Wednesday, April 23, 2014
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Fukushima: Europas Atomtest

MADRID – Aus europäischer Perspektive hat sich die Irrationalität des politischen und medialen Diskurses hinsichtlich der Atomenergie in dem Jahr nach der Kernschmelze im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi noch gesteigert und intensiviert. Doch eine leidenschaftslose Beurteilung der Atomenergie ist ebenso notwendig wie schwierig.

Die Europäer sollten über Atomenergiepolitik keine Belehrungen abgeben und so tun, als ob ihre Meinung weltweit ausschlaggebend wäre. Dennoch geschieht genau das. Andererseits amp#160;hat Europa sehr wohl eine qualifizierte Verantwortung im Sicherheitsbereich, wo wir uns für ein internationales regulatives und institutionelles Rahmenwerk einsetzen können, das Staaten diszipliniert und größere Transparenz herbeiführt, wo es um globale Risiken wie die Atomkraft geht.

Ebenso ist Europa für die Förderung der Erforschung sicherer Technologien verantwortlich, vor allem im Bereich der vierten Generation von Atomreaktoren. Wir Europäer können uns den Luxus der Demontage eines ganzen Industriesektors nicht leisten, der eine hohe Wertschöpfung aufweist und auf dem wir auch über einen echten komparativen Vorteil verfügen.

In Europa löste Fukushima eine Medienkampagne über den Untergang der Atomenergie aus. Das deutsche Magazin Der Spiegel verkündete das „9/11 der Atomindustrie” und „das Ende des Atomzeitalters“, während die führende spanische Tageszeitung El Pais predigte, dass die Unterstützung „dieser Energie irrational [war]” und dass „China seinen atomaren Ambitionen Zügel angelegt hat.“ Die Realität hat allerdings bewiesen, dass derartige Beurteilungen sowohl tendenziös als auch heillos falsch waren.

Zwar stimmt es, dass ein paar Länder – wie Belgien, Italien, Deutschland, die Schweiz und Peru als einziges nicht-europäisches Land – formell ihre Absicht erklärten, aus der Atomenergie auszusteigen oder sie erst gar nicht einzuführen. Diese Entscheidung betrifft allerdings insgesamt 26 Reaktoren, während sich weltweit momentan 61 Reaktoren in Bau befinden, 156 projektiert sind und 343 Reaktoren auf offizieller Ebene erörtert werden. Bei Umsetzung dieser Pläne ergäbe das eine Verdoppelung der 437 aktuell in Betrieb stehenden Reaktoren.

Interessanterweise ist der Atomboom aber nicht global: Brasilien ist Vorreiter in Lateinamerika, während sich die Dinge in Asien, vor allem in China und Indien, am raschesten entwickeln. Wenn wir diese geographische Verteilung mit derjenigen vor der Kernschmelze im amerikanischen Atomkraftwerk Three Mile Island im Jahr 1979 vergleichen, ergibt sich eine verblüffende Korrelation zwischen der Atomenergiepolitik eines Landes und seiner geopolitischen Bedeutung sowie seiner Wirtschaftskraft.

Während der Hunger nach Reaktoren in den 1970er Jahren das internationale Gewicht der Sowjetunion und grundsätzlich des geopolitischen Westens – Japan, USA und Europa – widerspiegelte, hat sich der Schwerpunkt mittlerweile unumstößlich in den Osten verschoben, wo die Atomenergie zu einem „Tor in eine florierende Zukunft“ wurde, wie es in einem Kommentar in der Zeitung The Hindu von November 2011 bezeichnend formuliert wurde. Tatsächlich setzt US-Präsident Barack Obama, der sich offensichtlich mit dieser Ansicht identifiziert, auch darauf, dass Kreditgarantien und die Forschung zur Entwicklung kleiner modularer Reaktoren, Amerikas Vorreiterrolle im Bereich der zivilen Nutzung der Atomtechnologie sowie seine Bedeutung in der neuen Weltordnung erneut bestätigen werden.amp#160;

Energie ist natürlich die Lebensader jeder Gesellschaft und das zeigt sich auch in der Wechselbeziehung zwischen Energiebedarf und Einkommen. In dieser Hinsicht stechen die Vorteile der Atomenergie, vor allem Zuverlässigkeit und absehbare Kosten, hervor. In dem Bericht World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur aus dem Jahr 2010 wird ein Anstieg des weltweiten Energiebedarfs von 40 Prozent bis 2030 prognostiziert – eine erbarmungslose Realität, die vor allem in den Entwicklungsländern Asiens am stärksten zu spüren ist.

Die weitere Ausbreitung der Kernkraft ist also eine Tatsache und wird es auch weiterhin bleiben. Um verantwortungsbewusst zu handeln, sollten die Europäer die internationalen Sicherheitsstandards im Bereich Atomkraft weiterentwickeln und nicht einfach aussteigen. Die wahre Lehre aus Fukushima ist nämlich, dass staatliche Kontrolle notwendig, aber nicht ausreichend ist, um nukleare Sicherheit zu erlangen.

Im Vorjahr duldete die Europäische Union unglücklicherweise das grandiose Scheitern eines Antrags der Internationalen Atomenergiebehörde zur Umsetzung wirksamer internationaler Sicherheitskontrollen im Bereich der Kernkraft. Noch schlimmer ist, dass das Budget der IAEA, das ohnehin nur magere 300 Millionen Euro beträgt, mit Unterstützung der Europäer um 10 Prozent gekürzt wurde.

Ebenfalls mit der aktiven Unterstützung der EU wurde in diesem Zusammenhang auch eine Initiative verwässert, im Rahmen derer man in 10 Prozent aller weltweit in Betrieb befindlichen Reaktoren innerhalb der nächsten drei Jahre Zufallsinspektionen durchführen hätte sollen. Dies mit der Begründung, dass die Verantwortung für Sicherheit und Inspektionen primär bei den Mitgliedsländern liegen sollte.amp#160; Nur eine knappe Bestimmung über freiwillige gemeinsame Inspektionen mit der IAEA schaffte es in das Abschlussdokument. Im Hinblick auf die EU selbst enthüllten die Diskussionen um die endgültige Formulierung zu den „freiwilligen“ Stresstests im März 2011 – vom polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk sehr treffend als „stürmisch“ bezeichnet - amp#160;eine verwirrende Vielfalt von Mängeln und Schwächen.

Der vielleicht augenfälligste Widerspruch im nuklearen Diskurs Europas ist die Diskrepanz zwischen den offensichtlichen Bemühungen, das Wirtschaftswachstum sowie die Beschäftigung anzukurbeln und der Leichtfertigkeit der Mitgliedsstaaten, die Atomindustrie fallenzulassen, amp#160;die sich auf Fähigkeiten in den Bereichen Konstruktion, Technik sowie Steuerung stützt und den komparativen Vorteil Europas in diesem Bereich begründet.

Eine ermutigende Ausnahme ist ein kürzlich geschlossenes Abkommen zwischen Großbritannien und Frankreich zur Etablierung eines Fertigungsverbundes zwischen Rolls Royce und Areva im Bereich Atomtechnologie. Dabei sollte man es aber nicht belassen. Ist es denn vernünftig, dass die europäischen Länder eine Nische des Wohlstandes aus ideologischen Gründen aufgeben, die aus globaler Perspektive irrelevant sind?

Der Aufstieg der Atomkraft in Europa erfolgte zeitgleich mit seiner ökonomischen Stärke nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieser Aufstieg fiel in die Zeit, als der Westen an seine rapide steigende Wirtschaftskraft und immerwährende globale Vorherrschaft glaubte. Nun, da Europa zunehmend als der Patient der Weltwirtschaft betrachtet wird, würde selbst der Verzicht des gesamten Kontinents auf Atomenergie wenig Widerhall auf internationaler Ebene finden. Die Vorgabe der Richtung im politischen Diskurs ist nicht mehr Europas Aufgabe. Verantwortliches Verhalten schon.

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  1. CommentedPatrice Ayme

    To be against nuclear energy is to be against man. As simple as that. The present technologies are not good, but other nuclear technologies can be developed, perfectly safe, very clean, and much more efficient.

    Moreover, thorium nuclear energy, for example, can be disconnected from nuclear weapons completely, as it does not use materials which can be manufactured to make bombs.

    Overall, civil nuclear energy has killed very few people, even including the criminally misconceived military reactor at Chernobyl. Coal burning kills hundreds of thousands through pollution, worldwide, and that does not include all the mercury vapor it creates.
    http://patriceayme.wordpress.com/

  2. CommentedAndrés Arellano Báez

    If nuclear power seems to be so important in the future, it is not a big mistake related this kind of energy with nuclear weapons, like is happening today in Iran? I think the increase of nuclear plants should be coordinated with the cancelation of nuclear weapons all over the world, starting with U.S.A.

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