Science and Society
Der Nobelpreis-Kult
Robert Marc Friedman
OSLO – Der Tanz um die goldene Nobelmedaille begann vor 100 Jahren und hat bis heute nichts von seiner Beliebtheit verloren. Als Ikone, Mythos und Ritual ist der Nobelpreis bestens eingeführt, aber was wissen wir wirklich darüber?
In früheren Zeiten umwoben vom Schleier des Geheimnisvollen und der Legende, wurde der Nobelpreis erstmals nach 1976 Gegenstand seriöser wissenschaftlicher Untersuchungen, nachdem die Nobel-Stiftung ihre Archive geöffnet hatte. Die anschließenden Untersuchungen der Wissenschaftshistoriker förderten eines zweifellos zu Tage: die Geschichte des Nobelpreises ist eine Geschichte menschlicher Unzulänglichkeiten.
Obwohl viele Beobachter bei den Literatur- und Friedensnobelpreisen ein gewisses Maß an Subjektivität in Kauf nehmen, wurden die Wissenschaftspreise lange Zeit als objektives Maß wissenschaftlicher Exzellenz betrachtet. Doch die für die Verleihung der Preise in Physik und Chemie zuständige Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften sowie das für die Medizin/Physiologie-Preise verantwortliche Karolinska Institutet haben ihre Entscheidungen von allen Anfang an auf Grundlage der Empfehlungen ihrer jeweiligen Komitees getroffen. Und von maßgebender Bedeutung für deren Entscheidung war dabei das Wissenschaftsverständnis der Komitee-Mitglieder selbst.
Von Beginn an war die Innenwelt der mit dem Vorschlagsrecht Betrauten von persönlicher und prinzipieller Disharmonie geprägt. Man war sich uneins, wie Alfred Nobels kryptisches Testament zu interpretieren sei und wem die Preise zukommen sollten. Obwohl die Komitee-Mitglieder versuchten, emotionslos zu bleiben, flossen in ihre Arbeit zwangsläufig persönliche Urteile, Vorlieben und Interessen ein und manche Angehörige des Komitees verfolgten dabei - offen oder verdeckt - ihre eigenen Vorstellungen.
Der Weg zum Nobelpreis war nie ein automatischer Prozess, an dessen Ende, gewissermaßen nach Erreichen einer magischen Leistungsebene, die Verleihung stand. Die mit den Nominierungen betrauten Personen lieferten den Komitees auch selten eindeutig zu entscheidende Empfehlungen und die Komitees ihrerseits ignorierten jene spärlichen Fälle, da ihnen ein eindeutiger Kandidat präsentiert wurde, wie beispielsweise Albert Einstein mit seiner Relativitätstheorie. Die Physiker der Akademie hatten nicht die Absicht diese Leistung anzuerkennen, „nicht einmal, wenn es die ganze Welt verlangt.“ Die Entscheidung über den Nobelpreis ist ein Vorrecht der Schweden.
Überdies konnte eine einfache Änderung in der Zusammensetzung des Komitees über das Schicksal eines Kandidaten entscheiden. Der theoretische Physiker Wolfgang Pauli – einer der Giganten der Quantenmechanik – erhielt den Preis nicht vor dem Tod des starken Mannes im Komitee, C. W. Oseen, im Jahr 1944. Umgekehrt rebellierte auch die Akademie manchmal gegen ihre Komitees. Aus Groll versammelte ein Chemiker die Akademie hinter sich, um die Empfehlung des Komitees für den Russen Dimitri Mendelejew zu blockieren, der das Periodensystem der Elemente entwickelt hatte.
Aber selbst wenn sich alle bemühten, Kleinlichkeit und Parteilichkeit hinter sich zu lassen, war die Auswahl eines Kandidaten stets schwierig – und blieb es bis zum heutigen Tag. Komiteemitglieder bekannten gelegentlich im privaten Rahmen, dass oft mehrere Kandidaten zur Auswahl gestanden waren, die den Preis gleichermaßen verdient hätten. Eindeutige, objektive Kriterien zur Auswahl eines Kandidaten standen nicht zur Verfügung – und daran wird sich wohl nie etwas ändern.
Die verworrene Situation, in der sich das Karolinska Institutet 1950 befand, führt uns allen vor Augen, dass die Nobelpreiskomitees vor schwierigen Entscheidungen stehen. Man hatte bereits vier vorläufige Abstimmungsrunden ohne Ergebnis hinter sich gebracht, als sich drei erstklassige Alternativen herauskristallisierten, aber der Ausgang war noch immer ungewiss. Ein Komiteemitglied ersuchte einen Kollegen dringend, zur Sitzung zu kommen und merkte an, dass das Komitee zu einer völlig anderen Entscheidung kommen könnte, wenn jemand durch eine Erkältung ausfiele.
Die Vorstellung, wonach wissenschaftlicher Fortschritt auf Grundlage der Leistungen des einzelnen Genies stattfindet, ist natürlich ansprechend. Doch in stärkerem Ausmaß als dies durch die Nobelpreise zum Ausdruck kommt, liegt wissenschaftlicher Fortschritt in der Arbeit vieler Beteiligter begründet.
Auf brillante Köpfe kommt es natürlich an, aber es ist vielfach unangebracht und ungerecht, die Anerkennung der Leistung auf so wenige zu beschränken, wenn viele überaus talentierte Wissenschaftler zu einem Durchbruch in einem Fach beigetragen haben. Die Statuten der Nobelpreisverleihung sehen eine Aufteilung des Preises auf mehr als drei Kandidaten nicht vor, wodurch Entdeckungen, an denen mehr als drei Forscher Anteil hatten, nicht berücksichtigt werden oder bedeutende Forscher, die den Preis ebenfalls verdient hätten, leer ausgehen.
Überdies wurde klar, dass viele wichtige wissenschaftliche Disziplinen in Alfred Nobels Testament (das sich auf Physik, Chemie und Physiologie/Medizin beschränkt) keine Berücksichtigung fanden. Manche der großen wissenschaftlichen Triumphe der Vergangenheit, wie jene im Zusammenhang mit dem expandierendem Universum und die Kontinentalverschiebung fanden keine Anerkennung. Auch die Umweltwissenschaften – zweifellos Disziplinen von eminenter Bedeutung – gehen leer aus. An dem Bedürfnis nach Helden in der Wissenschaft ist nichts auszusetzen, aber wir sollten die Kriterien doch verstehen, die bei der Auswahl derjenigen zur Anwendung kommen, die wir verehren sollen.
Warum huldigen die Menschen dem Nobelpreis? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Der Kult um den Preis begann schon, bevor die ersten Nobelpreisträger bekannt gegeben wurden. Der Medienrummel fachte Spekulationen und Interesse an. Die Geltung des Preises hing nicht so sehr von den Verdiensten der Preisträger ab als vielmehr vom Glauben daran, dass der Preis ein starkes Instrument sei, um Prestige, Öffentlichkeit und Vorteile zu erlangen.
Sogar Wissenschaftler, die die Beschränkungen und zuweilen seltsamen Entscheidungen des schwedischen Komitees missbilligten, reichten unablässig weitere Vorschläge ein und engagierten sich für Kandidaten. Dies im Wissen, dass im Falle des Erfolgs, der Nobelpreisträger, Aufmerksamkeit und finanzielle Mittel auf die spezielle Disziplin, Institution oder die nationale wissenschaftliche Gemeinde zieht.
Ist nun die Wissenschaft oder die Gesellschaft mit dieser Fixierung auf den Nobelpreis und der Förderung einer Kultur des extremen Wettbewerbs gut beraten? Wenn der Mythos des Nobelpreises eines Tages möglicherweise an Glanz verliert, werden wir vielleicht darüber nachdenken, worauf es in der Wissenschaft wirklich ankommt. Seele und Vermächtnis der Wissenschaft, die viele Jahrhunderte zurückreichen, sind viel tiefgründiger als die Jagd nach Preisen.
Copyright: Project Syndicate, 2007.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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