another leg down and xenophobia and autarky could again raise its ugly head with globalization and the "other" being the cause of our problems. The ingredients are already there with the rise of terms like "corporatism" and the blaming of greedy capitalists on the far left. The worm doesn't need to turn much further to revert to the Neo-Imperialist playbook, perhaps in reverse.

    As noted, it is the polemical use of the terms as part of a political economic ideology that tends to give them their charge as coda, or memes, for extremist ideologies of left and right. While globalization may be dorment for now, a whole range of polemics and coda have emerged since the financial crisis as a basis of the rhetoric and ideology of scapegoating and blame.

    5 years into the financial crisis, core coalitions of both left and right remain under pressure from ideological extremists of their flanks who are grasping for, and using, the emotionally charged rhetoric and ideology of scapegoating and blame to unify their bases and define the "enemy." Perhaps globalization has fallen out of favor because it doesn't personify the "enemy" like "1%ers" and "greedy capitalists," but the sentiment is surely there in the shadows as these antagonists exported "our" jobs to China. As the crisis/anemic "recovery" drags on, or if there is another leg down, this rhetoric and the polemics will become more vociferous and globalization in its original sense is waiting on the shelf as an explanation of the cultural hegemony of the plutocrats first outlined by Italian MarxistAntonio Gramsci in his "Prison Notebooks."

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