Tuesday, October 21, 2014
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Geithners Vabanquespiel

LOS ANGELES – Vor kurzem legte der Finanzminister der Vereinigten Staaten Tim Geithner in einem Interview seine Ansichten über das Wesen des Weltwirtschaftswachstums und die Rolle des US-Finanzsektors dar. Es ist eine zutiefst beunruhigende Vision, die auf ein gewaltiges, uninformiertes Vabanquespiel mit der Zukunft der amerikanischen Wirtschaft hinausläuft – und nahelegt, dass Geithner von den hohen Amtsträgern weltweit nach wie vor der eigennützigen Ideologie der großen Banken am meisten verfallen ist.

Geithner behauptet, aufgrund der steigenden Nachfrage nach Finanzprodukten und ‑dienstleistungen in den Schwellenländern werde die Welt nun eine große „Vertiefung der Finanzmärkte“ erleben. Er denkt dabei natürlich an Länder mit „mittlerem Einkommen“ wie Indien, China und Brasilien. Und er betont zu Recht, dass alle fantastische Fortschritte gemacht haben und jetzt großartige Möglichkeiten für die aufstrebende Mittelschicht bieten, die Ersparnisse ansammeln will, sich einfacher Geld leihen können möchte (für Investitionen in die Produktion, Wohnungskäufe, Bildung usw.) und sich im Allgemeinen einen beständigeren Konsum wünscht.

Doch dann macht Geithner einen Sprung. Er will, dass US-Banken bei der Entwicklung der Finanzmärkte dieser Länder die Führung übernehmen. Es lohnt sich, seine Worte ausführlich zu zitieren:

Ich kann mich nicht für den Versuch begeistern … die relative Bedeutung des Finanzsystems in unserer Wirtschaft als Test der Reform zu verringern, denn wir müssen berücksichtigen, dass wir in mehreren Teilen der Welt operieren … Dasselbe gilt für Microsoft oder alle anderen. Wir wollen, dass US-Unternehmen davon profitieren … Finanzunternehmen unterscheiden sich durch das Risiko, aber das kann man mithilfe der Regulierung eindämmen.

Diese Ansicht weist drei ernsthafte Probleme auf. Erstens ignoriert Geithner alles, was wir über das Muster der Finanzmarktentwicklung auf der Welt wissen. Es kommt äußerst selten vor, dass sich Finanzsysteme ohne große Krisen entwickeln. Tatsächlich bestätigt die Erfahrung der letzten Jahrzehnte, was schon aus den vorhergehenden Jahrhunderten hätte offensichtlich sein sollen: Wenn Länder wachsen und Ersparnisse anhäufen, werden sie zunehmend anfällig für finanzielle Zusammenbrüche. Angesichts Geithners umfassender Erfahrung in der internationalen Krisenbewältigung im US-Finanzministerium, beim Internationalen Währungsfonds und bei der New Yorker Federal Reserve ist seine gegenwärtige Naivität in diesem Punkt einfach erstaunlich.

Zweitens: Geithner nimmt an, dass Risiken bei den größten US-Unternehmen durch Regulierung eingedämmt werden können, obwohl all unser Wissen genau auf das Gegenteil hindeutet. Selbst die stärksten Verfechter des Dodd-Frank-Reform-Gesetzes betonen, dass es die Anreize für große Finanzinstitute, hohe Risiken in Kauf zu nehmen, nur teilweise verringern konnte. Betrachtet man den kombinierten Effekt aus dem neuen Gesetz, den schwachen zusätzlichen Kapitalanforderungen, die unter Basel III vereinbart wurden, und dem „Finger-weg“-Ansatz, der vom Financial Stability Oversight Council (dessen Vorsitzender Mr. Geithner ist) bereits signalisiert wurde, fällt es schwer zu glauben, dass sich irgendetwas wirklich verbessert hat.

Zumal unsere größten Banken jetzt zweifellos zu groß sind, um pleite zu gehen, haben sie nun sogar einen noch größeren Anreiz, ihre Verschuldung im Verhältnis zu ihrem Eigenkapital zu erhöhen. In guten Zeiten steigert eine höhere Fremdfinanzierung ihre Auszahlungen – da Führungskräfte und Händler auf Grundlage ihrer „Rendite“ bezahlt werden. Und in schlechten Zeiten, z. B. in einer Krisenepisode, werden die Verluste auf die Gläubiger abgewälzt. Wenn diese Gläubigerverluste so hoch und verbreitet sind, dass sie das allgemeine Finanzsystem schwächen, wächst der Druck, ein staatliches Rettungsprogramm zu beschließen. Die Banker sind die Nutznießer, und die Steuerzahler (und diejenigen, die entlassen werden, wenn die Kreditvergabe nicht mehr funktioniert), haben das Nachsehen.

Der US-Finanzsektor war in den 1970er Jahren völlig versessen auf hochriskante Kredite an aufstrebende Märkte – und behauptete, dies sei das neue Ziel. Dieses Kreditportfolio brach in der Schuldenkrise 1982 zusammen. Eine weitere Version der gleichen gedankenlosen grenzüberschreitenden Kreditvergabe ist auch jetzt wieder im Gange, gepriesen von führenden Managern des Finanzsektors (z. B. Jamie Dimon von JP Morgan Chase) –, die Mr. Geithner anscheinend überzeugt haben, sich ihnen intellektuell anzuschließen.

Und drittens übersieht Geithner vollkommen, was große Teile der europäischen Wirtschaft in die Knie gezwungen hat. Er sollte mehr Zeit mit den Behörden von Island, Irland oder der Schweiz verbringen, Ländern, in denen die „Globalisierung der Finanzmärkte“ es den Banken ermöglichte, im Verhältnis zur Wirtschaft relativ groß zu werden.

In Island wuchsen die globalen Bilanzen der drei größten Banken auf das 11- bis 13-Fache des Wirtschaftsvolumens an. Und dann brachen sie zusammen.

In Irland waren die drei größten Banken scharf auf Gewerbeimmobilien – die sie mit umfangreichen Krediten aus anderen Ländern der Eurozone (unter anderem auch Deutschland) finanzierten. Die Politiker sahen weg – oder wurden ausbezahlt, behaupten einige –, während die Bilanzen dieser Banken auf das Doppelte des irischen BIP anschwollen. Und dann brachen sie zusammen, was einen enormen Schaden für die Zahlungsfähigkeit des Staates selbst verursachte.

In der Schweiz hatten die beiden größten Banken (UBS und Credit Suisse) im Herbst 2008 zusammen eine Bilanz, die etwa achtmal so hoch wie das Schweizer BIP war – vor allem aufgrund ihrer globalen Aktivitäten. Hypothekenhändler in London – von denen nicht viele aus der Schweiz stammten – nahmen enorme Risiken in Kauf, die UBS fast in den Ruin trieben. Der Schweizer Staat konnte sich das Rettungspaket leisten – gerade so. Und nun bewegt sich die Schweizerische Nationalbank genau in die entgegengesetzte Richtung von Geithner – sie drängt diese großen Banken dazu, kleiner zu werden und einen größeren Anteil ihrer Aktivitäten mit Eigenkapital anstatt mit Schulden zu finanzieren.

Geithner ist ein äußerst kluger und erfahrener Beamter. Seine Ansichten über die Zukunft der Finanzmärkte werden das, was geschieht, mitgestalten. Und deshalb steuern wir auf Probleme zu.

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