Wednesday, April 23, 2014
Exit from comment view mode. Click to hide this space
7

Die Globalisierung der NATO

PRINCETON – Nächste Woche kommen die 28 Mitglieder der NATO in Chicago auf ihrem jährlichen Gipfeltreffen zusammen. 62 Jahre nach der Unterzeichnung des Nordatlantikpakts, in dem sich die Vereinigten Staaten, Kanada und zehn europäische Staaten verpflichtet haben, den Angriff auf einen als Angriff auf alle zu sehen, wandelt sich die NATO in eine globale Sicherheitsorganisation des 21. Jahrhunderts. Dies wird zu einer sichereren Welt führen.

1949 zerfiel die Welt neben einer großen “neutralen Bewegung” rasch in zwei politisch-militärische Blöcke, in Ost und West. Die NATO stand dem Warschauer Pakt gegenüber, der 1955 von der Sowjetunion und ihren Verbündeten gegründet worden war. In beiden Blöcken gruppierten sich jeweils kleinere Staaten um die Supermächte herum. Innerhalb der jeweiligen Blöcke gab es für kleinere Gruppen von Mitgliedern keine Flexibilität, Ressourcen der Allianz zu nutzen.

Heute entwickelt sich die NATO, wie es ihr Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sagt, zum “Kern eines Netzwerks von Sicherheitspartnerschaften und zu einem Beratungszentrum für globale Sicherheitsfragen.” Sie ist eine “weltweit verbundene Institution” mit über 40 einzelnen Partnerländern und wachsenden Verbindungen zu anderen internationalen Organisationen.

Zu den Partnern gehören tatsächlich alle europäischen Nicht-NATO-Länder wie Österreich, die Schweiz, Finnland und Schweden sowie mögliche Mitglieder und an einer Mitgliedschaft interessierte Länder wie Bosnien, Serbien, Mazedonien, die Ukraine, Weißrussland und sogar Russland. So gut wie alle zentralasiatischen Länder – von Turkmenistan über Kasachstan bis hin zu Armenien, Aserbeidschan, Afghanistan und Pakistan – sind Partner, ebenso ganz Nordafrika von Marokko bis Ägypten sowie Israel, Jordanien, der Irak, Bahrain, Katar, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate. Im pazifischen Raum gehören schließlich Japan, Südkorea, Australien, Neuseeland und die Mongolei zu den Partnerländern.

Auf der organisatorischen Seite pflegt die NATO nach eigener Aussage “enge Arbeitsbeziehungen” mit den Vereinten Nationen, der Europäischen Union und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Außerdem arbeitet sie regelmäßig mit der Afrikanischen Union, dem Internationalen Roten Kreuz, der Internationalen Organisation für Migration, der Weltbank, der Internationalen Zivilluftfahrt-Organisation und der Organisation für das Verbot chemischer Waffen zusammen.

Wenn man von der NATO aus Verbindungen zu all diesen unterschiedlichen Ländern und Organisationen zeichnet, erhält man ein Sicherheitsnetzwerk mit zahlreichen Zentren und Clustern – ähnlich einer Karte des Internet oder von Planeten und Galaxien. Diese Welt ist nicht mehr unipolar, bipolar oder gar multipolar, da die entscheidenden Akteure nicht einzelne Staaten sind, sondern Gruppen von Staaten, die mehr oder weniger stark verbunden sind. Es ist ein Netzwerk mit vielen Knotenpunkten, die aus regionalen Organisationen unterschiedlicher Größe und Stärke bestehen.

Dieser strukturelle Wandel hat enorme praktische Bedeutung. Zunächst bedeutet er, dass nicht nur die Militärressourcen der NATO, sondern auch ihr Humankapital und ihre konkrete Erfahrung im Kampf gegen unterschiedlichste Bedrohungen global verfügbar sind. Die NATO hat ein umfassendes Zentrum für Krisen- und Einsatzmanagement gegründet, das zivile und militärische Kenntnisse und Fähigkeiten für Krisenidentifikation, Planung, Einsätze, Wiederaufbau und Stabilisierung so zusammenbringt, dass sie ausdrücklich die NATO-Hauptquartiere in Europa mit der “vernetzten Welt” verbinden.

Zweitens entwickelt sich die eigene Identität der NATO zunehmend hin zu einer Allianz, die nicht nur Machtausübung zum Ziel hat, sondern auch Ressourcen zur Unterstützung und Partnerschaft bereitstellt. Die NATO ist nicht mehr nur der Hammer, sondern ein ganzer Werkzeugkasten von Sicherheitsoptionen. Zu diesen Optionen gehört die Entwicklung von Netzwerken gegen Sicherheitsbedrohungen wie Terrorismus und Verbreitung von nuklearem, chemischem oder biologischem Material sowie gegen hochdezentralisierte Bedrohungen wie z.B. Piraterie. So kann die NATO im Krisenfall, wie beispielsweise beim Krieg in Osttimor 1999 oder dem politischen Patt in der Elfenbeinküste im letzten Jahr alle Länder oder Ländergruppen unterstützen, die die Führung eines UN-Mandats übernehmen möchten.

Auch die NATO-Mitglieder selbst können flexibler auf die gemeinsamen Aktivposten der Allianz zugreifen. Sogar Skeptiker der NATO-Erweiterung und Kritiker von Interventionen wie in Libyen erkennen heute, dass gemeinsame Operationen von Mitgliedsländern, die zusammen mit regionalen Partnern unter UN-Mandat agieren, wahrscheinlich das Modell der Zukunft sind. Wie General Brent Scowcroft, nationaler Sicherheitsberater unter Präsident George H.W. Bush, kürzlich bemerkte, sah die UN-Charta ursprünglich eine ständige Militärmacht zur Durchsetzung von Resolutionen des Sicherheitsrats vor – eine Vision, die durch das NATO-Partnermodell letztlich verwirklicht werden könnte.

Die Macht in einem Netzwerk stammt aus der Verbundenheit, oder aus dem, was Netzwerktheoretiker “Zentralität” nennen. Das mächtigste Mitglied eines Netzwerks ist der Knoten, der die meisten Verbindungen zu anderen hat, was bedeutet, dass ein Knoten seine Macht nicht nur durch direktes Hinzufügen von Verbindungen steigern kann, sondern auch durch die Anerkennung der Verbindungen zwischen Knoten in seiner Nähe.

Anders ausgedrückt, kann die USA ihre eigene Macht sowohl durch Verbindungen zu anderen NATO-Mitgliedern (und durch die nachfolgende Förderung von Verbindungen der NATO zu so vielen Ländern und Organisationen wie möglich) vergrößern, als auch durch die Stärkung der Verbundenheit dieser anderen Länder und Organisationen untereinander. Wenn die NATO sich beispielsweise mit der Afrikanischen Union verbindet und deren Verbundenheit stärkt, rücken sowohl die NATO als auch die AU weiter ins Zentrum des Netzwerks und erlangen so mehr Macht, Einfluss auszuüben und Ressourcen zu mobilisieren.

Die Logik von Zentralität als Machtquelle führt zu einem positiven Kreislauf, in dem Mitglieder eines Netzwerks Vorteile erlangen, indem sie mehr Mitglieder integrieren und sich stärker mit ihnen verbinden. Genau dies ist die Logik, die hinter der Wandlung der NATO steckt.

Das Hauptthema auf der Tagesordnung in Chicago nächste Woche wird der Abzug der NATO-Kräfte aus Afghanistan sein. Aber das langfristige Ziel besteht darin, so viele Länder wie möglich zum Anschluss an das globale NATO-Sicherheitsnetzwerk zu bewegen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Exit from comment view mode. Click to hide this space
Hide Comments Hide Comments Read Comments (7)

Please login or register to post a comment

  1. CommentedC. Alexander Olteanu

    As usual, AMS hits the nail right on the head. NATO must reinvent itself as the democratically-legitimate global security network capable of replacing, for the first time in history, the need for a dominant hegemon capable of maintaining order with a global institution representing shared human values of equal dignity, human rights, and ability to participate in shaping one's own future. Such a NATO would be complementary, not competing, with other organisations such as the EU, NAFTA and the UN (itself badly in need of reinvention).

  2. CommentedKeshav Prasad Bhattarai

    Yes it makes a sense why does the World need NATO now.
    Anne-Marie Slaughter seems quite right, when she says “the actors that matter are not single states but groups of states that are more or less densely connected”. Working as a “multi-hub security network, in which the hubs are regional organizations of different sizes and strengths” NATO can prove its justification in a new and completely changed scenario than at the time it was established.
    When Richard N Haass wrote: “If NATO didn’t exist today, would anyone feel compelled to create it? The honest, if awkward, answer is no.” it created one kind of sensation. Then there came three heavyweights defending NATO - one a former U.S. secretary of Defense, another former U.S. ambassador to NATO and a former U.K. Minister of Defense and Secretary General of NATO -William S. Cohen, Nicholas Burns, and George Robertson in their joint article –“NATO on the Brink” published in July last year strongly responded “Yes, we would.” They admitted NATO desperately needs reform and America cannot live in isolation without allies “in a dangerous, complex and highly integrated 21st century” and said U.S. would have been a much weaker power without NATO.
    And now Anne-Marie Slaughter has brought a new idea along with General Brent Scowcroft, who has envisioned NATO in changed context as “a standing military force to enforce Security Council resolutions”. Could Anne – Marie or General Brent Scowcroft develop a complete framework for giving NATO this role?

Featured