Als infolge der israelischen Treibstoffblockade der Gazastreifen letzte Woche in Dunkelheit versank, waren viele Menschen auf der ganzen Welt überrascht. Doch der vom Friedensprozess von Annapolis, der das Versprechen von Präsident George W. Bush einer Übereinkunft zur Schaffung eines palästinensischen Staates beinhaltete, erzeugte Optimismus war eindeutig unrealistisch.
Gaza wird normalerweise unter dem Aspekt der überwältigenden Zustimmung für die Hamas dort betrachtet. Die Realität freilich sieht anders aus: Von der Near East Consulting Group Ende November 2007 im Gazastreifen durchgeführte Meinungsumfragen ließen erkennen, dass 74% der Bevölkerung einen Friedensvertrag mit Israel unterstützen. Nur 15% würden für Hamas-Abgeordnete oder einen Präsidentschaftskandidaten der Hamas stimmen, verglichen mit 55% für Fatah-Kandidaten. Der von Annapolis inspirierte Friedensprozess wurde von 81% der Befragten unterstützt.
Wie viele Gebiete in der Region kann Gaza auf eine lange Geschichte ausländischer Besetzungen zurückblicken, die bis in die Antike zurückreicht. Im Jahr 1949 endete der arabisch-israelische Krieg mit einem Waffenstillstand, der Palästina in drei Teile zerschnitt, die jeweils unter separater politischer Kontrolle standen. Israel umfasste mehr als 77% des Gebietes, Jordanien erhielt die Herrschaft über Ostjerusalem und das Westjordanland, und Ägypten übernahm die Kontrolle über Gaza. Der im Teilungsplan der Vereinten Nationen von 1947 vorgesehene palästinensisch-arabische Staat, der auch Gaza umfassen sollte, wurde nie gegründet.
Die wirtschaftliche Entwicklung des Gazastreifens war unter ägyptischer Herrschaft beschränkt, und die Region litt unter der Last der palästinensischen Flüchtlinge aus dem umkämpften südlichen Teil des Mandatsgebiets Palästina, der später Israel werden sollte. Der palästinensische Zugang nach Ägypten war beschränkt, und ein Großteil der überwiegend ungelernten Erwerbsbevölkerung war vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen abhängig, das die örtlichen Flüchtlingslager baute und betrieb.
Der Krieg von 1967 brachte das gesamte Mandatsgebiet Palästina (sowie den Sinai und die Golanhöhen) unter israelische Militärbesatzung. Aber obwohl ein Drittel des Westjordanlandes für Palästinenser gesperrt wurde, um Raum für ein paar tausend jüdische Siedler zu schaffen, waren nur 10% seiner überwiegend ländlichen Bevölkerung Flüchtlinge. Viele davon waren Eigentümer des von ihnen bearbeiteten Landes, und es gab eine Vielzahl unterschiedlicher Arbeitsplätze. Im Gegensatz dazu bestand die Bevölkerung Gazas zu 70% aus Flüchtlingen, die unter schwierigen Bedingungen in dutzenden von Flüchtlingslagern lebten und überwiegend auf Arbeit in Israel angewiesen waren. Zeitweise passierten täglich mehr als 150.000 Bewohner des Gazastreifens den Grenzposten von Erez.
Gazas Armut war ein fruchtbarer Nährboden für den islamischen Radikalismus. Scheich Ahmad Yasin, ein gelähmter Flüchtling aus dem Dorf Jora (heute an der israelischen Ostküste), arbeitete mit stillschweigender Zustimmung der israelischen Armee, die eine Alternative zur PLO ermutigen wollte, still und leise am Aufbau einer Graswurzelbewegung. Doch mit der Aufstandsbewegung des Jahres 1987 (der Intifada) gaben Yasins Anhänger die Schaffung der Islamischen Widerstandsbewegung bekannt, besser bekannt unter ihrem arabischen Akronym HAMAS. Yasins Gruppe trat mit den weltlich ausgerichteten PLO-Gruppen in Wettstreit, indem sie amateurhafte Angriffe auf jüdische Siedler verübte und israelische Soldaten entführte.
Während die Intifada von 1987 den Friedensprozess von Oslo und die Rückkehr der PLO-Führung herbeiführte, schaffte sie es nicht, eine echte Volkswirtschaft im Gazastreifen hervorzubringen. Der Geldfluss an die neue Palästinenserbehörde war hauptsächlich an neuen Hochhäusern zu erkennen, die die Behörde bauen ließ, um der Übervölkerung Herr zu werden. Nicht zur Palästinenserbehörde gehörende Gruppen wie die Hamas beschafften sich ihre Waffen überwiegend durch Kauf von israelischen Soldaten oder auf dem israelischen Schwarzmarkt. Später, nachdem sich die Israelis aus Gaza zurückzogen, wurden Waffen, Munition und Geld durch Tunnel vom Sinai her eingeschmuggelt.
Während der zweiten palästinensischen Intifada, die im Jahr 2000 ausbrach, verwendete die Hamas ihre Waffen und Explosivstoffe zu Angriffen auf Israelis und zur Schaffung ihres eigenen kleinen Protektorats. Doch je mehr die Hamas und andere die Israelis angriffen, desto mehr verschärften die Israelis die Abriegelung des Gazastreifens. Die Zahl der Arbeiter aus Gaza in Israel reduzierte sich auf ein paar hundert, und wachsende Arbeitslosigkeit und Armut stärkten die Macht der bewaffneten Splittergruppen, Banden und Kriegsherren – eine Entwicklung, die sich nach dem Wahlsieg der Hamas 2006, welcher zu einer internationalen Blockade führte, bei der die Finanzierung der Gehälter der öffentlichen Angestellten über Nacht eingestellt wurde, intensivierte.
Als überwiegend aus Flüchtlingen bestehende Bevölkerung hatten die meisten Bewohner des Gazastreifens kaum soziale Wurzeln. Wer eine Universitätsausbildung besaß, verließ Gaza, um im Westjordanland oder den Golfstaaten zu arbeiten. Zugleich entwickelten sich die bewaffneten Gruppen des Gazastreifens zu einem Magneten für die meisten jungen Leute: Es war die einzige Art von Arbeit, die sie verstanden und die ihnen Macht gab. Bewaffnete Männer traten der Fatah, der Hamas oder anderen Gruppen und Untergruppierungen bei, und Clans wie die Dugmush-Familie (die den BBC-Report Alan Johnston entführte) umfassten jeweils mehrere hundert Mitglieder, die bereit waren, für Geld zu töten.
Klar ist, dass die falschen Verlockungen eines Staates, der als Teil des Osloer Friedensprozesses entstand, kaum greifbare Veränderungen für die Palästinenser hervorgebracht haben. Sie haben einen gewählten Präsidenten (der für eine Weile in seinem Hauptquartier eingeschlossen war), ein Parlament und eine Regierung (deren Abgeordneten und Ministern ein freier Durchweg zwischen Gazastreifen und Westjordanland nicht garantiert wird) und Pässe (deren Nummern in israelische Computer eingegeben werden müssen). Was sie nicht haben, ist echte Souveränität, ohne die Verbesserungen kaum vorstellbar sind.
Gazas Geschichte und der verfliegende Rückhalt der Hamas dort legen nahe, dass die Integration seiner Bevölkerung in den palästinensischen Mainstream nicht schwer sein dürfte. Zugleich jedoch lassen sie vermuten, dass eine Aufrechterhaltung der aktuellen Blockade lediglich eine friedliebende Bevölkerung bestrafen und dabei die Gewalt ihrer schlimmsten Elemente über die Gesellschaft und das öffentliche Leben stärken würde.


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