The Worldly Philosophers
Wer braucht die Geisteswissenschaften?
Steve Fuller
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WARWICK, GB – Heutzutage sind politische Entscheidungsträger in immer mehr Ländern von der Idee einer notwendigen Stärkung der naturwissenschaftlichen Ausbildung besessen. Aber was ist mit den Geisteswissenschaften, – mit all den Disziplinen (Literatur, Geschichte, Sprachen und so weiter) - deren Relevanz für die ökonomische Wettbewerbsfähigkeit nicht so offensichtlich ist?
Wir brauchen die Geisteswissenschaften nur, wenn wir uns der Idee der Humanität verpflichtet sehen. Wenn die Geisteswissenschaften obsolet geworden sind, dann könnte es sein, dass die Humanität ihre Bedeutung verliert.
Ich meine damit nicht, dass wir „weniger human“ im Sinne von „inhuman“ werden. Im Gegenteil, wir leben in einer Zeit, da traditionell humanzentrierte Belange wie „Rechte“ auch auf Tiere, wenn nicht auf die Natur als Ganzes, ausgeweitet werden. Das Problem ist vielmehr, ob mit dem Mensch-Sein etwas Unverwechselbares verbunden ist, das spezielle Anforderungen hinsichtlich höherer Bildung stellt. Ich glaube, diese Frage ist weiterhin mit „ja“ zu beantworten.
Heute klingt es altmodisch, den Sinn und Zweck der Universität als Stätte der „Kultivierung“ des Menschen zu beschreiben, so als ob es sich bei ihr um ein besseres Mädchenpensionat handeln würde. Wenn wir allerdings die elitäre der Geschichte der Universität beiseite lassen, kristallisiert sich in dieser Vorstellung ein starkes Element der Wahrheit heraus, vor allem im Hinblick auf die Geisteswissenschaften. Die akademischen Disziplinen, einschließlich der Geisteswissenschaften, werden heute als „forschungsgeleitet“ verstanden. Dies entspricht jedoch einer Abwertung der historischen Rolle der Universitäten bei der Transformation des Primaten Homo sapiens zu einem Geschöpf, dessen Interessen, Ambitionen und Errungenschaften über die erfolgreiche sexuelle Reproduktion hinausgehen.
Die ursprünglich so bezeichneten „freien Künste“ schufen die für diese Transformation nötigen Fähigkeiten. Indem er sich einem gemeinsamen Prozess des Sprechens, Schreibens, Lesens, Beobachtens und Rechnens unterzog, erwarb der „aufrecht gehende Affe” die Fähigkeit, sich in der Öffentlichkeit zu äußern. Dies ermöglichte es zunächst ihm und dann ihr, ohne Ansehen ihrer Geburt, Autorität zu erlangen, was zum Aufbau von Netzwerken und sogar Institutionen führte, deren Nutzen weit über alle Familiengrenzen hinweg spürbar waren. Wir vergessen auch allzu leicht, dass unsere heterogenen Gesellschaften auf einer zumindest verwässerten Form dieses Trainings zur Aufrechterhaltung der politischen und wirtschaftlichen Ordnung beruhen.
In den Anfängen bildeten die Geisteswissenschaften das Herzstück der Universität. Heute allerdings hinken sie den Naturwissenschaften hinterher. Dies hauptsächlich deshalb, weil die Naturwissenschaften die Produktivitätsmaßstäbe der Industrie am stärksten nachgeahmt haben. Das Ergebnis ist eine Mentalität nach dem Muster „größer ist besser“, die in immer mehr Publikationen, Patenten und Zitaten ihren Niederschlag findet. Verfolgt wird diese Agenda jedoch vielfach ohne Berücksichtigung dessen, wie – oder ob – diese Maßstäbe in den größeren Kontext sozialer, kultureller und sogar ökonomischer Relevanz einfließen.
Der Science Citation Index, ursprünglich konzipiert, um Forschern das Erkennen übergeordneter Trends in zunehmend komplexen wissenschaftlichen Bereichen zu erleichtern, hilft bei der Messung der Produktivität. Aber momentan werden diese Trends schon routinemäßig zu Normen erhoben, auf Grundlage derer, die Leistungen einzelner Universitäten, Abteilungen und selbst einzelner Wissenschaftler beurteilt werden. Was sich am ehesten zu messen lohnt, wird verwechselt mit dem, was sich am leichtesten messen lässt.
Auf einer noch grundlegenderen Ebene allerdings ignoriert diese Denkart das ausgeprägt transformative Potenzial des Wissens, auf das sich die Geistenswissenschaften spezialisieren. Für eine adäquate Beurteilung dieses Potenzials bedarf es einer Untersuchung seines Multiplikatoreffekts. Entsprechend John Maynard Keynes’ Konzept, wonach die Erträge öffentlicher Investitionen als langfristige Folgen der durch sie in der gesamten Ökonomie und Gesellschaft angeregten Investitionen zu messen sind, muss auch das in den Geisteswissenschaften generierte Wissen betrachtet werden.
Diese Idee geht in den Kostenrechnungen der Universitäten heute unter. Was sich zwischen Lehrenden und Studierenden im Hörsaal abspielt soll angeblich den Vorgängen zwischen Produzent und Verbraucher gleichen. In beiden Fällen geht man davon aus, dass über den Wert der getauschten Ware kurz nach ihrer Lieferung entschieden wird, je nachdem, in welcher Weise sie ein unmittelbares Bedürfnis stillt. Wenig überraschend beurteilen daher die Studierenden den Wert ihres Universitätsabschlusses nach dem ersten Job, den er ihnen einbringt und weniger nach dem Leben im nächsten halben Jahrhundert, auf das er sie vorbereitet.
Es ist heute schwer zu glauben, dass die Universitäten in der Blütezeit des Wohlfahrtsstaates sowohl elitärer als auch stärker von der öffentlichen Hand finanziert waren als heute. Damals ging man davon aus, dass der Nutzen einer akademischen Ausbildung nicht nur, oder nicht primär, jenen zufließt, die sie genossen, sondern auch – und noch wichtiger – dem Rest der Menschen im Land, deren Leben durch angewandte Kunst und Wissenschaft in verschiedener Weise bereichert wurde.
Natürlich gehörten zu dieser Bereicherung praktische Nutzen wie medizinische Errungenschaften und arbeitssparende Technologien. Aber die Bereicherung durch die Geisteswissenschaften war nicht weniger dauerhaft, wenngleich durch ihren subtileren Charakter schwieriger nachvollziehbar. Dennoch ist frei nach Keynes festzustellen: Jedes Mal, wenn wir das Radio oder den Fernseher einschalten, eine Zeitung lesen, ein Buch zur Hand nehmen oder uns einen Film ansehen, befinden wir uns im Einflussbereich eines oder mehrerer toter Geisteswissenschaftler, die den Referenzrahmen schufen, durch den wir die Welt sehen.
In ihrer langen Geschichte als höchste Form akademischen Wissens wurden die Geisteswissenschaften häufig für ihren subversiven Charakter kritisiert. Die Tatsache, dass heute von mancher Seite die Frage aufgeworfen wird, ob die Geisteswissenschaften überhaupt irgendeinen Effekt hätten, demonstriert die plumpe und kurzsichtige Art, wie akademisches Wissen heute gemessen und beurteilt wird. Das passt vielleicht zu Geschöpfen, deren Leben „einsam, arm, kümmerlich, roh und kurz“ ist, um Thomas Hobbes’ Beschreibung des Naturzustandes zu zitieren, tut aber all jenen unter uns bitter Unrecht, die noch immer nach umfassender Humanität streben.
Steve Fuller ist Professor für Soziologie an der Universität Warwick.
Copyright: Project Syndicate/Institut für die Wissenschaften vom Menschen, 2008.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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