Wednesday, October 22, 2014
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Vom Freihandel geblendet

CAMBRIDGE, MASS.: Ich war jüngst von zwei Kollegen in Harvard eingeladen, in ihrem Kurs zur Globalisierung einen Gastvortrag zu halten. „Ich muss Ihnen sagen“, warnte mich einer der beiden vorab, „dies ist eine ziemlich globalisierungsfreundliche Truppe.“ Er hatte die Studenten in der allerersten Kurssitzung gefragt, wie viele von ihnen den Freihandel Importbeschränkungen vorzögen, und mehr als 90% hatten sich für den Freihandel ausgesprochen. Und dies war, bevor man diese Studenten in den Wundern komparativer Kostenvorteile unterwiesen hatte!

Wir wissen, dass, wenn in echten Umfragen mit repräsentativen Stichproben – nicht nur Harvard-Studenten – dieselbe Frage gestellt wird, dass Ergebnis ganz anders aussieht. In den USA befürworten zwei Drittel der Befragten Handelsbeschränkungen. Doch völlig überraschend war die Reaktion der Harvard-Studenten nicht: Hochqualifizierte und besser ausgebildete Befragungsteilnehmer sind tendenziell erheblich freihandelsfreundlicher eingestellt als Arbeiter. Vielleicht hatten die Harvard-Studenten bei ihrem Abstimmungsverhalten einfach ihre eigenen (künftigen) Brieftaschen im Auge.

Vielleicht war ihnen auch nicht klar, wie Handel wirklich funktioniert. Schließlich stellte ich ihnen, als ich sie traf, dieselbe Frage in anderem Gewand, indem ich die voraussichtlichen Verteilungseffekte des Handels betonte. Diesmal verflüchtigte sich der Freihandelskonsens – und zwar sogar noch schneller, als ich das erwartet hatte.

Ich begann meinen Vortrag, indem ich die Kursteilnehmer fragte, ob sie einverstanden wären, wenn ich ein bestimmtes magisches Experiment durchführen würde. Ich wählte zwei Freiwillige aus – Nicholas und John – und erzählte ihnen, dass ich in der Lage wäre, 200 Dollar von Nicholas’ Bankkonto verschwinden zu lassen und zugleich John’s Kontostand um 300 Dollar zu erhöhen. Dieses Kunststück würde den Kurs insgesamt um 100 Dollar reicher machen. Würden sie mir gestatten, diesen Zaubertrick durchzuführen?

Nur eine kleine Minderheit sprach sich dafür aus. Viele waren sich unsicher; noch mehr äußerten sich ablehnend.

Den Studenten war eindeutig unwohl dabei, einer erheblichen Einkommensumverteilung zuzustimmen, selbst wenn der wirtschaftliche Kuchen insgesamt dabei wuchs. Wie ist es möglich, fragte ich sie dann, dass sie sich fast alle instinktiv für den Freihandel ausgesprochen hatten, der eine ähnliche – tatsächlich viel größere – Umverteilung von den Verlierern zu den Gewinnern nach sich zieht? Sie schienen betroffen.

Lasst uns davon ausgehen, sagte ich als Nächstes, das Nicholas und John zwei kleine Firmen haben, die miteinander im Wettbewerb stehen. Und dass John um 300 Dollar reicher wird, weil er härter arbeitet, mehr spart und investiert und bessere Produkte herstellt – und dass er damit Nicholas aus dem Geschäft drängt und ihm einen Verlust von 200 Dollar zufügt. Wie viele Kursteilnehmer seien mit dieser Veränderung einverstanden? Diesmal war es die große Mehrheit – tatsächlich waren außer Nicholas alle einverstanden!

Ich stellte ein paar weitere hypothetische Fragen, die jetzt direkt mit dem internationalen Handel verbunden waren. Was wäre, sagte ich, wenn John Nicholas aus dem Geschäft drängen würde, indem er qualitativ höherwertige Komponenten aus Deutschland importiert? Indem er die Fertigung nach China verlagert, wo die Rechte der Arbeiter weniger gut geschützt seien? Indem er Kinderarbeiter in Indonesien einstellt? Die Zustimmung zur vorgeschlagenen Änderung nahm mit jeder dieser Alternativen ab.

Aber was, fragte ich, ist mit technologischen Innovationen, die – wie der Handel – häufig dazu führen, dass es manchen Menschen schlechter geht. Hier würden wenige Studenten dulden, dass man den technologischen Fortschritt hemmt. Die Glühbirne zu verbieten, weil die Kerzenmacher ihre Arbeitsplätze verlieren würden, erscheint fast allen als eine alberne Vorstellung.

Die Studenten waren also nicht zwangsläufig gegen Umverteilung. Sie waren gegen bestimmte Arten der Umverteilung. Wie den meisten von uns ist ihnen Verfahrensgerechtigkeit wichtig.

Um ein Urteil über das Ergebnis der Umverteilung abgeben zu können, müssen wir die Umstände kennen, die dazu führen. Wir neiden Bill Gates oder Warren Buffett ihre Milliarden nicht – selbst wenn sie einigen ihrer Konkurrenten Verluste zufügten –, und zwar vermutlich, weil sie und ihre Konkurrenten nach denselben grundsätzlichen Regeln operieren und vor so ziemlich denselben Chancen und Hindernissen stehen.

Wir würden anders darüber denken, wenn Gates und Buffett nicht durch Schweiß und gute Ideen, sondern durch Betrug, Verstöße gegen das Arbeitsrecht, Umweltzerstörung oder Ausnutzung ausländischer staatlicher Subventionen reich geworden wären. Wenn wir eine Umverteilung, die gegen weithin akzeptierte Moralvorstellungen verstößt, im eigenen Lande nicht akzeptieren, warum sollten wir sie akzeptieren, nur weil sie Transaktionen über politische Grenzen hinweg umfasst?

In ähnlicher Weise sind wir eher bereit, eine Umverteilung der Einkommen zu akzeptieren, wenn wir erwarten, dass sich die Umverteilungseffekte langfristig ausgleichen, sodass es irgendwann allen besser geht. Dies ist ein wesentlicher Grund, warum wir glauben, dass der technologische Fortschritt seinen Lauf nehmen sollte, trotz seiner kurzfristigen negativen Folgen für einige. Wenn andererseits die Kräfte des Handels wiederholt dieselben Menschen treffen – weniger gebildete Arbeiter –, denken wir möglicherweise nicht ganz so positiv über die Globalisierung.

Allzu viele Ökonomen nehmen derartige feine Unterschiede nicht wahr. Sie neigen dazu, Bedenken über die Globalisierung auf krasse protektionistische Motive oder Unwissenheit zu schieben, selbst wenn es dabei um echte ethische Fragen geht. Indem sie die Tatsache ignorieren, dass der internationale Handel manchmal – durchaus nicht immer – mit einer Umverteilung der Einkommen einhergeht, die wir zu Hause als problematisch empfinden würden, versäumen sie es, sich angemessen in die öffentliche Debatte einzubringen. Und sie versäumen die Gelegenheit zu einer robusteren Verteidigung des Handels dort, wo ethische Bedenken weniger gerechtfertigt sind.

Während die Globalisierung gelegentlich schwierige Fragen über die Legitimität ihrer Umverteilungseffekte aufwirft, sollten wir nicht automatisch mit Handelsbeschränkungen reagieren. Es gilt, viele schwierige Zielkonflikte zu berücksichtigen, darunter die Folgen für andere Menschen weltweit, die erheblich ärmer sein können als jene, die im eigenen Land leiden.

Aber Demokratien sind sich selbst eine angemessene Debatte schuldig, um derartige Entscheidungen bewusst und überlegt zu treffen. Die Globalisierung zum Fetisch zu machen, nur weil sie den wirtschaftlichen Kuchen insgesamt größer werden lässt, ist die sicherste Methode, ihr langfristig die Legitimität zu entziehen.

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  1. CommentedBorko Handjiski

    I don't see why the term "procedural fairness" should be included in the debate on globalization, i.e. trade liberalization, at least not by those who support globalization. First, 90% of trade which is subject to restrictions (import duties) does not relate to products which can be described as "being produced in a procedural unfair manner". So, the discussion on trade liberalization should not be narrowed down to whether blood diamonds should be allowed to trade freely or not.

    If this terms were to be put on the table, countries like the U.S. and Western Europe have the least right to use it. Why? Because there was no procedural fairness in the depletion of natural and human resources (slavery) from what are today developing parts of the world which allowed these countries to make a leap in development using the power of the gun.

    Finally, who defines what is procedural fairness? Does the U.S. define how many hours Chinese workers should work or does China? Should the EU to Indonesia what to do with its environment? I don't think so, given that Indonesia's contribution to environmental pollution and change would be marginal to the contribution of the developed world. If Chinese workers want to work 12 hours a day, it is their right. If one disagrees, then France -- that is, the EU -- should impose restrictions on trade with the U.S. because U.S. workers spend much more time at work than what is allowed under French law.

    The reasons for free global trade are same as the reasons for not imposing trade restrictions among U.S. or EU states: trade increases the pie and makes everyone better off in the long run. Keeping to this simple argument should be enough.

  2. CommentedSoren Dayton

    Of course, this isn't what happens. What happens is that the state prevents John from making $300. That's the objection. That is morally wrong and politically unsustainable.

  3. CommentedJonathan Lam

    Gamesmith94134: why fair trade?

    After the effects of “barbed-wire barriers to imports” suggested by the businessmen and union members in US or the developed nations, they should understand the nature of their present financial crisis that they lost their competitiveness by a wide margin in the global term, and eliminate the choice for its people from affordability to growth because monopoly can level off its local innovation as well. Why can’t its industries be more effective or efficient to cut cost or lower price even after they met their competitions?

    Recently in China, I saw the railways imported from US, built in China in the 20s, they are still running. It was the top of technology for US, and we have the football team name Pittsburg Steelers----one of my favorite team. When the piece of the Oakland Bridge cracked, we must import it from China since we lost our competitiveness and effectiveness to pricing to the steel industry to China.
    Pittsburg Steelers turned into an icon for American Football and industry of its own, subsequently, the township and its steel worker union had made the bureaucrats proud of the steel industry that even Americans cannot afford; but, they can complain the economists outsourcing the industries for profitability. I am not prudential in protectionism since I am not sure why people do not throw stone inside the glass house; but the greenhouse effect for labor is costly, and the consequence of protectionism is anemic to growth in all terms of all imports or exports due to the loss of local innovations or the profitability under the labor cost that industries compete both fair and unfair competitions including anti-dumping or tariffs.

    In the recent years after we reckon the deficits wrecked the developed nations, and the surpluses prospers the emerging market nations. Many suggested the zero sum fair trade that many developed nations are dumping their technologies like green industries with high prices to the emerging nations in order to create its equilibrium; however, the resistance is high since its benefits to its consumers are minimal. Therefore, I would expect the bases of its consumers must be expanded first that the low-earning labors in these nations must achieve its sustainable living standard to be benefited to the technology transfers; then, the level of consumerism should meet its need in order to create the chain reaction of the supply and demand. Perhaps, they also need education to gain control systematically through the structural developments based on the foundation of necessity and affordability. Otherwise, the ClubMed syndrome will repeat to spread throughout the emerging market nations too; and, it was how the PIIGS got affected since 92’ that tourism did not help them to produce much to the bases of consumers, instead, they were subdued by the corruption and deficits as well.

    “Mark Sidwell argues that FAIRTRADE keeps uncompetitive farmers on the land, holding back diversification and mechanization. According to Sidwell, the FAIRTRADE scheme turns developing countries into low-profit, labor-intensive agrarian ghettos, denying future generations the chance of a better life.”

    In assuring the outcome of the FAIRTRADE can be the coming generation, we must develop the appropriate system or superstructure for monitoring the process in opening the commodity markets for those developing countries. Perhaps, in order to stretch the safety net for the poor farmers or labor, I think the organizing the groups in common interest may use the cooperative system that the group of small farmers can bundle up in their corps or commodities to set their corporation to market their goods. However, I would recommend the Development Bank of the United Nations as the free agent for Fair Trade which these developments can be invested in the open markets, and the organized grower or producers can grow into corporations with co-operatives; since some of the developments may have involved with international financial system and assisted in the market system during the transactions. Also, there must be a representative for the grower and producer like Africa Union, ASEAN or EU to represent and ensure the normalcy of its productivity and transparency on the transaction of these commodities.

    “That justification will not convince economists, who prefer a dryer sort of reasoning. But it is not out of place to remind ourselves that economists and bureaucrats need not always have things their own way.”

    Finally, if we must open the bases for new consumers, we must give the poor farmer and labors a chance to taste the FAIR TRADE and move away from poverty, we must stop the monopoly and give free trade a chance; then these new consumers can save us from the present financial crisis. If we accept the fact that we do need to trade honestly and share generously among nations and countries of people; there must be a system to protect the coming generation of grower and producer and a superstructure of networks to assure everyone is applying at will.

    May the Buddha bless you?

  4. CommentedPavlos Papageorgiou

    I don't agree that objections are limited to procedural fairness. In other words, I think some outcomes are objectionable even if they are the emergent result of fair processes. For example many people in the software industry did believe that Microsoft's near-monopoly status was a problem. The issue was not that it denied income to would-be competitors of Microsoft but that it caused the market to produce less good computers than it does now under competition from Apple and others.

    Regarding world trate, I think it is urgent to see distributional effects not from the side of importers and income but from the side of exporters and goods. Suppose a village in Africa contains a farmer and a craftswoman. Under protected conditions, they trade at very low prices and sustain each other. Under free trade, the farmer trades with the west, which absorbs all his output, and the craftswoman is redundant and starves. Literally.

    Where is the discussion on the supply-side effects of free trade? There should be a guiding principle that trade that connects vastly unequal economic networks with each other is a problem, just as connecting electrical circuits at very different voltage will dissipate energy and damage them. Tariffs should be applied not on imports but on exports, to ensure local supply or else redistribute the gains so that the worse-off can find alternative supply.

  5. Portrait of Kristy Mayer

    CommentedKristy Mayer

    You asked people to think about whether or not we should restrict trade. A more useful question is if and how we can both increase opportunities for international trade and ensure better distributional outcomes. For example, the United States’ trade preferences for developing countries are conditional on a variety of policy reforms in those countries – adopting international labor standards, moving toward a market-based economy, fighting corruption, etc. – and greater preferences generally come with more extensive conditions. Trade adjustment assistance is another, domestically focused, example. Do you think these and other, similar trade agreement provisions succeed at achieving both goals? If not, are there other models that may avoid restricting trade but also mitigate the trade’s distributional effects? It would behoove the United States, and other nations, to work hard to find an effective and palatable alternative to the binary restrict-or-don’t-restrict-trade decision.

      Portrait of Dylan Matthews

      CommentedDylan Matthews

      Kristy's point is a good one. Rodrik is quite right that the economic benefits of trade are unevenly distributed, and that the policy regime favored by the United States in recent years has done little to counteract the resulting increase in inequality. But it does not follow that trade liberalization is bad policy. It may follow that trade liberalization *without redistributive programs* to spread the gains more evenly is bad policy, but that is a different thing altogether. Most Scandinavian countries have arrived at regimes with very few trade restrictions but massively redistributive tax and social welfare systems, which avoid most of the maladies of trade that Rodrik identifies without sacrificing the gains.

  6. CommentedProcyon Mukherjee

    The developed world unfortunately is the biggest blind alley to protectionism when it comes to furthering free trade in agriculture and farm products, that leave billions in the under-developed and the developing world under-nourished simply because the subsidies that are doled out to protect the rich farmers come in the way of free trade to happen. This asymmetry is striking that the majority of the world’s poor would have gained as their reliance on farm products as source of income is one over-riding measure that is stunted by the veiled interference of an unfair policy that do not allow trade to happen although there is comparative advantage existing; John Rawl’s 'veiled ignorance' in this case seems to further the self-interests of a whopping minority.

    Procyon Mukherjee

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