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Vormarsch der Globalisierung

LONDON: Bei einem Symposium in der Financial Times zu den Aussichten der Globalisierung in 2011 bemerkte kürzlich der Kolumnist Gideon Rachman: „Als Barack Obama jüngst Indien besuchte, warnte der US-Präsident seine Gastgeber, dass die Debatte über die Globalisierung im Westen neu eröffnet sei“ und dass sich „in den hoch entwickelten Volkswirtschaften ... eine wachsende Gegenbewegung ... herausbilde“.

Doch Rachmans Schwarzseherei ist fehl am Platz. Die Furcht im Westen vor der Globalisierung ist nichts Neues. Ausdrucksgewandte Intellektuelle, aber auch Gruppen wie Gewerkschaften und Umweltschutzorganisationen geben in den hoch entwickelten Volkswirtschaften seit mindestens einem Vierteljahrhundert globalisierungsfeindlichen Ängsten und Stimmungen eine Stimme.

Historisch gesehen begann die Angst vor der Globalisierung freilich im Osten, nicht im Westen. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute der Westen Handelsschranken und Barrieren gegen Investitionsströme ab, bemühte sich, Devisenkontrollen zu beseitigen, und arbeitete auf eine Konvertibilität der Währungen hin. Auf der Tagesordnung stand, was manchmal als die „liberale Weltwirtschaftsordnung“ bezeichnet wurde, und auch die öffentliche Meinung nahm diese begeistert an.

Im Gegensatz dazu machte sich der Osten im Allgemeinen die ängstliche Ansicht zu Eigen, dass, wie der chilenische Soziologe Oswaldo Sunkel es formulierte, die Integration in die Weltwirtschaft zum Zerfall der nationalen Volkswirtschaft führen würde. Viele Intellektuelle teilten diese düstere, globalisierungsfeindliche Vision, und die Politiker in einem großen Teil der östlichen Welt sahen die Dinge nicht viel anders.

Tatsächlich akzeptierte der Westen die Sichtweise, dass die Globalisierung (wie beim Handel) zu gegenseitigen Vorteilen führen würde, und übernahm, was ich 1997 als die Vorstellung „wohlwollender Untätigkeit“ bezeichnete. Im Falle ausländischer Investitionen und Hilfsströme ging der Westen noch weiter; er betrachtete diese als altruistisch motiviert – auf „wohlmeinender Absicht“ beruhend –, während der Osten meinte, in einer Welt armer und reicher Nationen impliziere die Globalisierung „bösartige Auswirkungen“. In einigen Analysen verwandelten sich diese bösartigen Auswirkungen in eine finsterere „bösartige Absicht“; Auslandshilfen wurden daher als Komplott betrachtet, um die armen Nationen in einer neokolonialen Umklammerung gefangen zu halten.

Als nächstes passierte etwas, was ich als „ironische Verkehrung“ bezeichnet habe. Als die Vorteile der Globalisierung offenkundig und zugleich die durch die Autarkiepolitik verursachten Schäden deutlich wurden, erkannten die Politiker im Osten, dass ihre globalisierungsfeindliche Haltung ein Fehler gewesen war.

Aber nun verlagerte sich die Angst vor der Globalisierung in den Westen. Der Osten hatte befürchtet, dass er keine Vorteile aus dem Handel mit dem Westen würde ziehen können, der eine überlegene Infrastruktur und bessere Personalressourcen hatte; nun fürchtete der Westen, dass er beim Handel mit dem Osten mit seinen vielen billigen Arbeitskräften schlecht wegkommen würde. Man führte die anhaltende Stagnation bei den Löhnen ungelernter Arbeiter auf die billigen, arbeitsintensiven Importe zurück, vergaß dabei jedoch die Begleiterscheinung, dass der Konsum der arbeitsintensiven asiatischen Waren durch die westlichen Arbeiter die Auswirkungen auf die Reallöhne ausglich.

Oder ein anderes Beispiel: Der Osten sorgte sich um eine Abschöpfung von Fachkräften – einen „Brain Drain“ – durch den Westen, wo die beruflichen Chancen besser schienen. Heute erleben wir im Westen den globalisierungsfeindlichen Widerstand von Mitgliedern bestimmter Berufsgruppen, die Angst haben, ihre Arbeitsplätze an die ausländische Konkurrenz zu verlieren.

Rudyard Kipling schrieb einst in seinem Gedicht „Die Ballade von Ost und West“: „Oh, Ost ist Ost, und West ist West, und niemals treffen sich die beiden.“ Angesichts der ironischen Verkehrung der Globalisierungsängste hat Kipling bisher Recht behalten: Bisher jedenfalls haben Ost und West noch nicht zueinander gefunden.

Die gegenwärtige Krise hat die derzeit im Westen ablaufende Globalisierungsdebatte nicht hervorgerufen; sie hat sie nur etwas deutlicher zutage treten lassen. Zugleich jedoch könnte die Krise die Ergebnisse westlicher Politik zugunsten der Globalisierung beeinflussen. So hat es etwa beim Handel ein bemerkenswertes – und weitgehend erfolgreiches – Engagement gegeben, größere Rückfälle in den Protektionismus zu vermeiden. Mehr noch: Die Führer der G20 verweisen weiterhin auf die Notwendigkeit, die Doha-Runde multilateraler Verhandlungen zur Liberalisierung des Handels zum Abschluss zu bringen.

Zugleich gibt es Initiativen wie z.B. die Einrichtung einer gemeinsam vom früheren GATT- und WTO-Generaldirektor Peter Sutherland und mir selbst geleiteten hochrangigen Expertengruppe zum Handel durch die Regierungen Großbritanniens, Deutschlands, Indonesiens und der Türkei. Die vier Regierungen werden auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos einen Bericht vorlegen, wie sich die Doha-Runde in diesem Jahr zum Abschluss bringen ließe.

Anders ausgedrückt: Noch könnte sich erweisen, dass Kipling Unrecht hatte. Eine Wende im Westen ist möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich. Die aktuelle Krise könnte so ganz zufällig einen globalisierungsfreundlichen Konsens herbeiführen, der den Osten und den Westen umfasst.

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