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Die Geschichte am Ende der Geschichte

by Francis Fukuyama

Vor fünfzehn Jahren argumentierte ich in meinem Buch Das Ende der Geschichte, dass es für eine Gesellschaft, die modern sein will, keine Alternative zu Marktwirtschaft und einem demokratischen politischen System gibt. Natürlich wollte man nicht überall modern sein und nicht überall war man in der Lage, Institutionen zu schaffen und Strategien umzusetzen, die für das Funktionieren von Demokratie und Kapitalismus notwendig sind, aber mit keinem anderen System lassen sich bessere Ergebnisse erzielen.

Obwohl das „ Ende der Geschichte ” daher im Wesentlichen ein Aufsatz über Modernisierung war, haben manche Menschen meine These über das Ende der Geschichte mit der Außenpolitik von Präsident George W. Bush und der strategischen Hegemonie der Amerikaner in Zusammenhang gebracht. Allerdings ist denjenigen, die glauben, meine Ideen wären das intellektuelle Fundament für die Politik der Bush-Administration entgangen, was ich seit 1992 über Demokratie und Entwicklung gesagt habe.

Ursprünglich rechtfertigte Präsident Bush die Intervention im Irak mit Saddams Plänen zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen, den angeblichen Verbindungen des Regimes zur Al-Qaida sowie den Menschenrechtsverletzungen und den Mangel an Demokratie im Irak. Nachdem von den ersten beiden Begründungen im Gefolge der Invasion im Jahr 2003 nichts mehr übrig blieb, hob die amerikanische Regierung immer mehr die Bedeutung der Demokratie sowohl im Irak als auch im ganzen Mittleren Osten hervor, um dies als Begründung für ihr Vorgehen anzugeben.

Bush argumentierte, dass der Wunsch nach Freiheit und Demokratie universell und nicht an eine Kultur gebunden sei und dass sich Amerika „mit dem langfristigen Ziel, die Tyrannei in der Welt zu beenden“ der Unterstützung demokratischer Bewegungen verpflichten würde. Kriegsbefürworter sahen sich beim Anblick irakischer Wähler mit ihren blau gefärbten Fingern, die vor den Wahllokalen bei diversen Wahlen zwischen Januar und Dezember 2005 Schlange standen, in ihrer Meinung ebenso bestätigt wie durch die Zedernrevolution im Libanon und die Präsidenten- und Parlamentswahlen in Afghanistan.

So ermutigend und hoffnungsvoll diese Ereignisse auch waren, der Weg zu einer liberalen Demokratie im Mittleren Osten ist kurz- und mittelfristig wahrscheinlich mit extremen Enttäuschungen gepflastert und die Bemühungen der Bush-Administration, dort eine Regionalpolitik zu etablieren, zu jämmerlichem Scheitern verurteilt.

Natürlich ist der Wunsch, in einer modernen Gesellschaft, frei von Tyrannei zu leben universell oder beinahe universell. Das zeigt sich an den Bemühungen von Millionen von Menschen, die jedes Jahr aus den Entwicklungsländern in die Industrieländer kommen, wo sie sich politische Stabilität, Arbeitsmöglichkeiten, Gesundheitsversorgung und Bildungschancen erhoffen, die sie daheim nicht vorfinden.

Das heißt allerdings noch nicht, dass es den universellen Wunsch gibt, in einer liberalen Gesellschaft zu leben – also einer politischen Ordnung, die sich durch individuelle Rechte und Rechtsstaatlichkeit auszeichnet. Der Wunsch, in einer liberalen Demokratie zu leben ist in Wirklichkeit etwas, das man mit der Zeit entwickelt und oftmals eine Begleiterscheinung erfolgreicher Modernisierung.

Außerdem führt der Wunsch, in einer modernen liberalen Demokratie zu leben, nicht notwendigerweise zur Fähigkeit das auch zu tun. Die Bush-Administration ist bei ihren Plänen für den Irak nach Saddam wohl davon ausgegangen, dass sowohl Demokratie als auch Marktwirtschaft so etwas wie Standard-Bedingungen wären, zu denen eine Gesellschaft nach Eliminierung der Tyrannei zurückkehrt, und nicht um eine Reihe komplexer, voneinander abhängiger Institutionen, die in mühevoller Kleinarbeit im Lauf der Zeit aufgebaut werden müssen.

Lange vor der liberalen Demokratie muss es einen funktionierenden Staat geben (der in Deutschland oder Japan nach deren Niederlage im 2. Weltkrieg nicht verschwunden war). In Ländern wie dem Irak kann man so etwas nicht als selbstverständlich voraussetzen.

Das Ende der Geschichte stand nie in einem Zusammenhang mit einem speziellen amerikanischen Modell sozialer oder politischer Organisation. In Anlehnung an Alexandre Kojève, dem russisch-französischen Philosophen, der mich zu meiner ursprünglichen These animierte, glaube ich, dass eher die Europäische Union dem entspricht, wie die Welt am Ende der Geschichte aussehen wird und weniger die Vereinigten Staaten von heute. Die Bemühungen der EU, Souveränität und traditionelle Machtpolitik durch die Schaffung grenzüberschreitender Rechtsstaatlichkeit zu überwinden, stehen eher im Einklang mit einer „postgeschichtlichen“ Welt als der fortgesetzte Glaube der Amerikaner an Gott, nationale Souveränität und ihr Militär.

Schließlich habe ich die weltweite Etablierung der Demokratie nie mit dem Wirken der Amerikaner und schon gar nicht mit der Ausübung amerikanischer Militärmacht in Verbindung gebracht. Der Antrieb zu demokratischem Übergang muss aus den Gesellschaften selbst kommen, die demokratisch werden wollen und da es in einer Demokratie Institutionen geben muss, ist das üblicherweise ein langer und langwieriger Prozess.

Kräfte von außen wie die USA können diesen Prozess oft durch ihr Vorbild als politisch und wirtschaftlich erfolgreiche Gesellschaften unterstützen. Sie können ihn auch mit finanziellen Mitteln, Beratung, technischer Unterstützung und, ja, manchmal auch mit militärischen Mitteln in Gang bringen. Ein erzwungener Regimewechsel war allerdings noch nie der Schlüssel zu demokratischem Übergang.

Francis Fukuyama ist Leiter des Instituts für höhere internationale Studien der Johns Hopkins University und Chef der Zeitschrift The American Interest.

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