Saturday, October 25, 2014
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Globale Ungleichgewichte und Ungleichheit im Inland

WASHINGTON, DC – Trotz jahrelanger offizieller Gespräche über Lösungsmöglichkeiten für die globalen Leistungsbilanzungleichgewichte blieben diese weltweit eines der Hauptprobleme des Jahres 2011. Waren die globalen Ungleichgewichte auch allgemein kleiner als vor der Krise, so sind sie doch nicht völlig verschwunden. Momentan steigen einige von ihnen wieder, ebenso wie die Ungleichheit in vielen Ländern. Dieser Zusammenhang ist kein Zufall.

Oft hört man Rufe nach globaler Umschichtung, bei der Entwicklungsländer mit Zahlungsüberschüssen – unter denen China am meisten erwähnt wird – ihre interne Nachfrage stimulieren, damit Industrieländer (darunter die Vereinigten Staaten) ihre Defizite und öffentlichen Schulden verringern können, ohne die Erholung ihrer Wirtschaft zu gefährden. Die Verringerung der ausländischen Nettonachfrage durch Verringerung der Zahlungsbilanzüberschüsse würde die durch gestraffte Haushaltspolitik verursachte Schwächung der öffentlichen Nachfrage in den USA und anderen hoch verschuldeten Ländern teilweise aufheben.

Das Thema sollten jedoch nicht nur auf Leistungsbilanzdefizite in Industrieländern und Überschüsse in Entwicklungsländern beschränkt werden. Viele Entwicklungsländer – darunter Indien, Südafrika, Brasilien und die Türkei – weisen Leistungsbilanzdefizite auf. Auch gibt es viele Industrieländer mit einem Leistungsbilanzüberschuss: Deutschland ist seit dem Beginn der Eurokrise ein bekanntes Beispiel, aber auch Japan, die Niederlande, Norwegen und Schweden verfügen über Überschüsse.

Während die globale Neuorientierung also eine Verringerung der Überschüsse erfordert, geht es nicht lediglich darum, die Überschüsse der Entwicklungsländer abzubauen, um dadurch die Defizite der Industrieländer entsprechend zu verkleinern. Mit Beginn des Jahres 2012 könnte ein Abbau in Deutschland wichtiger sein als in China, da die Reduzierung der deutschen Überschüsse sofortige Vorteile für Europa und die dortigen großen Risiken für die weltweite Erholung bringen würde.

Darüber hinaus unterliegt der chinesische Renminbi einer ziemlich großen realen Aufwertung, da die Inflation in China stärker steigt als in den USA oder in der Eurozone. Tatsächlich verliert der “deutsche” Euro trotz des großen deutschen Überschusses an Wert, da er auch die Währung der angeschlagenen südeuropäischen Staaten ist.

Die chinesischen und deutschen Leistungsbilanzüberschüsse werden richtigerweise als Hindernis für eine Erholung betrachtet, da sie die potenzielle weltweite effektive Nachfrage verringern und global gesehen zu einem Überschuss der “geplanten Ersparnisse” gegenüber der “geplanten Investitionen” führen – ein Rezept für Rezessionsdruck. Aber die zunehmende Konzentration von Einkommen und Reichtum innerhalb vieler Länder, an erster Stelle in den USA, sollte ähnliche “keynesianische” Ängste schüren.

Zunehmende Konzentration von Einkommen und Reichtum kann teilweise analog zu “externen” Leistungsbilanzdefiziten als “internes” Ungleichgewicht betrachtet werden, da die Gruppen mit dem höchsten Einkommen tendenziell einen viel höheren Anteil ihrer Einkünfte sparen. Weitere Einkommensverschiebungen zugunsten der Großverdiener würden zu allgemein höheren Ersparnissen führen, die durch höhere Investitionen, höhere Nettoexporte oder höhere Ausgaben der öffentlichen Hand kompensiert werden müssten, um Rezessionsdruck zu verhindern.

Während sich das Ausmaß der Ungleichheit weltweit stark unterscheidet, scheint die Tendenz der Konzentration am oberen Einkommensende überall sichtbar zu sein, und es sind Änderungen in der Konzentration, die zu Änderungen der geplanten Ersparnisse führen. Wo auch immer der Trend zur Einkommenskonzentration zunimmt, führt dies tendenziell zu Deflationsdruck.

Natürlich kann dieser Tendenz durch andere Faktoren wie beispielsweise politische Vorgaben entgegen gewirkt werden. In den USA wurden die höheren Ersparnisse an der Einkommensspitze vor der Krise durch niedrige Zinsen und schuldenfinanziertem Konsum unterer Einkommensgruppen kompensiert, unterstützt durch Regierungspolitik und Maßnahmen des Finanzsektors. Daher wiesen die USA trotz Einkommenskonzentration auf Rekordniveau ein großes Leistungsbilanzdefizit auf. In China sorgten die Nettoexporte und hohe durch die Regierung unterstützte Investitionen für fortlaufende Expansion. Auch in Deutschland stiegen die Nettoexporte.

Trotzdem führen Verschiebungen der Einkommens hin zu Gruppen mit hoher Sparneigung und zunehmende Leistungsbilanzüberschüsse zu vergleichbaren Erstrundeneffekte auf die weltweiten Gesamtersparnisse. Natürlich beschränkt sich die Ähnlichkeit auf die Erstrundeneffekte. Danach hängt vieles davon ab, ob eine Steigerung eines Leistungsbilanzüberschusses zu mehr Reservenbildung oder zu mehr Auslandsdirektinvestitionen führt, wie unterschiedliche Einkommensgruppen ihre Ausgaben zwischen Importen oder Inlandsgütern verteilen und welche makroökonomische Politik verfolgt wird.

Eine umfassende Betrachtung der Ungleichgewichte muss für die verschiedenen Länder die Neigung zu Ausgaben für Importe bzw. Inlandsgüter berücksichtigen, ebenso wie das Verhältnis zwischen öffentlichen und privaten Ersparnissen. Darüber hinaus ist es nötig, unsere Besorgnis über “globale Ungleichgewichte” durch eine Analyse zu ergänzen, wie zunehmende Einkommenskonzentration zu entsprechend großen “internen Ungleichgewichten” und Rezessionsdruck führen kann.

Diese Ungleichgewichte sind miteinander verbunden und bedrohen ein schnelles und nachhaltiges Wachstum. Globale Ungleichgewichte und wachsende inländische Ungleichheit müssen gemeinsam analysiert und diskutiert werden. Nur dann können sie wirksam angegangen werden.

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  1. CommentedProcyon Mukherjee

    Internal imbalances are as debilitating as the external ones are only to the extent that they are less debated and their impact less calculated. A shift in planned savings not counteracted with the planned investment actually leads to a skewed denouement, not necessarily leading to the restoration of internal balance. The limited nature of capital deployment by the government to stimulate internal domestic demand is either too little or too late, while the focus is already shifted to stymie the impacts it produces.

    Procyon Mukherjee

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